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27.03.2026, 13:00 Uhr
Carola Gruber
Gespräche

Gespräch mit Autor Thomas Lang über seinen neuen Roman „Melville verschwindet“

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© Reiner Leist

Im neuen Roman des Münchner Autors Thomas Lang steht kein geringerer als der amerikanische Schriftsteller Herman Melville im Zentrum. Allerdings ist Melville verschwindet kein historischer Roman im klassischen Sinne. Vielmehr folgen wir einem Autor aus der Gegenwart, dem Erzähler Meander, bei seinen Versuchen, dem großen Schriftsteller auf die Spur zu kommen. Ganz zu fassen bekommt Meander den Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert jedoch nicht. Vielleicht verwandelt sich der vom Schicksal gebeutelte Melville dafür zu oft: In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, hat er als Autor nur anfangs Erfolg, verschuldet sich, findet keinen Verlag mehr und arbeitet als Zollbeamter. Sein großer Roman Moby Dick wird von der zeitgenössischen Leserschaft kaum zur Kenntnis genommen.

Was Melvilles Biografie und seine Zeit mit unserer Gegenwart zu tun haben und welche Besonderheiten es mit sich bringt, über eine historische Figur zu schreiben, von der erstaunlich wenig bekannt ist – darüber spricht Thomas Lang im Gespräch mit der Autorin Carola Gruber.

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Carola Gruber: In Deinem Roman geht es um einen historischen Stoff, aber er enthält zahlreiche Bezüge zur Gegenwart: Der Erzähler Meander lebt heute, und zahlreiche Themen aus der Melville-Zeit wirken auffallend aktuell. Geht es in Deinem Buch also um die Jetztzeit – auch dort, wo von früher erzählt wird?

Thomas Lang: Beim Schreiben haben mich die zahlreichen Parallelen von Melville zur Gegenwart frappiert. Themen, die in seinem Werk eine Rolle spielen, beschäftigen uns noch heute: Blackness, Animal Culture und Queerness. Es fehlt eigentlich nur der Feminismus. Der kommt in seinem Werk kaum vor, aber eben viele andere heute noch aktuelle Themen. Für mich ist es eine große Faszination, dass das alles schon in seinen Büchern steht.

Melville hat damit seine Leserschaft durchaus provoziert. Zum Beispiel verbringen in Moby Dick die Figuren Ismael und Queequeg eine Nacht gemeinsam im gleichen Bett, bevor sie gemeinsam zur See gehen. Das schildert Melville als eine Hochzeitsnacht. Es muss nicht sexuell gemeint sein, aber als Vertrautheit, als Intimität.

Gruber: So, wie in Deinem Roman die Zeit von Melville geschildert wird, liegt der Vergleich mit den heutigen USA nah. Wie ist Dein Blick darauf?

Lang: Mein Anliegen in dem Roman war es nicht, Trumps Amerika zu skizzieren. Aber es gibt viele Parallelen. Zum Beispiel herrschte in den USA Mitte des 19. Jahrhunderts ein harter Kapitalismus. Permanent machten Leute Pleite, so der Vater und der Bruder von Melville, und auch er selbst. Die heutige Gesellschaft in den USA kommt uns aus europäischer Perspektive ebenfalls hart vor.

In den 1990er-Jahren dachte man vielleicht, bestimmte Dinge lösen sich auf. Der Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus etwa. Doch heute stellt es sich anders dar. Mein Eindruck ist, dass es starke Parallelen zwischen Melvilles und unserer Zeit gibt: krass scheiternde Figuren, starke Instabilität und Wirtschaftskrisen. Hinzukommt mit dem Trumpismus eine kurzsichtige Politik der Rücksichtslosigkeit.

Gruber: Herman Melville kommt in Deinem Roman nicht gut weg: Er scheitert als Schriftsteller, als Ehemann, als Vater … Was hat Dich an der Figur so sehr fasziniert, dass Du an ihr drangeblieben bist?

Lang: Es ist mir wichtig, das Scheitern hier in Anführungszeichen zu setzen. Aus heutiger Sicht ist Melville einer der wichtigsten Autoren des 19. Jahrhunderts, wenn nicht sogar einer der wichtigsten Autoren der Weltliteratur. Als ich seine Bücher Bartleby, der Schreiber und Moby Dick las, wusste ich nicht, dass er zu Lebzeiten nicht erfolgreich war. Die Frage war für mich: Wie kann das sein? Das macht für mich die Spannung aus.

Ich beschäftige mich gern mit solchen Figuren. Solche, die das Leben eher erleiden, erstolpern und auf die Nase fallen. Das zieht sich durch mein Schreiben. Damit verbunden ist die Frage: Was ist eigentlich Gelingen, was bedeutet Nicht-Gelingen?

Gruber: Melville ist nicht die einzige scheiternde Figur in Deinem Roman. Tatsächlich mühen sich die männlichen Figuren sehr ab mit den Rollenbildern, die an sie herangetragen werden: als Ernährer, als Vater, als Ehemann. Die Frauen und Kinder leiden unter ihnen. An einer Stelle heißt es, für seine Kinder war Melville eine Art Tornado. Gibt es in dem Buch eigentlich auch eine Figur, die aus Deiner Sicht ein glückendes männliches Rollenbild lebt?

Lang: Eine „positive Figur“ gibt es im Roman eher nicht. Beim Schreiben beschäftigt mich so etwas nicht. Und das entspricht auch dem, was ich in meinem Umfeld erlebe. Bestimmt gibt es irgendwo Leute, die glückliche Leben führen. Aber an vielen Stellen, wo ich hingucken darf, ist es nicht oder nur bedingt so. Viele haben Baustellen in ihrem Leben und das Gefühl, sie müssten eigentlich woanders sein. Wahrscheinlich ist in meinem Roman am ehesten der Zauberer Alexander Heimbürger insofern eine glückliche Figur, als er Erfolg hatte. Aber er taucht nur am Rand auf. Als Figur interessierte er mich nicht so sehr.

Gruber: Wieso nicht?

Lang: Das Konflikthafte zieht mich mehr an: Melville hat nicht reingepasst in seine Zeit. Das geht so weit, dass heute über seine Sexualität spekuliert wird. Manche Biografen halten ihn für homo- oder bisexuell. Und auf keinen Fall war er ein guter Ernährer. Die Idee, vom Schreiben zu leben – das hieß in seinem Fall: nicht nur seine Frau und seine Kinder, sondern auch seine Mutter und seine Schwestern zu ernähren –, war sehr ambitioniert. In den USA war das damals kaum möglich. Dass Melville es trotzdem versucht hat, kann man Unerbittlichkeit nennen. Oder Dummheit. Man könnte auch sagen: Er konnte nicht anders.

Gruber: Melville durchläuft in seinem Leben zahlreiche Veränderungen: Als Kind flieht er mit dem verschuldeten Vater aus New York, später geht er zur See, dann wird er Schriftsteller, zuletzt Zollbeamter. In Deinem Roman macht er zusätzlich auch fantastische Verwandlungen durch: Er wird zu Odysseus, zur indischen Gottheit Ganesha, zu Homer … Ist Melville angesichts der vielen Verwandlungen überhaupt zu fassen – oder eben gerade in der Verwandlung?

Lang: Man weiß über Herman Melville recht wenig. Die neueste Biografie über ihn trägt den sehr passenden Untertitel „A Half Known Life“. Die äußeren Fakten seines Lebens sind zwar bekannt, aber über sein Seelenleben weiß man fast nichts. Und das, obwohl er zu einer Zeit lebte, als sehr viele Autorinnen und Autoren sehr differenziert über ihre Gefühle geschrieben haben. Melville hat das aber nicht gemacht oder hat solche Texte vernichtet. Übriggeblieben ist zum Beispiel ein Reisetagebuch. Aber das enthält fast nur Beobachtungen von fremden Orten. Melville ist also ein Rätsel. Das ist toll. Dadurch bleibt mehr Raum für mich als Autor.

Gruber: In Deinem Roman gibt es neben der Zeitebene von Melville auch die Gegenwart. Da versucht ein Autor namens Meander, ein Buch über Herman Melville zu schreiben. Was ist Meanders Funktion in Deinem Roman?

Lang: Meander ist ein Erzähler der Gegenwart, der unsere Wissenshöhe hat. Ich wollte nicht historisch erzählen, keine historische Welt errichten, in der man sich durchgehend bewegt. Das hätte ich unheimlich gefunden. Melvilles Zeit ist 170 Jahre her. Hinzukommt, dass der Schauplatz Nordamerika kulturell von uns verschieden ist. Diese Distanz konnte und wollte ich nicht aufheben. Die Frage ist also: Wie kommt man da ran?

Gruber: Meander müht sich mit dem Stoff ab, hadert, zweifelt, ja, verzweifelt und gibt das Manuskript zwischenzeitlich sogar auf. Inwiefern entspricht Meanders Erfahrung auch Deiner Erfahrung mit dem Stoff?

Lang: Meander ist nicht deckungsgleich mit mir. Für meinen Teil würde ich nicht von Verzweiflung sprechen, aber Zweifel hatte ich schon. Ich habe einige Jahre und vier Anläufe gebraucht, bis ich das Manuskript fertigstellen konnte.

Diesen Erzähler, Meander, hatte ich relativ spät im Schreibprozess. Ich hatte es zunächst mit einem Erzähler aus Melvilles Zeit versucht. Oder, ganz wild, mit einem Erzähler, der durch die Zeit reist. Aber nach 30 oder 70 Seiten merkte ich, das wird nicht aufgehen. Als ich nach einer längeren Pause, in der ich nicht am Text arbeiten konnte, das Geschriebene wieder las, etwa 160 Seiten, habe ich noch einmal alles umgeworfen – und wieder auf Seite eins angefangen. Natürlich ist es nicht das, was man sich wünscht, mal eben drei, vier Jahre Arbeit so vom Tisch zu wischen. Aber Verzweiflung habe ich da nicht gespürt.

© Berlin Verlag

Gruber: Der Erzähler Deines Romans fragt sich, als er über das Schreiben über Melville nachdenkt: „Durfte ich ungerecht sein?“ Er hat ethische Bedenken, über Personen zu schreiben, die tatsächlich existiert haben, und ihnen gleichsam etwas „anzudichten“. Teilst Du diese Skrupel?

Lang: Melville ist schon lange tot. Was ich schreibe, wird ihm nicht mehr wehtun. Anders war es, als ich in meinem Roman Immer nach Hause über Hermann Hesse schrieb und entscheiden musste, wie ich mit der psychischen Belastung seiner ersten Ehefrau umgehe. Da spürte ich eine Verantwortung gegenüber seiner noch lebenden Enkelin – ich schrieb ja über ihre Oma. Da merkt man: Es ist anders, über Menschen zu schreiben, die tatsächlich gelebt haben. Theoretisch darf man natürlich böse oder ungerecht sein. Aber ich möchte das lieber nicht. Ich möchte meinen Figuren gegenüber respektvoll sein. Das ist ein skrupulöser Prozess.

Gruber: Dein Roman enthält viele Traum- bzw. Tagtraumsequenzen. Stellen, bei denen man nicht weiß: Passiert das wirklich? Oder spielt sich das bloß in der Innenwelt einer Figur ab? Der Gegensatz zwischen Innen- und Außenwelt ist mehrfach Thema im Text. Einmal heißt es: „Es gibt keine innere Welt, die wahrer wäre als die äußere.“ Allerdings präsentiert der Text viele Bilder aus der Innenwelt der Figuren. Was hat es mit diesem Gegensatz von Innen- vs. Außenwelt auf sich?

Lang: Ich finde es ganz organisch, dass es viel um Imaginationen geht. Ich habe selbst das, was man ein „reiches Innenleben“ nennt. Zudem halte ich den Gegensatz von Außen- vs. Innenwelt für eine Konstruktion: Es gibt nicht diese zwei voneinander getrennten Welten, sondern nur eine einzige. Im Schreiben kann ich diesen Gegensatz spielerisch aufheben.

Wir wissen doch: Zeit vergeht da nicht wie auf der Uhr. Räume muss man nicht physisch durchqueren, um sie zu erleben. In der Literatur gibt es andere Räume, die sich öffnen. Ich hoffe, dass mein Roman das leistet. Ich möchte ein Angebot formulieren: dazu einladen, sich zu lockern und das Realitäts-Korsett, in dem wir uns befinden und im Alltag auch befinden müssen, mal aufzuschnüren. Das ist, wenn man so will, wie Drogen nehmen ohne Drogen. Es geht darum, Verwunderung zuzulassen. Ich möchte einladen: Lass dich dreimal um die eigene Achse drehen und dich schwindlig machen. Komm mit mir in diese Welt.

Gruber: Dein Roman endet mit einer E-Mail, die eine Nebenfigur, Karim, dem Erzähler Meander schreibt. Darin fordert er ihn zu einer „Entgegnung“ auf. Man könnte sich vorstellen, dass Meander der Aufforderung nachkommt und ihm antwortet …

Lang: (lacht) Nein, es ist keine Fortsetzung geplant. Ich bin erst einmal froh, dass ich diesen Roman abgeschlossen habe. Ich hoffe aber, dass dieser Gedanke auch für andere interessant ist: Dass Schreiben immer auch Kommunikation ist. Für mich persönlich ist es so. Beim Schreiben und beim Lesen bewegen wir uns in einem Dreieck aus Autor:in, Text und Lesenden. Der Text entsteht in diesem Dreieck – also auch beim Lesen. Schreiben ist für mich kommunikatives Handeln. Ich stelle mir vor, dass ich einen Raum herstelle, in dem sich andere bewegen können. Ich möchte, dass dieser Raum offen und betretbar ist, ein Angebot macht. Das ist ein Unterschied zwischen mir und dem Erzähler Meander. Er betrachtet das Schreiben nicht als Kommunikation.

Gruber: Ein Ausblick: Kannst Du schon verraten, was in Deinem Schreiben als Nächstes kommt, vielleicht wieder ein Stoff um eine historische Figur?

Lang: Das ist ja die Frage, die immer mit Schweigen beantwortet wird. (Pause) Ich bin mir jedoch sicher, dass sich mein nächstes Projekt nicht um eine historische Figur drehen wird. Derzeit arbeite ich an einem Text, den ich vor fünf, sechs Jahren einmal niedergeschrieben habe. Es geht darin um Krieg und Nachkrieg. Ich bin nicht sicher, ob das in einem Buch münden wird, aber ich habe Freude daran, etwas auszuprobieren. Im Moment besteht meine Arbeit an dem Text darin, hinzufühlen, was daran für mich noch lebendig ist.

Gruber: Lieber Thomas, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

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