Charkiwer

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Alle Bilder © Nadja Krasnjaschtschich

Wie sich das Leben in Charkiw angesichts der Zerstörungen der Stadt anfühlt, welche Auswirkungen der Krieg (nicht nur) auf die Charkiwer hat und welche Rolle die Liebe zu Haustieren spielt – davon erzählt der ukrainische Schriftsteller Andrej Krasnjaschtschich in diesem Text.

*

„In Richtung Sloboschanske blockiert der Feind die Stadt Charkiw nach wie vor.“

Die Aussage bleibt dreißig Tage lang unverändert.

Man kann sie auf dreiеrlei Weise verstehen: „versucht zu blockieren“, „blockiert vollständig“ oder „blockiert teilweise“, also von zwei oder drei Seiten. 

Fuhr man, als ich klein war, nach Charkiw hinein, war da ein Haus, darauf in großen Buchstaben: „Charkiw – Stadt der Arbeiter, Stadt der Wissenschaftler“, noch irgendwas anderes, dazu ein Wappen. Fährt man heute hinein, fehlt das halbe Haus. Man sieht, wie die Leute gelebt haben. Die Fotos an den Wänden. Der Teppich.

Techerow[1] sagt, dass ein Drittel der Einwohner geflüchtet ist. Von meinen Freunden sind es mehr. Jura nach Uman. Ljudotschka nach Drogobytsch. Wasik nach Iwano-Frankiwsk. Die Nachbarn nach Korotytsch. Die Kollegen vom Lehrstuhl nach Dnipro, Kropywnyzkyj, Lwiw, Tscherniwzi.

Terechow wendet sich täglich an die Dagebliebenen und endet immer mit dem Mantra: „Wir sind zusammen. Wir sind Charkiwer.“

Charkiw ist jetzt die ganze Ukraine. 

Um nicht zum Unglücksvogel zu werden, erzählt man niemandem, in welchem Stadtbezirk man sich aufhält. Aus Aberglauben. Und man fragt auch nicht danach.

Man weiß es auch so: den ganzen Tag im Keller – Piwnitschna Saltiwka. Rogan. ChTS-Siedlung. „War einkaufen“ – Pawlowе Pole. Cholodna Hora. „Bin so schnell wie möglich gelaufen.“ Nowi Domy.

Aus Gorizont schreibt niemand, das gibt es nicht mehr.

Am dritten Kriegstag sagte Dobkin[2]: „Ich bin in Charkiw. Bis zuletzt hatte ich nicht geglaubt, dass Russland die Ukraine angreift. Das ist alles ein schrecklicher Alptraum. Für mich ist vieles zusammengebrochen.“

Sapronow[3]: „Ich arbeite jetzt als Fahrer. Brot habe ich, aber niemanden zum Ausliefern. Ich bin nach Kulynytschi gefahren.“ In der zerbombten Siedlung Pjatychatky, wohin keine Lebensmittel mehr geliefert werden, ist sein Golfklub. „Dort haben wir einen Keller. Wasser. Warmes Essen. Wir können Leute bei uns aufnehmen.“

Auf dem Telegram-Kanal ,Truchaʻ (Zerfallenes): „Mein Vater stand in der Schlange vor der ,Neuen Post‘. Mit etwa fünfzig anderen. Ein schwarzer Range Rover kam angefahren, Aleksandr Feldman[4] stieg aus, machte den Kofferraum auf, verteilte schweigend Lebensmittel und fuhr wieder davon.“

„Füllen Sie bitte dieses Formular zur Beseitigung der Auswirkungen der Schäden am Gebäudebestand nach dem Beschuss der Stadt Charkiw aus.

Stadtviertel

Geben Sie Straße und Haus an

Beschädigung der Fenster
Ja
Nein

Beschädigung der Haustür
Ja
Nein

Beschädigung des Dachs
Ja
Nein

Beschädigung der Wände
Ja
Nein

Vollständige Zerstörung des Gebäudes
Ja
Nein

Senden.“

Igor hat angerufen. Sein Vater ist alt und krank. Seine Tante auch. Sie wollen nicht weg. 

Schidna Saltiwka. Um das Krachen nicht zu hören, setzt er Kopfhörer auf. „Ich hab mir das Charkiwer Konzert von Queen nochmal angehört. Magst du Jethro Tull?“ Wir haben über Wilnjus gesprochen, er war einen Monat dort, hatte dort eine Ausstellung. Er ist Fotograf. 

Und Aktionskünstler. Er feiert jedes Jahr den Bloomsday. Vor zwanzig Jahren haben wir mal zusammen gefeiert. „Hey, wir lassen uns auch für dieses Jahr etwas einfallen.“ Seine Stimme klingt traurig. Der Bloomsday ist am 16. Juni. 

Meine Kollegin Lena Krawets: „Knallt es lange nicht, ist die Stille nervenaufreibend. Knallt es weit entfernt, kann man leben.“

„,… auf der Seite der Gans?‘[5] Danke für alles, Andrej Petrowitsch. Auf Wiedersehen in einem anderen Leben.“

„Auf der Seite der Gans“ ist aus Malapartes Kaputt, dem schrecklichsten Roman über den Zweiten Weltkrieg. Über den hat Iwan eine wissenschaftliche Arbeit an der MAN[6] geschrieben, ich war sein Betreuer.

„Iwan, wie steht`s bei Ihnen?“ – „Ich bin noch in Charkiw. Meine Oma ist hier. Wegen ihr bleibe ich.“

„In einem anderen Leben“ setzen wir unsere Arbeit fort. Nächste Etappe Kijiw. „Iwan, wie geht’s Ihnen?“ – „Geht so. Heute ist es still. Die ganze Nacht hindurch. Das ist ganz schön nervenaufreibend.“

„Würden wir bloß im sechsten Stock wohnen! Wir wohnen im fünfzehnten. Wenn’s besonders schlimm ist, geht die Oma runter in den dreizehnten. Und wir in den vierten neben die Aufzüge. Übernachten dort. Wir haben beschlossen, dass es dort am sichersten ist.“

Er hat ein Foto von sich geschickt: mit einer Tasse Kaffee. „Das war im Café ,Kofein‘. Schon seit einer Woche gehen wir zum Kaffeetrinken dorthin. Da denkt man überhaupt nicht mehr an das Geknalle.“

Die Kinder sind erwachsen geworden. Die Tiere auch, nur schneller. Ljudotschka sagt, dass ihr Hund fünf Minuten vor einem Luftalarm alle zusammengetrieben hat. Und in ein sicheres Zimmer gescheucht.

Der Hund ist von der Müllhalde. Ihr Mann hat ihn als Welpen von dort mitgebracht. Er wollte um keinen Preis an die Leine. Lief immer frei. Als sie evakuiert wurden, kam er freiwillig, steckte den Kopf ins Halsband. Die ganze Autofahrt über, zwei Tage lang, saß er mit dem Halsband da. Alle nehmen bei der Evakuierung mit, was ihnen wichtig ist. Nicht das Nötigste, sondern das Wichtigste.

„Am Morgen sind wir aus Charkiw weg. Haben die Kater gepackt und sind sechs Haltestellen gelaufen. Zu uns fährt nichts mehr.“

Im Lehrstuhlchat gibt es eine Katzenausstellung. Jeder postet seine. Tatsächlich hat jeder eine. Oder einen Hund. Auch sie sind Charkiwer.

Wir betrachten sie, reden über sie. „Zum ersten Mal seit vielen Tagen habe ich gelächelt!“

Rom wurde von Gänsen gerettet, Charkiw von Katzen und Hunden. Insbesondere die Kinder. Nadja hatte sich zurückgezogen, mit niemandem mehr gesprochen. Und wenn sie doch etwas sagte, gab es Streit. Nachts schrie sie. Weigerte sich, in den Keller zu gehen.

Hatte sie gute Laune, zeichnete sie. Auf jedem Bild – unsere Katze Lotta. Sie war die ganze Zeit bei ihr.

Früher nannten wir das einfach Katzenkuscheln. 

Lotta ist die erste Katze, mit der ich mich angefreundet habe. Man hat sie uns als kleines Kätzchen anvertraut. Nadja ist ganz verrückt nach Katzen, ich bin dagegen allergisch. Man hat uns gesagt, es handele sich um eine hypoallergene Rasse: Scottish Fold. Auf Ukrainisch klingt das lustig: „Skotlandska klapowucha“, „Schottisches Klappohr“. Die ganze Katze ist lustig: rundes Gesicht, große Augen – wie eine Eule. Als sie klein war, passte sie auf meine Handfläche.

Ein Jahr vor dem Krieg. Ich weiß nicht, was wir jetzt ohne sie tun würden. 

Katzen retten ihre Menschen – während der Flugzeug- und Raketenangriffe – vor Einsamkeit, Angst und sogar Wahnsinn, allein durch ihre Gegenwart. In vielen Fällen weigerten sich die Charkiwer, sich ohne ihre Haustiere evakuieren zu lassen. Mir scheint: Tiere, besonders Kätzchen stellen ein sehr wichtiges Phänomen dieses Krieges dar. Sie sind überall, Soldaten an der Front lassen sich mit ihnen fotografieren. Sie sind ein Gradmesser für Normalität und Menschlichkeit.

Ich habe viel über den Krieg gelesen. Aber so etwas habe ich nie gelesen, gehört oder gedacht. 

Im Lehrstuhlchat: „Kollegen, wie verstärkt man Fenster richtig mit Klebeband?“ – „Über Kreuz kleben, und dann nach Belieben, am besten mit Sperrholz verbarrikadieren.“ – „Klebestreifen über Kreuz, und dann einfach das Klebeband aufbrauchen. Je mehr, desto besser. Wenn alles vorbei ist, putzen wir die Fenster.“ – „Ja, das machen wir, falls dann noch welche da sind.“ 

„Wissen Sie vielleicht, ob man in der Metro irgendwie von einer Station in die andere kommt? Lassen die einen zu Fuß durch die Tunnel? Wir sind eine Familie mit Kindern. Kommt man irgendwie zum Bahnhof durch?“ – „Entlang der Strecke haben sie uns gehen lassen. Aber manche Stationen sind komplett geschlossen. In manchen stehen Wagen, da kommt man nicht durch. Und damit man an den Gleisen entlanggehen kann, muss auf der ganzen Linie der Strom abgeschaltet werden.“ – „Ich weiß es aus sicherer Quelle – eine Familie mit Kindern ging unterirdisch von der Station Prospekt Gagarina zum Bahnhof, um in die Westukraine zu fahren.“

„Heute sind wir in Mala Danyliwka von einer Streubombe getroffen worden, ein Splitter hat meinen Mann am Bein erwischt. Gott sei Dank wurden weder Knochen noch Arterien verletzt. In Walky hat man uns ins Krankenhaus aufgenommen, die Operation war umsonst. Und sie brachten uns mitsamt unserer zwei Katzen in einem eigenen Zimmer unter und gaben uns zu essen. Als ich mich dafür erkenntlich zeigen wollte, schrien sie empört, sie könnten sich nicht mehr im Spiegel anschauen, würden sie auch nur eine Kopeke annehmen. Morgen fahren wir nach Poltawa. Passt auf euch auf!“

„Ich bete immer, dass ich heil in der Arbeit ankomme.“ Aus einem Gespräch in der Warteschlange.

Terechow sagt: „Nach dem Krieg gehört den Stadtarbeitern ein Denkmal errichtet.“
Auf einem Foto in einem Telegram-Kanal ist eine Hauswartin im roten Overall zu sehen, die eine Rakete zu Müllcontainern schleppt. Eine abgeschossene Streubombe. Sie ist schwer. In den Containern liegen schon zwei davon.

Ein Hauswart. Na vielleicht zwei. Hier neben dem Spielplatz stehen aber gleich zehn! Schimpfen. Streiten sich lautstark. Sofort wird einem heiter zumute. Wie im früheren Leben. 

„Es steht schlecht, sie haben gesagt, dass wir heute wegmüssen. In der Nacht geht’s los. Hast du die Telefonnummer in Poltawa? Ich bin auf der Suche nach einem Auto, das mich und die Katzen hinbringt.“

Zwei Stunden später: „Lena, Schatz, für Charkiw gibt es vorerst Entwarnung, Wereschtschuk[7] hat sich geirrt, Sinehubow[8] hat gesagt, dass doch nicht evakuiert wird.“

Am Morgen geht sie ums Haus, fotografiert die ersten Blumen. Ranunkeln und Veilchen. Schickt uns die Bilder. 

„Flüchte lieber.“ Im Haus nebenan ist ein Loch. Wo eine Wohnung war. Die Schule nebenan, in die seine Kinder gingen, gibt es nicht mehr: ein Trümmerhaufen. Die eine Tochter ist in der Schweiz mit ihrem Schweizer Mann. Die andere mit der Familie in den Niederlanden. Schon lange. Seine Frau ist einen Tag vor Kriegsbeginn zu ihr gefahren. Der Sohn hat die einjährige Enkelin aus Charkiw nach Transkarpatien gebracht. Sie schickten ein Paket an die „Neue Post“. An dеm Tag ging er nicht hin. Am folgenden schlug eine Rakete dort ein. Sechs Tote, fünfzehn Verletzte. 

„Ohne den Kater wäre ich schon komplett durchgedreht.“ Der Kater ist geschwätzig. Übers Telefon hört man ihn reden. Hört es knallen und dröhnen. „Los, flüchte lieber.“

Es gibt kein Gas mehr. Im ganzen Bezirk. Die Gasleitung wurde getroffen. Das Licht fällt ein, zwei Tage aus. Auch das Internet fällt aus. Heißes Wasser gibt’s in der ganzen Stadt schon lange nicht mehr.

„Flüchte lieber“. Er wohnt im elften, die Schwester seiner Frau im zehnten Stock. Die Füße tun ihm weh, er geht fast nicht raus. Hat drei Kater. Die Aufzüge sind schon seit dem ersten Kriegstag abgeschaltet. 

Ein richtiger Hellene. Dozent für Altgriechisch. Bei Luftalarm liest er Der Magus von John Fowles. In ukrainischer Übersetzung. Auf Russisch und im Original hat er es schon gelesen. 

4. April: „Der Feind richtete seine Hauptanstrengungen auf die Vorbereitung der Wiederaufnahme der Offensivoperationen zur Einschließung und Einnahme der Stadt Charkiw.“

Aus dem Russischen und Ukrainischen von Petra Huber mit Olga Gleiser

 

[1] Igor Terechow, seit 2021 Bürgermeister von Charkiw. 

[2] Mychajlo Dobkin, ukrainischer Politiker.

[3] Jurij Sapronow, ukrainischer Geschäftsmann, ehemaliger Politiker.

[4] Aleksandr Feldman, ukrainischer Volksabgeordneter, Geschäftsmann und Philantrop.

[5] In Curzio Malapartes Roman Kaputt (1944) steht die Gans für Absurdität der Kriegsführung und Unmenschlichkeit.

[6] Mala Akademija Nauk Ukrajiny – Kleine Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

[7] Iryna Wereschtschuk, seit 2021 stellvertretende Ministerpräsidentin und Ministerin für die Wiedereingliederung besetzter Gebiete.

[8] Oleh Synjehubow, seit 2021 Gouverneur der Oblast Charkiw.