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25.03.2026, 14:08 Uhr
Ursula Wiest
Spektakula

Albert Ostermaiers große München-Utopie „Munich Machine“ am Bayerischen Staatsschauspiel

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"Munich Machine" am Münchner Residenztheater. Mit Pia Händler, Niklas Mitteregger, Myriam Schroeder. © Birgit Hupfeld

Das neue Werk des Theaterautors Albert Ostermaier würdigt das Leben der Filmlegende Klaus Lemke. Mit dem Eröffnungsmonolog „Munich Howl“ stellt es sich außerdem in die Tradition des berühmten Beatnik-Poems von Allen Ginsberg. In der Regie von Ersan Mondtag entsteht aus alledem am Residenztheater eine psychedelische Bilderreise zu den Schreckens- und Sehnsuchtsorten des Moloch München. Dr. Ursula Wiest hat Munich Machine miterlebt.

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Kurz vor der Pause dieses fiebrig vor sich hintreibenden Theaterabends taucht die Scheinwerfer-Regie das Bühnengeschehen in magentafarbenes Licht. Links vorne sitzt ein Wiedergänger des Texterschaffers Albert Ostermaier mit gefalteten Händen auf einem Stuhl. Belastet. Bleich. Mit brüchiger Stimme. So referiert er die Jugenderinnerungen eines bayerischen Ministranten, der in den frühen 1980er-Jahren der pädokriminellen Gewalt eines klerikalen Missbrauchstäters zum Opfer fiel. Während die trancehaften Beats, die Techno-Guru DJ Hell für dieses Event schuf, sich zu sakralen Klängen wandeln. Und der Schauspieler Vincent Glander, der später noch als Donna Summer zu erleben sein wird, die Betroffenheitsfloskeln von Kardinal Marx zum Fehlverhalten kirchlicher Würdenträger im Erzbistum München und Freising vorträgt. Vor allem aber schlägt der Sprechgesang der Schauspielerin Myriam Schröder die Szenerie in Bann, wenn sie als Weihbischof mit kalter Emphase unterschwellig sexualisierte Bibeltexte intoniert. Und ein Ensemble junger Choristen in die Beschwörung von „Schmerzen, die zur Wonne werden“ einstimmt.

„Kinder Gottes“ nennt sich diese Liturgie des Grauens. Sie ist das 7. Kurzkapitel in Ostermaiers triptychonartig aufgebautem Textwerk Munich Machine. Und die düsterste Facette in dem dunklen Spiegel, den er der Isarmetropole vorhält.

Erzählt wird die Erinnerungsreise des unheilbar erkrankten Independent-Regisseurs Klaus Lemke zu magischen Orten seiner künstlerischen Heimat München. Ambivalent. Amour-fou-haft. Quasi erotisch. So performt die Resi-Heimkehrerin Brigitte Hobmeier in der Rolle des freakigen Autorenfilmers dessen Verbundensein mit der „isarflimmernden“, „glockenbachhellen“ Metropole seines Herzens. Und bringt mit ihrer durchscheinenden Präsenz die Züge von Verletzlichkeit und Sanftheit zum Leuchten, die Ostermaier dem als testosterongesteuerten Asphaltcowboy verrufenen Schwabing-Flaneurs auf den Leib schrieb. Als „schmutzigen Engel“, der „aus dem Himmel wie aus einem Club geschmissen wurde“ und Reste seiner verlorenen Flügel zwischen den Schulterblättern trägt.

Lemkes Transit führt zu den Billardtischen des Schellingsalons, zum Baader-Café und an die Stätten der Olympiade von 1972. Er durchkreuzt Giorgio Moroders Musicland Studio im Untergrund vom Arabella Hochhaus und erreicht schließlich die Gestade der Isar, wo Helmut Dietls legendäre Helden auf Regiestühlen ihr bajuwarisches Konzept von Melancholie zelebrieren. Und bei alledem ist Klaus nicht allein. Denn, als kulturanthropologisch wissender Autor hat Ostermaier ihm zwei Schutzwesen zur Seite gestellt: eine kühle außerirdische KI im Bauhaus-Outfit mit pyramidaler Schulterpartie. Und eine androgyne Gestalt im Radical Chic der frühen 1970er-Jahre, die als „Amore“ aus Lemkes Erfolgsfilm von 1978 wiederkehrt. Sie geleiten den verlöschenden Klaus durch seine Fieberfantasien. Sie tragen ihn durch seine Erlebniswelten bis hin zur finalen Abreise im Ufo mit einer rundgebogenen Weißwurst über dem Triebwerk. Während Pia Händler in einer gespenstisch anmutenden Münchner-Kindl-Kutte mit ihrer Tragödinnenstimme Isar-Athener Abgründe anprangert, wie einst Kassandra vor den Toren Trojas.

Dies ist ein Theaterabend, der tief in die DNA des Millionendorfs eindringt und dort lange nachwirken wird.