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Rezension zu Wolfgang Weigands „Das mit der Liebe und anderen Dingen“ und Stefan Wirners „Aussen. Gelände. Innen.“

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© Königshausen & Neumann (Weigand); © officin albis (Wirner)

Die aus der bayerischen Region stammenden Dichter Wolfgang Weigand und Stefan Wirner, inzwischen in Richtung der europäischen Großstädte aufgebrochen, haben jeweils sehr unterschiedliche poetische Wege eingeschlagen. Während Wirner, so unser Rezensent Florian Birnmeyer, in leisen, präzisen Bildern das Dorf als Erinnerungslandschaft entwirft, versammelt Weigand die großen Themen von Liebe, Glauben, Krieg und Zweifel in emotional dichter Lyrik. Eine Doppelrezension über Herkunft, Haltung und die Kraft der leisen Töne.

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Zwischen Oberpfalz und Unterfranken liegen 184 Kilometer. Zwischen Dorf und Welt, Herkunft und Aufbruch, Melancholie und Protest liegen in der Lyrik manchmal nur wenige Verse. Stefan Wirner und Wolfgang Weigand sind zwei Autoren aus Bayern, die weggegangen und doch auf sehr unterschiedliche Weise geblieben sind.

Stefan Wirner, aus Weiden in der Oberpfalz stammend, lebt heute in Berlin. Nach einem Studium der Neueren Deutschen Literatur in Köln, München und Berlin veröffentlichte er Prosa und Lyrik. Sein Gedichtband Aussen. Gelände. Innen. ist jedoch kein urbanes Buch, sondern ein Buch der Herkunft, der Prägung und der kleinstädtischen Landschaften, die man nicht abschüttelt, auch wenn man in Metropolen ankommt.

Wolfgang Weigand hingegen, geboren in Schweinfurt, lebt seit drei Jahrzehnten in der Schweiz, genauer in Winterthur. Nach einem Studium der Theologie arbeitet er als freischaffender Theologe, Berater und Therapeut. Seine Bücher entstehen aus existenziellen Erfahrungen und kreisen um Liebe, Trennung, Krankheit, Glauben, Krieg und Tod. In Das mit der Liebe und anderen Dingen versammelt er diese großen Themen wie in einem bunten Blumenstrauß, der zugleich anziehend und überwältigend wirkt.

Und genau hier beginnt der Kontrast: Weigands Band ist mit 221 Seiten ein literarischer Kraftakt. Gedicht folgt auf Gedicht, Thema auf Thema. Zunächst geht es um Liebe und Trennung, danach um das Leben selbst, dann um Krieg und Frieden, um Glauben und Zweifel und schließlich um das Sterben. Man fühlt sich ernst genommen und begleitet, aber auch überfordert von der Fülle. Manche Texte sind leicht und aphoristisch, andere schwer und von existenzieller Wucht. Dieser Band will das Ganze des Lebens umarmen, und gerade darin liegt zugleich seine Stärke und seine Überforderung.

Wirner hingegen wählt die leise Form. Sein schmales Bändchen wirkt unaufdringlich und beinahe bescheiden. Die Gedichte erscheinen wie hingeworfen und sind doch präzise gesetzt. Begleitet werden sie von Linol- und Holzschnitten Quirin Bäumlers, die dem Band eine zusätzliche Erdung verleihen. Besonders eindrucksvoll wird dies dort, wo Bild und Text einander nicht erklären, sondern vertiefen. So etwa in dem Gedicht Ungeahnte Symbiose: Die knorrigen Birnbäume/halten sich tapfer/wie selbstverständlich stehen sie/am Straßenrand, als sei es ihre/Bestimmung ...

Hier stehen nicht nur Bäume am Rand einer Straße, sondern das ganze ländliche Dasein, das standhaft, selbstverständlich und beinahe ergeben wirkt.

Während Weigands Gedichte emotional und oft ortlos bleiben, entwirft Wirner eine Topografie des Dorfes. Er schreibt von Parkplätzen, Kläranlagen, Bahnhöfen, Parkbänken, Neubausiedlungen, Natur und Tieren. Es entsteht ein Dorf X, das überall liegen könnte und gerade dadurch exemplarisch wird.

Und doch ist dieses Dorf nicht weltabgewandt: Auf einer Parkbank/einer mit Gitarre/April Wine/Nur dieses Jahr/Nicht in Charkiw... Ein einziger Ortsname reicht aus, um das Lokale mit dem Globalen zu verschränken. Der Alltag auf der Parkbank steht plötzlich neben dem Krieg. 

Weigand ist direkter und politischer. Seine Gedichte greifen gesellschaftliche Debatten offen auf: Wir müssen wieder/kriegstauglich werden/sagen sie/Wir müssen/unsere Werte verteidigen/mahnen sie. Hier spricht der Geist der theologischen Friedensbewegung und eine grundsätzliche Skepsis gegenüber militärischer Logik. Auch die Corona-Zeit bleibt nicht ausgespart: Aber sie haben geschwiegen/in der Pandemie/als es ihnen wirklich/an den Kragen ging/und ihnen/scheinbar/nichts mehr gehörte/Nicht einmal/das Recht/auf ein Nein...

Und weiter: Wenn Skeptiker/als Häretiker/gebrandmarkt werden/ist es eine Form/von Stigmatisierung/Aber sie sind/in guter Gesellschaft/Auch Jesus/war ein Querdenker...

Oder er äußert sich (im Gegensatz zu Wirner) kritisch zum Ukraine-Krieg bzw. zu dessen Priorisierung in der medialen Berichterstattung: Die Fahnen der Ukraine/überall/aber keine Solidarität/mit Kambodscha Vietnam Chile/Serbien Irak Libyen/und viele andere/völkerrechtswidrig/angegriffen.// Zweierlei Maß/wie überall/wenn es/um die richtige Moral/geht...

Weigand übernimmt den Begriff des Querdenkers offensiv und stellt ihn in eine religiöse Traditionslinie. Kritik wird hier zur moralischen Haltung und zum spirituellen Widerstand. Das ist mutig, wirkt aber auch vereinfachend, weil komplexe gesellschaftliche Konflikte stark reduziert werden.

Man kann diesen Band jedoch auch jenseits der politischen Passagen lesen, nämlich als Sammlung von Liebesgedichten und Abschiedstexten. Dort, wo Weigand mit Antithesen und Wortspielen arbeitet, entstehen zugängliche Momente, die jedoch manchmal ins Banale zu kippen drohen: Endlich/glaubte sie/frei wie ein Vogel/zu sein/Als die anderen/glaubten/sie sei vogelfrei/sehnte sie sich/wieder/in den Käfig zurück...

Wirner wirkt in solchen Momenten sprachlich souveräner und bildstärker: Nachmittags spielten wir/auf dem Gelände hinter/der Neubausiedlung/da gab’s/Gebirge aus Sand. Oder in der stillen Gegenüberstellung von Dorf und Welt: Unterweges fragte ich/die Hauptstädte Europas ab/Paris, Prag, London, Budapest/Helsinki, Stockholm, Bukarest/so erfuhr ich vom Unterschied/zwischen Amsterdam und Den Haag...

Hier entsteht Biografie aus wenigen Worten. Bei Wirner ist das lyrische Ich klar konturiert, nämlich als Mann mittleren Alters, der zurückblickt und seine Herkunft reflektiert. Bei Weigand bleibt das Ich diffuser und bewegt sich zwischen Liebendem, Zweifelndem, Glaubendem und Protestierendem.

Am Ende zeigt sich, dass beide Autoren mit Ernst und Empathie schreiben. Weigand überzeugt durch emotionale Offenheit und thematische Weite, während Wirner durch sprachliche Präzision, atmosphärische Dichte und literarische Reife besticht.

Der stärkere Band ist der leisere. Stefan Wirners Aussen. Gelände. Innen. macht aus wenigen Worten Landschaften, Erinnerungen und gesellschaftliche Resonanzräume. Wolfgang Weigands Das mit der Liebe und anderen Dingen will das Ganze des Lebens umfassen und trägt daran bisweilen schwer.

Es sind zwei Wege aus dem Dorf hinaus. Der eine führt über die große Geste, der andere über die kleine Beobachtung. Und gerade dort, wo nichts laut wird, bleibt am meisten zurück.

 

Wolfgang Weigand: Das mit der Liebe und anderen Dingen. Gedichte. Königshausen & Neumann 2025, 214 S., ISBN: 978-3-8260-9332-6

Stefan Wirner: Aussen.Gelände.Innen. Gedichte, illustriert von Quirin Bäumler. Verlag Officin Albis 2025, 27 S., ISBN: 978-3-9261-5226-8