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Remix Pjatipol, Teil 1

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Alle Bilder © Alexander Milstein

Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Nach dem Studium der Mathematik beginnt er 1988 zu schreiben. Seitdem hat er acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland und die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint, in dem neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen sind. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke. Er zeigt sie in Ausstellungen und fügt sie seit Pjatipol auch in seine Bücher ein.

*

Man kann nicht sagen, dass ich noch nie in Pjatipol gewesen bin, denn ich bin auf dem Weg in den Süden immer dort durchgefahren.

Manchmal habe ich dort eine Weile angehalten, um auf einen anderen Zug zu warten, wobei die Pause zwischen den Zügen manchmal einen ganzen Tag dauerte.

Oder die ganze Nacht.

Aber dieses Mal fuhr ich zum ersten Mal nach Pjatipol selbst – zu Besuch bei Roman Gorenko, meinem alten Freund, der im Gegensatz zu den meisten unserer Kommilitonen kein Expat, sondern ein Eskapist geworden war.

Das sind seine eigenen Worte.

Ich legte das Buch mit den Erzählungen von Etgar Keret, das ich mit auf die Reise genommen hatte, beiseite.

Ich ließ es übrigens in der tiefen Tasche auf der Rückseite des Vordersitzes liegen.

Nicht absichtlich, d.h. nicht, weil mir die Erzählungen unerträglich leicht vorkamen, sondern einfach aus Zerstreutheit.

Ich versuchte einzuschlafen.

Aber ich kann nicht im Sitzen schlafen. Und dieses Mal fuhr ich zum ersten Mal mit dem Bus nach Pjatipol, denn obwohl Roman mich schon vor langer Zeit zu sich eingeladen hatte, war meine Entscheidung spontan, und es war Sommer und trotz der großen Auswahl an Zügen gab es keine Fahrkarten mehr am Schalter.

Ich öffnete die Augen, schob den Vorhang beiseite und schaute aus dem Fenster auf die weißen Baumstämme, die an der Straße vorbeiflitzten.

Im Zug hätte ich wahrscheinlich schon geschlafen und geträumt ... obwohl das nicht sicher ist, dachte ich, vielleicht hätte ich genauso wenig schlafen können, denn ich litt oft unter Schlaflosigkeit im Zug.

Zumindest in den ersten anderthalb Stunden der Fahrt bereute ich es überhaupt nicht, dass ich nicht auf dem Liegeplatz im Abteil lag und dem Rattern der Räder auf den Schienen lauschte.

Der Platz neben mir war frei, und ich lag ganz bequem auf zwei Sitzen, da sie dicht nebeneinanderstanden, und schaute auf die weißen Baumstämme, die mir wie eine fantastische Installation vorkamen.

Der Bus war insgesamt recht komfortabel, er erinnerte eher an ein Flugzeug, und es gab eine Stewardess in einer Uniform, die der von Flugbegleitern glich. Sie bewegte sich manchmal sehr schnell in der Dunkelheit und bot denjenigen, die die Leselampe eingeschaltet hatten, leise Kaffee, Kekse und andere Dinge an.

Fast alle hatten ihre Lampen ausgeschaltet, aber an der Decke des Salons flackerten eine Reihe angenehmer blauer Lichter.

Und so fuhren wir durch die nächtlichen Gehöfte, deren Umrisse hinter den weißen Baumstämmen ganz gespenstisch wirkten.

Und doch war es beeindruckend: Hunderte von Kilometern weißer Stämme, ich konnte nicht glauben, dass dies aus rationalen Gründen geschah.

Ich erinnerte mich daran, wie ein Professor vom Lehrstuhl für Funktionsanalyse auf seinem Grundstück Pappeln gepflanzt und sie mit weißer Farbe angestrichen hatte.

Nicht so wie diese, d.h. nicht nur anderthalb Meter über dem Boden, sondern alle Äste und Kronen, komplett.

Ich habe darüber bereits in einer meiner Erzählungen geschrieben, ich sollte mich nicht wiederholen, aber da ich es nun einmal getan habe, möchte ich sagen, dass ich in dem Nachtbus, der nach Pjatipol raste, verstanden habe, woher die Idee für die „Aktion” des Professors kam.

Nach einer Weile, vielleicht in Mirgorod, vielleicht auch in Poltawa (ich war noch schläfrig und erinnere mich nicht genau), stiegen mehrere Passagiere in den Bus ein.

Einer von ihnen kam auf mich zu und sagte, er habe eine Reservierung für diesen Platz, woraufhin ich natürlich Platz machen musste.

Als er sich hinsetzte, musste ich noch mehr Platz machen, mich einfach zusammenquetschen, und den Rest der Fahrt verbrachte ich in einer sehr unangenehmen Enge.

Der Mann schien mir, soweit ich das im Halbdunkel erkennen konnte, mit allen Wassern gewaschen zu sein, allerdings habe ich ihn während der gesamten Fahrt insgesamt nicht länger als eine Minute gesehen: Ich schaute aus dem Fenster auf die hypnotisierenden weißen Baumstämme. Links von mir, oder genauer gesagt, auf mich zukommend, roch es nach Alkohol, aber die Wirkung des Alkohols war wohl schon verflogen, denn ich spürte eine gewisse Gereiztheit, Wut, bei meinem Nachbarn, die sich nach ein paar Minuten Bahn brach.

Er drehte sich um und sagte auf Russisch:

„Leute, könnt Ihr bitte still sein? Außer Euch versteht niemand, was Ihr sprecht!“

Ich hätte gedacht, dass er scherzt, wenn da nicht seine Stimme gewesen wäre, in der sich eine explosive Mischung aus kindlicher Kränkung und nicht kindlicher Drohung befand, sodass ich den Gedanken an einen Scherz sofort verwarf.

Die Ausländer, die direkt hinter uns und auf der anderen Seite des Ganges saßen und zuvor auf Französisch geplaudert und gekichert hatten, verstummten und erstarrten.

Der Mann wandte sich von ihnen ab und suchte mit seinem Blick meine Unterstützung. Ich beeilte mich, so demonstrativ wie möglich ins Fenster zu schauen.

Da sagte der junge dunkelhäutige Frankofone, der hinter uns saß, auf Russisch mit nicht allzu starkem Akzent:

„Ich bringe Dich um!“

Und nach ein paar Sekunden:

„Jetzt ist es klar, ja? Du verdammte Schlampe! Verpiss Dich! Fick Dich ins Knie!“

Also natürlich nicht auf Deutsch und auch nicht auf Französisch, sondern mit obszönen russischen Wörtern.

Da wir mit den Seiten aneinandergedrückt saßen, spürte ich, wie in meinem Nachbarn etwas wie Krämpfe vor sich gingen.

Ich dachte, dass er jetzt einen herzzerreißenden Schrei ausstoßen würde, der uns bis zum Ende der Fahrt begleiten würde, oder sogar etwas Wesentlicheres ...

Das heißt, ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn der Onkel danach eine Granate aus seiner Brusttasche gezogen hätte.

Aber nichts dergleichen geschah, er zuckte nur ein wenig, was nur ich spüren konnte, und verfiel dann in eine unheimliche Lethargie.

Jedenfalls bewegte er sich bis zum Ende der Fahrt nicht mehr und gab keinen Ton mehr von sich, und nach einer Weile tat er mir schon leid. Ich dachte, dass diese Worte ein Schrei seiner Seele waren, dass sie nicht nur die Müdigkeit und Verärgerung über diese Fremden, die über Gott weiß was schwatzten, sondern auch über vieles andere Unverständliche in diesem Leben zum Ausdruck brachten, und dann noch diese hier ... nun ja, es hatte sich in ihm angestaut, ja.

Ich dachte sogar daran, irgendwann zu versuchen, mit ihm zu sprechen. Aber worüber?

Ihn fragen, warum die Bäume weiß gestrichen werden? Ich wollte es, aber dann dachte ich, dass diese Frage ihn endgültig fertigmachen würde, weil sie mich als „Beinahe-Ausländer” entlarven würde: Da vor uns noch einige andere Staatsangehörige mit unterschiedlicher Hautfarbe saßen, würde mein Nachbar denken, dass er umzingelt sei, und die Notbremse ziehen.

Obwohl wir nicht im Zug sind ... nun, oder vielleicht hat er dort etwas versteckt, dachte ich, dass die Bewegungen keine Krämpfe sein könnten, sondern Anfälle, die er mit Willenskraft unterdrückte, indem er die Folgen abwägte.

Aber nein, das wäre in dieser Situation eine idiotische Frage gewesen, und andere Fragen wären noch idiotischer gewesen, also schwieg ich, und er schwieg, und sogar der freche Frankofone hinter uns, der eine Zeit lang demonstrativ noch lauter gesprochen hatte, schwieg nun.

Vielleicht schliefen alle schon, und irgendwann hörte ich offenbar auf, eine Ausnahme zu sein, denn als ich aufwachte – und ich hätte nicht einmal gemerkt, dass ich aufgewacht war ... und also zuvor geschlafen hatte – links von mir flogen immer noch weiße Baumstämme vorbei, aber rechts hatte sich die Situation geändert, der Sitz war frei, obwohl der Bus weiterfuhr, was bedeutete, dass wir irgendwo angehalten hatten, während ich geschlafen hatte.

Mein Schlaf in dieser unbequemen Position war ebenso überraschend wie das Verschwinden meines verärgerten Nachbarn, und in meinem erwachenden Gehirn blitzte der Gedanke auf: „Gab es ihn überhaupt, oder habe ich ihn nur im Traum gesehen, und wenn es ihn gab, ist er ausgestiegen, oder bin ich ... bin ich jetzt er ... Und wer hat gesagt, dass jeder auf seine Weise verrückt wird ... wenn man diese weißen Stämme betrachtet ... das kann man nicht sagen, nein ...“

Nicht nur die Stämme hellten sich hinter dem Fenster auf, obwohl sie immer noch das Weißeste auf der Welt waren.

Ich sah, dass mein Handy wieder Empfang hatte, und rief Roman an.

Er schlief nicht mehr oder war sofort aufgewacht, und als er hörte, dass der Bus auch am Bahnhof halten würde, schlug er vor, sich am Denkmal am Anfang des nebenliegenden Parks zu treffen: Das war für ihn näher als die andere Haltestelle.

„Findest Du es? Ich erkläre es Dir ...“

„Ja, ich weiß, wo das ist“, sagte ich. Und fügte aus irgendeinem Grund hinzu: „Ich erinnere mich nicht mehr, wem das Denkmal gewidmet ist.“

„Du erinnerst Dich nicht mehr, und ich weiß es nicht“, sagte Roman. „Aber das ist mir auch zu verzeihen, ich bin noch kein alter Hase hier.“

Er sagte стАрожил (alteingesessen, langjähriger Einwohner), aber ich habe im ersten Moment стОрожил (bewacht) verstanden und ich erinnerte mich an eine apokryphe Geschichte aus Charkiw, die ich in einer meiner Erzählungen verwendet hatte, über einen alten Scharfschützen, der jede Nacht seinen offiziellen Posten am Fenster des Regionalkomitees einnahm und die Tauben vom Lenin-Denkmal verscheuchte, das gegenüber am anderen Ende des Platzes stand, indem er sie ab und zu erschoss.

Und ich erinnerte mich noch einmal daran, als ich vor dem Denkmal im Park stand und auf Gorenko wartete.

Ich dachte, dass mein Mitfahrer im Bus die Rolle des Scharfschützen übernehmen könnte, wenn es eine Verfilmung der Erzählung gäbe.

Das Gesicht des Denkmals verwandelte sich in ein grau-weißes Oval.

Es war nun keine Skulptur mehr, sondern eine pastose Malerei.

Die Baumkronen sind so dicht, dass die Gruppe von Malern, die sich auf den Ästen niedergelassen hat, nicht zu sehen ist.

In meinem Kopf blitzten Zeilen von Puschkin und Brodsky auf ...

„Ich habe mir ein Denkmal gesetzt, das nicht von Menschenhand geschaffen ist ...“, „Anders unter den Vögeln, aber Vögel bedeuten wenig ...“

Weder Puschkin, noch Gogol, noch Schewtschenko ... Ich schloss überhaupt keine Helden irgendeiner Zivilisation aus den möglichen Varianten des Gesichts aus, das unter Schichten von Guano verborgen war, aber mit viel größerer Wahrscheinlichkeit handelte es sich um Lenin.

Möglicherweise der Einzige, der nach den jüngsten Lenin-Denkmäler-Stürzen übriggeblieben ist.

„Nun, ich werde meine Mütze abnehmen, meine Weste ausziehen, meinen Bart abrasieren und meine Glatze mit einer Perücke bedecken ... Aber wohin soll ich mit meinen Gedanken?“ – sagt ein Passant in einem alten sowjetischen Witz zu einem Agenten, als dieser auf ihn zukommt und ihm sagt, dass er sich verändern muss, weil er Lenin zu ähnlich sieht und das eine unverschämte Blasphemie sei.

Remix Pjatipol, Teil 2