Info

Besuch aus Weimar

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/instblog/2025/klein/Heidenreich-Alle-weg-aus-Weimar_01_500.jpg#joomlaImage://local-images/lpbblogs/instblog/2025/klein/Heidenreich-Alle-weg-aus-Weimar_01_500.jpg?width=500&height=333
Goethe und Schiller verlassen Weimar. KI-generiertes Bild (Chat-GPT)

Eines nachts klopft es an seine Tür. Der Schriftsteller Gert Heidenreich bzw. sein Alter ego in dieser Geschichte staunt nicht schlecht, welch illustre Gesellschaft sich in seinem Vorgarten versammelt. Künstler, Literaten, Verfolgte, die alle eines gemeinsam haben: Sie wollen weg aus Weimar.

*

Noch waren die Hochrechnungen an jenem 1. September des Jahres 2024 nicht stabil, noch hatte ich mich von dem Schock nicht erholt, den die Thüringer Wahl jedem vernünftigen Menschen versetzte; noch hatte der rechtsgescheitelte Sieger sein Haar nicht ganz über die andere Stirnhälfte gestrichen; noch rätselten im Fernsehen bekannte Herren über die politische Zukunft der Republik; da vernahm ich am Tor meines Hauses irritierende, nicht nachtgewohnte Geräusche.

Ich bin gemeinhin nicht ängstlich, gebe aber zu, dass nach der thüringischen Lust am Demokratiesturz in mir eine gewisse Vorsicht aufkam, eine Melange aus Geschichtswissen über Gewalt, aus jüngsten Nachrichten und einem Überschuss an Phantasie, der beruflich bedingt ist.

Jemand klingelte an der Tür. Das beruhigte mich. Ich ging zu öffnen, fand mich einem älteren Mann in fremdartigem Gewand gegenüber. Hinter ihm stand ein größerer jüngerer Mann, auch er, wie mir schien, historisch kostümiert.

„Verzeiht die Störung“, sagte der Ältere. „Wir sind vom Einbruch der Hochrechnungen überrascht worden und suchen ein Obdach. Mein Name ist Lukas Cranach, man nennt mich den Älteren, hier hinter mir steht mein Sohn, man nennt ihn den Jüngeren, er ist erst fünfhundertneun Jahre alt, ich hingegen schon fünfhundertzweiundfünfzig, auf uns beide hielt man seit unserem Umzuge von Wittenberg nach Weimar große Stücke, doch jetzt ist unseres Bleibens dort nicht mehr. Am liebsten hätten wir auch unseren Weimarer Altar mitgenommen.“ Man kann sich denken, dass ich mich fragte, ob nicht meine in der Tat starke Einbildungskraft in Verbindung mit dem Wahlschock eine Halluzination erzeugte. Deutlich sah ich, wie sich mein kleiner Vorgarten mit weiteren Gestalten füllte, gekleidet in sämtlichen Moden seit der Renaissance; manche drängten sich vor – war der mit dem hängenden Schnurrbart nicht Nietzsche in seinen letzten Lebensjahren? Ich erkannte Johann Sebastian Bach, der still in der Menge stand und seine neun Weimarer Jahre durchdachte, an ihm vorbei traten Goethe und Schiller auf mich zu und behaupteten, ihr gemeinsames Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar fluchtartig verlassen zu haben.

„Es reicht nicht“, rief Schiller, Gedankenfreiheit zu fordern, man muss auch denken können, sonst fordert man Gedankenlosigkeitsfreiheit und die ist die Freiheit zur Dummheit, welche wiederum die schlimmste Unfreiheit überhaupt ist!“ Ich hörte aus der noch immer wachsenden Menge geraunte Zustimmung. Eine Künstlergruppe schloss sich vorn den Cranachs an, allen voran der hunderteinundvierzigjährige Walter Gropius und einige Lehrer aus seinem Bauhaus, ich erkannte Lyonel Feininger und Wassily Kandinsky. Edvard Munch hatte sich zu ihnen gesellt, trug sein Weimarer Selbstporträt mit Weinflasche unterm Arm und versuchte, eine Frau zu trösten. Wer war sie? Marlene Dietrich! Sie weinte um ihre freizügige Jugend an der Ilm.

Gütiger Gott, dachte ich, sie hatten sich in ihrem Leben mit Thüringen verbunden gefühlt, waren stolz auf Weimar gewesen, wie Weimar einst auf sie. Und nun? Mit großer Trauergeste bat Richard Wagner um Asyl, an der Hand des ratlosen Franz Liszt, der nicht wusste, was er mit seiner Weimarer Ehrenbürgerschaft jetzt tun sollte.

Langsam beruhigte sich die Versammlung.

„Und sie alle wollen“, fragte ich in die Stille, „emigrieren?“

Das „Ja“, das nun von Mund zu Mund lief, klang zaghaft, ohne Zuversicht.

„Aber wer“, wand ich bestürzt ein, „bin ich, um solche Flüchtlinge aufzunehmen? Ihr seid zu viele, ihr überfordert mich.“

„Ihr Kopf ist uns Platz genug“, sagte Edvard Munch. „Wenn Sie schreien, schreien wir.“

Die anderen blickten mich schweigend an. Hinter ihnen näherte sich jetzt in der Straße ein Heer von Schatten. Der wankende Menschenstrom füllte die Straße unter den Laternen. Ich begriff, dass die Gestalten das Lager Buchenwald verlassen hatten und einen sicheren Ort der Erinnerung suchten.

Die ganze Nacht rief ich Freunde an und beschwor sie, ihre Köpfe für die Emigranten zu öffnen.

**

Von Gert Heidenreich erscheint Mitte September 2025 der Erzählungsband Goethe kam aus dem Regen, Verlag Bibliothek der Provinz, Weida

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5.9.2024. Eine diesem Text gegenüber veränderte Fassung publizierte die Literatur in Bayern in ihrer Nr. 159 (März 2025).