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Die Gedenktafel in der Landshuter Maximilianstraße

Landshut, Maximilianstraße 8: Wohnhaus von Lena Christ

Im Jahr 1910 lernt Lena Christ den Autor Peter Jerusalem (später: Peter Benedix) kennen, 1912 heiraten die beiden. Im Ersten Weltkrieg wird Jerusalem als Soldat eingezogen und 1917 in eine Garnison nach Landshut versetzt. Im Herbst desselben Jahres löst Lena Christ deshalb den Münchner Haushalt auf und übersiedelt nach Landshut. An dem Haus in der Maximilianstraße 8 erinnert heute eine Tafel an die berühmte Bewohnerin.

In Landshut schreibt Lena Christ die Erzählungen, die 1919 in dem Band Bauern erscheinen. Ein Gutteil der Geschichten handelt von den Auswirkungen des Krieges auf die ländlichen Sozialstrukturen – teils ist die Stimmung melancholisch, aber auch eine pikante Dosis Sarkasmus scheut die Autorin nicht, wie etwa in der Erzählung Die Freier:

Der Moserbauer von Kreuth galt schon von jeher als ein wohlhabender Mann, und man schätzte ihn leichtlich auf hunderttausend Mark.
Aber – was sind hunderttausend Mark, wenn man sie durch sechs teilt? Nimmer viel. Grad noch eine von den bekannten Fliegen, die der Teufel in der Not frißt. Nun waren aber auch beim Moserbauern ihrer sechs Kinder. Und sie waren so verteilt, daß immer auf ein Maidl zwei Buben folgten. Also vier Buben und zwei Dirndln.
Alle sechs gesund, nicht uneben von Gestalt und im besten Alter – so zwischen Zwanzig und Dreißig. Und sie hätten wohl sicherlich längst alle gut verheiratet sein können, wenn eben nicht diese Sechsteilung gewesen wäre. Mangel an Überfluß schreckt jeden Freier und macht jeden unwert, je nachdem.
Also die Moserkinder waren noch ledig, da kam der Krieg. Und die Buben mußten hinaus – alle vier.
Und da es endlich hieß: „Friede wird! Parole Heimat!“, da war von den Moserbuben kein einziger mehr dabei, der mit einmarschierte in das kleine Dorf.
Alle vier liegen draußen im fremden Land – zur guten Ruh gebettet. –
So sind nun aus den sechsen zwei geworden und gelten plötzlich als gute Partie. Denn hundert Tausender geteilt durch zwei gibt ein gerechtes Häuflein, nicht zu verachten als Morgengabe für einen Freier! –

Im Jahr 1918 lernt Lena Christ in Landshut den kriegsversehrten Sänger Ludwig Schmidt kennen, in den sie sich verliebt und mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 kehrt Peter Jerusalem nach Landshut zurück, doch die Ehe der beiden steht vor dem Aus: Anfang 1919 zieht Lena Christ mit Ludwig Schmidt nach München, die Beziehung hält allerdings nicht lange. Die Ehe mit Jerusalem wird nie geschieden.

Von einer Scheidung, die nicht stattfindet, handelt auch die Geschichte Die Scheidung aus dem Band Bauern, die ein weiteres Mal mit einer bitteren Pointe glänzt:

Geradenwegs nach München fährt sie – zum „Advikat“. Der fragt höflich, was sie will.
„Scheiden lassen!“ erwidert sie kurz. Und da der Anwalt ungläubig dreinschaut, wiederholt sie es: „Scheiden sollst mi vom Wildmoser. I will habn, daß mir zwee ausanandgschriebn werdn.“
„Hast an Grund aa?“ fragt der Anwalt. Worauf sie meint:
„Naa, den hat er ghabt. I hab grad's Geld einbracht.“
Nein – einen Scheidungsgrund! – Ob etwa er mit der Stalldirn was gehabt hätt? Oder mit der Kuchelmagd?
Die Bäuerin muß lachen. „Mit dera Molln, mit dera zahnlucketn! Naa, mei Liaber. Da kennst mein Alten schlecht! Naa, naa. I laß mi grad zwegn dem Militare scheiden. Weil mir dee Kommandiererei zwider werd. Weil i aa ohne den Grobian weiterhausen kann. A so is. Jetz woaßt es, und jetz schreibst mirs!“
Sie ist fertig. Aber – schaut mir einer diese Advikaten an! Er sagt, das geht nicht! Das wär kein Grund nicht! Warum gehts nachher bei den Stadtleuten? Was die können, das kann sie auch, die Wildmoserin! Wär ja noch netter! – Aber er mag nicht. Er sagt, daß es bei ihr leicht ein Jahr dauern könnt und noch länger, und daß es dann ein schönes Häuflein Geld kosten tät! Und kompliziert wärs auch!
Jetzt wird sie aber wild, die Bäuerin: „Was? A Jahr lang soll i dees Fegfeuer no aushalten? – Mei Liaber, bal i dees Hauskreuz no a Jahr schleppen muaß, nach her kann i's aa no länger schleppen. Und bal mi dees aa no an Haufa Geld kost't, nachher mag i net. Und überhaupts: dees schöne Sach z'teiln und vo mein Hof und vo meine Viecher weg! Naa, mei Liaber. Da soll si nur er scheiden lassen. I net!“ –
Und sie legt dem Anwalt ihre sechs Eier und das Geselchte auf den Tisch als Zahlung und fährt wieder heim zu.
Und am andern Tag geht auf dem Wildmoserhof das Leben seinen gewohnten Gang – wie ehedem vor dem Krieg.

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