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„Deutschlands Dichter“: Karikatur im Simplicissimus um 1900. (c) Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv

München, Leopoldstraße 82: Schwabinger Brauerei

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Die Schwabinger Brauerei 1949 (c) Archiv Monacensia

In der Schwabinger Brauerei am Feilitzschplatz fanden viele legendäre Künstlerfeste der Boheme statt. 1874 hatte ein aus Freising stammender Geschäftsmann und Bürgermeister von Milbertshofen das Herrenhaus der ehemaligen Hofmark Schwabing, das „Baaderschlösschen“, gekauft und als Gastwirtschaft für die daneben liegende Brauerei eingerichtet. 1889 wurde das Schloss abgerissen und durch einen Neubau mit einem großen Saal ersetzt, der zum Feiern einlud. So veranstaltete die Akademie der Bildenden Künste dort ihre „Schwabinger Bauernkirta“, das berühmteste Künstler- und Studentenfest des Münchner Faschings. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde daran angeknüpft mit den „Schwabylon-Festen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das teilweise zerstörte Gebäude renoviert, musste jedoch 1961 der Großgaststätte „Schwabingerbräu“ weichen. Doch auch diese ist längst Legende: Heute steht an ihrem Platz das Karstadt-Hochhaus. 

Von links nach rechts: Münchner Fasching 1931, Faschingszug 1938 und Plakatentwurf „Schwabylon“ für Faschingsball 1956 (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

Der Schriftsteller Kasimir Edschmid schwärmt in seinem Text über den Münchner Fasching:

Eine Symphonie des ganzen Schwabing gaben die Bälle in der Schwabinger Brauerei. Das Bacchusfest in diesem Bräu sah alles, was in dieser Stadt zum Geist zählte, der hier allein sich in Deutschland mit der Aristokratie und der Kunst gemischt hatte.

(Kasimir Edschmid: Münchner Fasching, zit. nach Schmitz, Walter [Hg.]: Die Münchner Moderne. Die literarische Szene in der Kunststadt um die Jahrhundertwende. Philipp Reclam jun, Stuttgart 1990, S. 446)

Den gebürtigen Darmstädter zog es zum Studium nach München, in die „Stadt der Jugend“, deren Unbeschwertheit ihn faszinierte.

Wie oft kann man sehen, dass am Morgen nach den Bällen die phantastischsten Gruppen von jungen Leuten durch den Englischen Garten stürmen, die Nymphen neben den indischen Prinzessinnen und die Neger neben den Bajazzos, ein Bild, das mehr als närrisch ist und zwischen den Büschen und Teichen dieses Parks so natürlich wirkt, als sei ein Zeitalter wieder zurückgekehrt, wie die Maler es malten, wenn sie die Unbefangenheit und das Glück darstellen wollten, das ja nichts anderes als die Jugend ist.

(Ebda.)

„Zweierlei Rauscherlebnisse“ unterscheidet der Anarchist Erich Mühsam und stellt den Karneval der „guten Spießbürger“ den Schwabinger Künstlerfesten in der Schwabinger Brauerei gegenüber: Während „der brave Spieß“ den Starkbieranstich nicht verpassen wollte, sprühten die Bohemiens vor „Freude, Tollheit und erotischer Lust“. Beides endete im Rausch – „aber es gibt zweierlei Rausch, und was weiß der Münchner mit seinem Rausch nach der neunten Maß von dem Rausch des Schwabingers im wahren Genießen von Freude und Schönheit“ (Erich Mühsam: Zweierlei Rauscherlebnisee, zitiert nach Schwab, Hans-Rüdiger [Hg.]: München, Dichter sehen eine Stadt. Metzler Verlag, Stuttgart 1990, S. 174).

Faschingsfest. Vordere Reihe: Franziska zu Reventlow; Bildmitte: Stefan George; hintere Reihe Mitte: Karl Wolfskehl als Dionysos. (c) Münchner Stadtmuseum, Hoerschelmann-Archiv

Franziska zu Reventlow, eine enge Freundin Erich Mühsams, zählte zweifellos zur zweiten Kategorie der Rauschgenießer. Sie brauchte keinen besonderen Anlass – wie Fasching oder eine andere Veranstaltung – um die Schwabinger Brauerei aufzusuchen. Nach einem „nervösen Morgenspaziergang“ im August 1910 kehrte sie zu einem „Versöhnungsfrühstück“ in die Schwabinger Brauerei ein. Mit wem – das verrät sie ihrem Tagebuch nicht. Mehr als 10 Jahre zuvor, im August 1899, hatte sie darin notiert:

Mächtige Hitze u. wieder an der Arbeit, kommt aber nicht vorwärts. Und ganz neue Menschen. Neulich Fritz Huch getroffen u. er machte mich mit seinen Freunden bekannt, saßen in der Brauerei bis spät in die Nacht. Gott, das ist endlich etwas ganz anderes, wie aus einer neuen aber längst bekannten u. vertrauten Welt.

(F. Gräfin zu Reventlow: „Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich“. Tagebücher 1895-1910, a.a.O., S. 121)

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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

 

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