https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/2017/klein/TMA_0016_164.jpg
Thomas Mann, 30.4.1900 (ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Atelier Elvira / TMA_0016)

Marienplatz

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/2017/klein/DH_Abb_10_500.jpg
Der Marienplatz in München, um 1830. L. v. Hullmandel nach S. Prout. Das einstige Haus Nr. 5 ist in der Reihe der Bürgerhäuser das dritte von links; diese Bürgerhäuser mussten 1907 dem neugotischen Rathaus weichen. Abb. in: O. Zettler: Alt-Münchner Bilderbuch. Ansichten aus dem alten München aus der Monacensia-Sammlung Zettler. München 1918, Nr. 156.

München ist, wie schon angedeutet, im sechsten Teil auch ein wichtiger Schauplatz des Romans. Tony Buddenbrook, deren Vorbild die zweimal geschiedene Tante Elisabeth der Mann-Brüder gewesen ist, geht ihre zweite Ehe ein, und wieder täuscht sie sich in ihrem Ehemann. Ging sie beim ersten Mal einem Mitgiftjäger auf den Leim, so verkennt sie in dem lebenslustigen Bayern den Ehrenmann. München bleibt ihr in allen Belangen wesensfremd. Sie wohnt am Marienplatz 5 als Gast ihrer Freundin Eva Ewers, die mit dem Brauereidirektor Niederpaur verheiratet ist, in einem der Bürgerhäuser, die dem späteren neugotischen Rathaus weichen mussten, etwa auf der Höhe des heutigen Rathausturms mit dem berühmten Glockenspiel. Als Protestantin kann Tony Buddenbrook der öffentlichen katholischen Glaubensbekundung um die Mariensäule (die hier mit dem Fischbrunnen kombiniert wird) allerdings nichts abgewinnen: „Oben auf dem Brunnen [...], den ich von meinem Fenster aus sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein.“

Sodann muss sich die Senatorstochter aus Lübeck über angeblich gar nicht so gottgefällige Kirchenmänner in München wundern, etwa über einen älteren Herrn, „vielleicht war es der Erzbischof“, der ihr, wie sie sich angeregt empört, „ein Paar Augen“ zugeworfen habe, „wie ein Gardelieutenant!“[33] Glaube, Geld, Sitten und Gebräuche, Essen und Trinken, der nervöse Magen (den sie mit ihrem Autor teilt), Redeweisen und Grobheiten, ein Kind, das kurz nach der Geburt stirbt, das Haus in der Kaufingerstraße, gleich neben dem Marienplatz, das zum Teil vermietet wird, und am Ende noch die Affäre mit der Köchin und dem schlimmen „Wort“ – all das ist zuviel für Tony, sie packt ihre Sachen und zieht wieder nach Lübeck. Ihr Bruder sagt ihr auf den Kopf den Grund für dieses zweite Scheitern zu: „Du hast dich nicht akklimatisieren können.“[34] Alois Permaneder wiederum zahlt nach der Trennung die erhaltene Mitgift sofort zurück.[35]

 


Zur Station 8 von 10 Stationen


 

[33] GW I, S. 308.

[34] GW I, S. 386.

[35] GW I, S. 392f. Zum (richtigen) Vorbild für Elisabeth Manns (gesch. Elfeld) zweiten Ehemann, den Esslinger Kaufmann Gustav Albert Haag vgl. Blöcker, Karsten (2002): Tony Buddenbrook in Esslingen am Neckar (Spuren 58). Marbach a.N.

Verfasser: Dr. Dirk Heißerer