Info
Geb.: 14. 1.1919 in Danzig
Gest.: 20.8.2003 in München
Modeste Mönnich © Andreas Mönnich
Namensvarianten: Modeste Dahlweid (Geburtsname); Modeste von Parpart (früh. Name); Modeste Weidendahl (Pseud.)

Modeste Mönnich

Modeste Mönnich ist das fünfte und jüngste Kind von Walter Dahlweid und seiner Frau Margarete, geb. Eder. Ihre Jugend verbringt sie im polnischen Teil Westpreußen, dem sog. „polnischen Korridor“. Der Gutsbesitz der Familie, 366 ha groß, befindet sich im damaligen Kreis Berent in der südlichen Kaschubei. Auf Gut Bendomin verlebt sie eine unbeschwerte Kindheit. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr erhält sie Privatunterricht. Von 1931 bis 1937 besucht sie das nächstgelegene deutschsprachige Mädchengymnasium, die Victoriaschule in der Holzgasse 23/26 im ca. 50 km entfernten Danzig. Sie wohnt als Pensionistin in der Milchkannengasse 25 bei der jüdischen Familie Lehmann. Die Sommer der letzten Schuljahre verbringt sie im Ostseebad Zoppot (poln. Sopot) bei einer Tante.

Nach dem Abitur 1937 kehrt sie zunächst nach Bendomin zurück. Die persönlichen und beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen in Westpreußen sind beschränkt. Modeste Mönnich „spielt [...] Haustochter“ bei der Familie ihrer Schwester. Abwechslung bieten gesellschaftliche Vergnügungen und Familienreisen. Rückblickend diagnostiziert sie: „Diese Reisen und Abwechslungen waren alle sehr hübsch und amüsant, füllten mich aber nicht im Entferntesten aus. So kam es, dass ich aus Langeweile [...] krank wurde. Lange krank [...].“

In den Folgejahren lernt sie Manfred von Parpart kennen und heiratet ihn am 28. Mai 1940. Sie zieht zu ihm nach Gut Bonstetten (poln. Zamarte). Es liegt in der Koschneiderei, einer rein deutschen Enklave. Modeste Mönnich ist glücklich darüber, in der örtlichen Schule als Lehrerin arbeiten zu können. 1943 muss sie den Schuldienst jedoch wieder quittieren, um von ihrer Schwiegermutter Hetta von Parpart die Bewirtschaftung des Gutes zu übernehmen. Fast fünf Jahre lebt sie in Bonstetten, zunächst noch „im toten Winkel des Kriegs“. Doch die Bedrohung durch die Rote Armee wächst. Am 26. Januar 1945 erhält Gut Bonstetten von der deutschen Kreisleitung die lang erwartete Freigabe zur Flucht. Tags darauf bricht der Flüchtlingstreck mit 105 Menschen und ca. 50 bis 60 Pferden zur Ostseeküste auf. Nach mehreren Zwischenstationen findet er am 7. März 1945 auf Gut Waterneverstorff im östlichen Schleswig-Holstein eine Bleibe. Ganz in die Nähe verschlägt es den ehemaligen Kriegsgefangenen und späteren Schriftsteller Horst Mönnich. Er hat Unterschlupf gefunden im Leuchtturm Neuland an der Kieler Bucht. Die beiden begegnen sich um die Jahreswende 1945/1946. Horst Mönnich macht Modeste einen Heiratsantrag. Sie lässt sich von Manfred von Parpart scheiden und zieht 1952 zusammen mit Mönnich nach Breitbrunn am Chiemsee. Dort übernehmen sie das Haus des Schriftstellers Hans Leip. Aus der am 31. Mai 1952 in Breitbrunn geschlossenen Ehe gehen drei Kinder hervor.

Modeste Mönnich widmet sich der Erziehung ihrer Kinder, dem Lektorat der Texte ihres Mannes und der Ölmalerei. Erst nach 25 Jahren Aufenthalt am Chiemsee entschließt sie sich, ihre westpreußische Vergangenheit und das Fluchterlebnis niederzuschreiben. In filmischer Plastizität schildert sie das Leben auf den Gutshöfen Bendomin und Bonstetten, die Schuljahre in Danzig und den Flüchtlingstreck nach Holstein. Den Erinnerungsband mit dem Titel Ich schenk euch Bendomin veröffentlicht sie 1980 unter dem Pseudonym Modeste Weidendahl, einem Anagramm ihres Mädchennamens Dahlweid. 2003 stirbt sie auf tragische Weise bei einem Wohnungsbrand. Ihre geliebte Heimat hat sie nicht wiedergesehen, doch bildhaft dem kollektiven Gedächtnis eingeschrieben.

Sopot (poln. Zoppot), Fotografie vor 1933 © Bayerische Staatsbibliothek München/Fotoarchiv Hoffmann

[...] und nur wenn der Himmel ganz klar ist, kein Lüftchen sich regt, keine Welle das Wasser kräuselt, ist manchmal einem Sterblichen der Blick in die Vergangenheit gegönnt, wenn er, über den Bootsrand sich beugend, in die Tiefe schaut.

Die Metapher der Tiefenschau versinnbildlicht auf poetische Weise „memory's fragile power“ im autobiografischen Schreiben. Modeste Mönnich erzählt von der mythischen, in der Ostsee versunkenen Stadt Vineta. Sie wird zum Analogon des individuellen wie kollektiven Verlusts. Nach Hugo Rasmus haben die westpreußischen Schriftstellerinnen nach 1945 „fast durchweg ihre Liebe zur verlorenen Heimat und die schrecklichen Erlebnisse der Flucht und Vertreibung dichterisch aufgearbeitet.“ Eingangs fragt die Erzählerin nach den Gräbern ihrer Vorfahren, der Dahlweids, auf dem evangelischen Friedhof von Kościerzyna, heute nicht mehr existent. Ihre personale Identität erlebt sie als aufgesplittert: „Westpreußen und Bayern, Facetten einer Kugel, die ich in Händen halte und jede nur ein anderer Aspekt derselben Wirklichkeit?“ Die dem Okkultismus entlehnte Kugel wird zum Medium der Identitätssuche stilisiert. Sie soll die Facetten des Ichs zusammenfügen.

Ich schenk euch Bendomin wird mehrfach wiederaufgelegt und ins Polnische übersetzt. Schon die Titelwahl verbalisiert die soziale, generationsübergreifende Dimension des Erinnerns. Die Autobiografie ist ihren Kindern gewidmet. Darüber hinaus fungiert Bendomin als memorialer Anker für verschiedene nationale Identitäten. Denn Gut Bendomin ist auch ein zentraler Ort für das polnische Nationalempfinden. Modeste Mönnich erwähnt, dass 1747 der Reformpolitiker Józef Wybicki dort geboren wurde. Er macht sich nicht nur als Politiker, sondern auch als Schriftsteller einen Namen. Von ihm stammt die bis in den redensartlichen Sprachgebrauch diffundierte Parole „Noch ist Polen nicht verloren“. Sie bildet den Beginn eines 1797 von Wybicki verfassten Liedes, in dem er gegen die Aufteilung Polens zwischen Russland und Preußen protestiert. Seit 1927 ist dieses Lied die offizielle polnische Nationalhymne. In Bendomin hat man 1978 als Abteilung des Nationalmuseums in Danzig das weltweit einzige Museum für eine Nationalhymne eingerichtet. Durch diesen Umstand ist ein Teil der Gutsanlage, insbesondere das Herrenhaus, auch heute noch bestens erhalten. Deutscher Grundbesitz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom polnischen Staat konfisziert, in Kollektivbesitz überführt oder an polnische Bauern übereignet. Letzteres geschah auch mit dem Landbesitz der Dahlweids, der parzelliert und an die umliegenden Bauern verteilt wurde. „Wybicki hat unser Haus gerettet, und auch er wird weiter den Schatz hüten, der unter seinem Fundament verborgen liegt“, so Modeste Mönnich. Ihre Erinnerungen liegen heute im Museum für Besucher auf.

Museum der Nationalhymne in Będomin © Muzeum Hymnu Narodowego w Będominie

„Die zwanziger Jahre im polnischen Korridor – kein Kampf um Literatur, Malerei, Kultur, lediglich ein einziger Kampf: Wie erhalte ich mein Gut [...].“ Die Wirtschaftskraft der Region basiert überwiegend auf der Landwirtschaft. Die Menschen in Westpreußen blenden die labile politische Situation so gut als möglich aus. Man arrangiert sich nicht nur mit den Schlagbäumen der polnischen und deutschen Grenze auf der Straße von Neukrug (Nowa Karczma) nach Danzig, sondern auch mit den von der polnischen Regierung erzwungenen Gebietsabtretungen. Das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen – Deutsche, Polen, Kaschuben und später russische Gefangene – basiert auf einer ausgeprägten Toleranzkultur. Selbst die sprachlichen Unterschiede spielen keine sonderliche Rolle. Lediglich der zum Militär eingezogene und an die polnisch-russische Grenze versetzte Bruder – „einen Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten“ – lernt Polnisch bei Samowar und Kartenspiel mit dem vorgesetzten polnischen Leutnant und dessen Frau.

Das Leben und Arbeiten auf dem Gut folgt einem festen Tages- und Jahreszeitenrhythmus:

Um sechs [...] schlug [der Vogt] sehr schnell die Hämmer gegen die Pflugschar, was man „Klappern“ nannte. Dann begaben sich die Arbeiter [...] auf den Hof [...] und mein Vater und der Vogt – oder der Beamte, der Eleve oder wer damals gerade bei uns war – verteilten die Arbeiten [...].

Den Dahlweids gehört das Gut von 1868 bis 1945. Visuell, detailreich, in parataktischen Fügungen beschreibt Modeste Mönnich die Landarbeit, bei der noch viel von Hand und mit einfachen Gerätschaften erledigt wird. „[M]an braucht sich nur vor ein Bild von Breughel zu stellen: nicht anders war es bei uns. Das Mähen und Binden des Getreides, das Aufstellen in Hocken, das Aufstaken auf die Wagen und das Heimfahren in die Scheunen [...].“ Diese friedliche, archaische Welt, wo die Zeit dahinkriecht „wie eine Schnecke, die einen trockenen Sandweg überquert“, wird sukzessive infiltriert von der Kriegskatastrophe.

Modeste Mönnich, Bendomin, 1967 © Andreas Mönnich

Modeste Mönnich erzählt nicht strikt chronologisch. Sie verwebt die Zeitstränge und verweist proleptisch auf zukünftige Ereignisse. Den „autobiografischen Pakt“ – die Identität von Autorin, Erzählerin und Protagonistin – erweitert sie um eine Stellvertreterfunktion. Sie bindet auch andere, „verlorene“ Biografien ein. So beendet die Erzählerin die heitere Schilderung der Kindheitsbesuche beim Nachbargut der Familie Herder mit einer Vorausblende: „Als die Russen im Frühjahr 1945 kamen, wurden beide Herders erschossen. Sie mochten nicht fliehen, sie mochten nicht auf den Treck gehen und ein neues ungewisses Leben beginnen.“ Die ebenfalls erwähnten Suizide der Gutsbesitzer von Melchowshorst und der ihrer Danziger Schulfreundin Inge N. beschließen das Kapitel.

Den zweiten Teil der Autobiografie bildet das „Treck-Tagebuch“. Der westpreußischen Bevölkerung ist bei Androhung strengster Strafe verboten, auf eigene Faust zu fliehen. Nach erfolgter Freigabe versucht der Treck, sich nach Norden zur Ostseeküste durchzukämpfen, der einzige noch mögliche Fluchtweg. „Die ewig wechselnden Bilder – so rasch in ihrer Folge – sind plastisch, wie auf einer Drehbühne“. Modeste Mönnich beschreibt mit dokumentarfilmischer Präzision die Stationen und Traumata dieser Flucht: von Trecks, Panzern und Gefangenenkolonnen verstopfte Straßen, improvisierte Quartiere, Hungersnot, erfrorene Kinder. Die letzte und rettende Station Gut Waterneverstorff ist wie Bendomin ein geschichtsträchtiger Ort. Einst kultureller Mittelpunkt Holsteins mit Gästen wie Matthias Claudius oder Hans Christian Andersen dient das Herrenhaus nun als Auffanglager für ca. 100 Füchtlinge.

Modeste Mönnich beendet ihre Erinnerungen mit einer erneuten Apostrophe an ihre Nachkommen. Die Metapher vom Blick in den See aufgreifend, verleiht sie der Hoffnung Ausdruck, dass die tradierte autobiografische Erinnerungsarbeit sich auch identitätsstiftend auf die Folgegeneration auswirken möge. So wäre der Mythos von dem versunkenen Ort Vineta hinfällig:

Ihr werdet ein Boot finden, auf die Mitte des Sees rudern und über den Rand des Bootes auf den stillen, dunklen Spiegel schauen, und euer eigenes freies Gesicht wird euch anblicken – kein Vineta werdet ihr finden.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Borchers, Roland (1998): Berent. Ein Landkreis in Westpreußen. Schadrau-Verlag, Hude, S. 50.

Lejeune, Philippe (1996): Le pacte autobiographique. Éditons du Seuil, Paris.

Rasmus, Hugo (1984): Lebensbilder westpreussischer Frauen in Vergangenheit und Gegenwart. Nicolaus-Copernicus-Verlag, Münster, S. 13.

Schacter, Daniel L. (1996): Searching for memory. The brain, the mind, and the past. Basic Books, New York, S. 1.

Quelle:

Modeste Weidendahl: Ich schenk euch Bendomin. Bechtermünz, Augsburg 1999.


Externe Links:

Literatur von Modeste Mönnich im BVB

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