Kennenlernen

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Marta Feuchtwanger in jungen Jahren, 1920

Bevor Marta Löffler Lion Feuchtwanger traf, hatte sie schon viel von ihm gehört. Sie war seiner ältesten Schwester bei einer gemeinsamen Freundin begegnet, und diese hatte von ihrer Familie, den Geschwistern, der Atmosphäre in ihrem Elternhaus berichtet: Lion sei der bei weitem klügste innerhalb der Geschwisterreihe gewesen, der aus seinem geistigen Überlegenheitsgefühl kein Hehl machte. Körperlich war er allerdings eher schwach, klein und untrainiert, so dass er bei den Bergtouren mit den robusten Geschwistern Mühe hatte, mitzuhalten. Für ihren Spott rächte er sich mit Hochmut, wenn die anderen etwas nicht gleich verstanden.

In dem Text Der Autor über sich selbst erklärt Feuchtwanger:

Der Schriftsteller L. F. war in der Blütezeit seines Lebens 1,65 m lang und wog 61 Kilo. Er hatte damals 29 Naturzähne, darunter etliche dachziegelförmig vorstehende, und 3 Zähne von Gold. Er hatte dichtes, dunkelblondes Haar und trug eine Brille.

(Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, a.a.O., S. 375)

Marta Löffler wurde von Feuchtwangers Schwester zu einem Hausball eingeladen und war vor allem sehr gespannt auf Lion, doch dieser erschien nicht. Als sie die Hoffnung, ihn kennen zu lernen schon aufgegeben hatte, wurde sie von einem Mann angesprochen, der sich als Hartmann-Trepka, Erster Geiger im Hoforchester, vorstellte. Er lud sie ein, mit ihm und seinem Freund Lion ein Glas Punsch zu trinken.

Ich hatte Herzklopfen. Lion sagte etwas ironisch zu seinem Freund: „Jetzt ist ja dein Wunsch erfüllt.“ Zu mir gewandt erzählte er, dass er an einem Sonntag bei dem Promenadekonzert im Ausstellungspark den ganzen Abend hinter mir und meinen Eltern hergehen musste. Sein Freund Hartmann konnte sich nicht sattsehen an mir. Er, Feuchtwanger, ziehe im allgemeinen Blonde vor, aber er müsse zugeben, diesmal habe sein Freund einen bessern Geschmack gezeigt als sonst.

Der anschließende Besuch in einem Weinlokal geriet zum Fiasko, weil Hartmann zudringlich wurde, Marta davonrannte und die beiden Männer vergeblich versuchten, sie einzuholen. Erst einige Monate später, im Januar 1910, hörte sie wieder von Lion Feuchtwanger.

An diesem Geburtstag erhielt ich einen großen Strauß Parma-Veilchen, was damals im Januar ein aufsehenerregendes Geschenk war. In einem Begleitschreiben wurde ich aufgefordert, mir die nächste Ausgabe der Münchner Jugend genau anzuschauen. Da stünde ein Gedicht drin, „An Marta Gabler“. Der Vorschuss für dieses Gedicht habe den Veilchenstrauß ermöglicht. An das Gedicht erinnere ich mich nur sehr vage. Es hieß darin ungefähr, dass ich zwar hübsch sei, aber auch sehr töricht.

(Marta Feuchtwanger: Nur eine Frau, a.a.O., S. 7ff.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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