Ödön von Horváth im Hornbachtal

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Hinterhornbach, Tirol, 1930er Jahre. Fotoalbum Karl-Heinrich Emhardt (Archiv Monacensia)

Die zeitkritische Betrachtung Ödön von Horváths stößt bei den Bergleuten Tirols nicht gerade auf Gegenliebe. Als er und seine Freunde nach Veröffentlichung des Textes Souvenir de Hinterhornbach (1929) wieder einmal in Hinterhornbach im Tiroler Lechtal weilen, entläd sich jäh der Volkszorn: Die Bergler beschmieren den Bauernhof, worin sich die Gruppe aufhält, bis zum ersten Stock mit Kuhmist, und der Zeitungsausschnitt mit dem Text wird in der Kirche des Dorfes gleich mehrere Jahre lang neben dem Weihwasserkessel in einer Glasvitrine ausgestellt, um sich davor wie vor dem Leibhaftigen zu bekreuzigen. In Abseits der Alpenstraßen schildert Horváth u.a. den Aberglauben der dortigen Bevölkerung und gibt einen geografischen Überblick über Land und Leute:

In solchen Gegenden fühlt man sich ungeheuer weit entfernt von unserer Zeit. So ungefähr in Australien, vor Erfindung des Dampfschiffes. Wer also auf diese Weise Australien erreichen will, den will ich auf einen Flecken Erde aufmerksam machen, der fast völlig unbekannt, relativ unschwer zu erreichen ist und der landschaftlich mit zu dem Großartigsten gehört, was Nordtirol zu bieten hat: das Hornbachtal.

Allerdings: Die Unterkunftsverhältnisse sind natürlich sehr primitiv. Aber ich denke nicht daran, für Hotels Reklame zu machen. Kaufen Sie sich einen Reiseführer!

Das Hornbachtal ist ein noch einsameres Tal des einsamen Lechtales. Es liegt nördlich der Hornbachkette, südlich des Hochvogels und des großen Wilden, östlich von Oberstdorf im bayerischen Allgäu. Die nächsten Bahnstationen sind im Norden Reutte, im Süden Stuben an der Arlbergbahn.

Von Reutte nach Stuben fährt das Postauto über Stanzach, Lech, Zürs, einem mit amerikanischer Hast sich entwickelnden Wintersportplatz und den 1900 Meter hohen Flexenpass, der berühmt-berüchtigten Autostraße.

Ausgangspunkt für das Hornbachtal ist Stanzach im Lechtal. Jenseits des Lechs liegt das Dorf Vorderhornbach, der große und reiche Bruder des armen Dörfchens Hinterhornbach zwei Stunden weiter im Tal.

„Sanft“ ansteigend, wie das schöne Baedeker-Wort lautet, führt die Straße taleinwärts. An einer Klamm vorbei, durch Hochwald und Felsen – von Telegrafenstangen keine Spur. Während der Wintermonate ist das Tal wegen der Lawinengefahr im wahrsten Sinne des Wortes von der Außenwelt abgeschnitten. Im Sommer gibt es nur dreimal wöchentlich Post. Die Hebamme ist gleichzeitig Postbotin – aber im letzten Jahr lief eine Beschwerde beim Bezirksamt ein, den alten Zustand wieder einzuführen. Nämlich, dass die Post nur einmal wöchentlich kommt.

So etwas gibt es noch! Anderthalb Tagesreisen von Berlin. (Ödön von Horváth: Abseits der Alpenstraßen. In: Berliner Tageblatt, 1.3.1929.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 47f., S. 252f.



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