Dostojewski-Syndrom

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Friederike Schmöe bemüht in ihrem Krimi Januskopf auch einen anderen großen Schriftsteller: Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Ihre Protagonistin Katinka Palfy lässt eine Freundin an ihren Ermittlungen teilhaben: 

„Mein Klient, fügte Katinka bedachtsam hinzu, „leidet an einer psychischen Erkrankung, die...“ Sie schwieg. Sie hatte sagen wollen, „die ihm den freien Willen nimmt“, aber das stimmte nicht. Sie wusste noch zu wenig über das Dostojewski-Syndrom, an dem Ewald Isenstein litt. Notiz im Kopf. Medizinische Beratung suchen.

„Was für eine Erkrankung?“

„Dostojewski-Syndrom“, sagte Katinka.

„Nie gehört.“ Carla lächelte. „Nur Dostojewski sagt mir was. Ich mochte seinen Roman Der Doppelgänger.“

„Das Problem ist doch folgendes: Wenn es den freien Willen gibt, was tut man dann mit Kriminellen? Sie verurteilen? Jemand hat sich aus freiem Willen entschieden, einen anderen umzubringen. Schluss, aus, Kartenhaus.“

„Es kann Umstände geben, unter denen ein Mensch eine Tag begeht, die er unter anderen Umständen nicht begangen hätte“, bemühte sich Katinka. [...] Nur weil der freie Wille bestimmten Einschränkungen unterworfen sein kann“, Katinka betonte das letzte Wort, „heißt das nicht, dass es ihn überhaupt nicht gibt.“

(Friederike Schmöe: Januskopf. Katinka Palfys sechster Fall. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2007, S. 68ff.)

Katinka Palfy will es genauer wissen und lässt sich von der Neurologin und Psychiaterin Liz Thompson das Dostojewski-Syndrom erklären:

„Er [Dostojewksi] war Schläfenlappenepileptiker und zeigte deutliche Verhaltensauffälligkeiten, die man später als Dostojewski-Syndrom katalogisiert hat. Er schrieb wie ein Besessener, war emotional unbeständig, sein Gefühlsleben war durchwuchert von religiösen und philosophischen Anwandlungen.

Das bedeute jedoch keinesfalls, dass er aggressiv oder unberechenbar gewesen sei. „Dostojewski schwankte eher zwischen Empfindungen von Untergang und Ekstase.“ (Ebda., S. 83ff.)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt