Ibsen und Ingmar Bergman

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Aufführungsprobe von "Hedda Gabler" im Münchner Residenztheater 1979. Mit Christine Buchegger und Martin Benrath. (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)

Der renommierte Musik-, Literatur- und Theaterkritiker Joachim Kaiser ist begeistert von der Begegnung der beiden großen Skandinavier Ibsen und Bergman: Wie der Norweger Henrik Ibsen Ende der 1890er Jahre mit seinen Theaterstücken löste der Schwede Ingmar Bergman (1918-2007) in den 1950er und 1960er Jahren mit seinen Filmen Diskussionen und Proteste aus, die weit über die Kulturszene hinausreichten. Von 1976 bis 1985 lebte er in Deutschland und war als Regisseur am Münchner Residenztheater tätig, wo er u.a. Ibsens Hedda Gabler inszenierte.

Einige aufregende Jahre lang hatten Münchens Theaterfreunde Grund, den Stockholmer Steuerfahndern dankbar zu sein. Im Februar 1976 floh der damals schon weltberühmte Schauspielregisseur und Filmschöpfer vor dem rabiaten schwedischen Fiskus nach Deutschland, zum Münchner Residenztheater. In seiner Heimat war er während einer Theaterprobe wegen Steuerhinterziehung verhaftet und angeklagt worden.

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Hier in München brachte Ingmar Bergman einige bemerkenswerte Inszenierungen heraus. Mit der Hedda Gabler von Ibsen aber gelang ihm eine Interpretation, deren gestaltete Beziehungsfülle und historische Tiefe auch mehr als ein Vierteljahrhundert später noch als exemplarisch gelten muss. Genialisch, unvergesslich, originell und beziehungsvoll. In einer Gegenwart, die nur zu gern immer wieder Meisterwerke als Steinbrüche für aktualisierende Event-Veranstaltungen ausbeutet. Die weder Buchstaben noch Geist großer traditioneller Werke als verbindlich betrachtet. [...] Was aber machte nun den theatergeschichtlichen Rang von Ingmar Bergmans Münchner Hedda Gabler-Inszenierung aus, die 1979 herauskam?

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George Bernhard Shaw, der ein kluges Buch über Ibsen geschrieben hat (The Quintessence of Ibsenism), warf der schwärmerischen, von „Weinlaub im Haar“ träumenden Hedda vor, sie habe nur romantische Ideale besessen, sei eine typische 19. Jahrhundertfigur. In seiner Münchner Inszenierung zeigte Ingmar Bergman, dass Shaw irrte. Genauer: Dass nur die eine Seite, die eine Hälfte der Hedda aus dem 19. Jahrhundert kommt. Die heftigere, unverständlichere, jede harmonische Lösung ausschließende Seite dieser Frau aber stammt aus tiefer, mythischer Ferne. Die Modernität dieses Schauspiels hängt damit zusammen, dass Ibsen die enorme Zerrissenheit der Titelheldin eben nicht in eine große klassische Blankvers-Tragödie fügte, sondern in den realistischen Dialog eines scheinbar zeitgenössischen Konversationsstücks.

(Joachim Kaiser: Ingmar Bergmans Zeit in München. Ein freudiger Schock. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Dezember 2008)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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