Herz aus Glas // Wolf Peter Schnetz

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Darstellung verschiedener Stile der Glasmalerei aus unterschiedlichen Epochen. Aus: Meyers Konversations-Lexikon. Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens. 4., gänzl. umgearb. Aufl. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885-90.

Ein modernes Glas-Thema findet sich im Roman Im Jahr der Sphinx. Rückkehr in die Stadt am Strom (2003) des Regensburger Schriftstellers Wolf Peter Schnetz. Bei einer Regensburger Vernissage zertrümmert der aus einer Glasarbeiter-Familie in Altenstadt bei Weiden stammende Künstler und Maler-Poet Jürgen Huber (*1954, Künstlergruppe „Warum Vögel fliegen“) ein Glasbild und lässt ein neues Kunstwerk daraus entstehen. Der Autor schildert:

Gegenüber der Eingangstür wird in einem von innen beleuchteten, hohen Rechteck aus Glas ein vielfarbiges Bild gespiegelt. Eine Art Hinterglasbild. Das Kunstlicht blendet. Der Künstler erläutert sein Werk. Er habe ein Objekt schaffen wollen, das vielfarbig, vielschichtig, kalt und warm zugleich, vielfach gebrochen von innen her strahle. Das war der Auftrag [...].

Er wolle das Bild nun mit einem kurzen Eingriff vollenden, sagt der Magier: „Eine Sekunde!“ Er greift zu Hammer und Stahlstift. Ich halte den Atem an. Er wird doch nicht? Was macht der Gastgeber? Wo ist Georg Aumüller? Warum greift er nicht ein? Fällt dem Vandalen niemand in den Arm? Hält niemand ihn auf? Gleich wird er den Arm heben. Dann wird er zuschlagen. Das Werk wird vernichtet. Unrettbar verloren für immer. Der Magier taxiert das Gemälde, wie es noch heute in meinem Gedächtnis ruht. Ich vergesse es nicht. Ich habe es in meinen Gedanken gespeichert. Der Schöpfer und Zerstörer des Bildes steht dem beleuchteten Kasten genau gegenüber. Ein letzter, kurz abschätzender Blick. Die Entfernung zwischen Hammer und Glas. Wie stark muss der Schlag sein, um das Glas zu zertrümmern? Die Pupille verengt sich. Eingefrorenes Licht. Eisig. Als wäre das Werk in weite Entfernung gerückt.

Der Hammer wiegt schwer in der Hand. An einer seitlichen Öffnung setzt der Vollender den Stift an. Der stark ausholende Schlag trifft auf das zerbrechliche Glas. Dumpf das Geräusch. Kurz, dunkel, dumpf. Lächerlich kurz. Aus und vorbei. Das Glas zerspringt in tausend Splitter und Scherben. Die Scherben fallen nicht aus dem Rahmen. Sie haften. Sie werden vom Rahmen gehalten. Glas hinter Glas hinter Glas. Dreifach gesichert. Die gesplitterten Scherben sind Teil des verwandelten Kunstwerks. Kohärenz der Inkohärenz. Zusammenhang des Unzusammenhängenden. Musik schmilzt in der Luft. Schleifende Schellackplatten. Eine ausgeleierte Rille. Die Nadel wird neu angesetzt. „His master's voice.“ Das Bild hat sich verändert. Die Veränderung ist das Bild. Es hat jetzt eine neue Struktur...


Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Geiger, Peter (2014): „Bin sehr glücklich mit meiner neuen Aufgabe“. Jürgen Huber, Künstler und Bürgermeister der Stadt Regensburg, wird 60. In: Der neue Tag (Weiden i.d. OPf.), Kultur, 16. Juli.

Huber, Jürgen; Kempf, Günther; Pöppl, Uli Boris (1992): Domino-Theorie: Warum Vögel fliegen. Ausstellungs-Kooperationsprojekt der Städte Ulm und Regensburg (Städtische Galerie). Regensburg.

Huber, Jürgen (1995): hortus conclusus. Orte der Liebe. Ein Bilder- und Lesebuch in Zusammenarbeit mit dem Museum der Stadt Regensburg. Regensburg.



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