Eckhaus Kaulbachstraße 63

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Franziska zu Reventlow in der Küche des Eckhauses, 1904 (Archiv Monacensia)

Am späteren Nachmittag im Eckhaus. Unten im Hof spielt das Kind, das ich hier schon neulich gesehen habe. Susanna empfängt mich wieder in der großen Küche. [...] Dies alte Haus ist merkwürdig und geräumig gebaut. Oben die große Küche ist zugleich der gemeinsame Salon, daneben liegen Willys Zimmer, und im Seitenflügel wohnt Susanna mit dem rätselhaften Kind – es sieht niemand von den dreien ähnlich, aber es muss doch irgendwie zu ihnen gehören. Unten im Parterre hat Orlonsky sein Reich, und neben dem großen Flur, durch den man hereinkommt, gibt es noch eine Reihe von halbdunklen Zimmern, wo Gäste untergebracht werden. Orlonsky hat es dort mit vielen Diwanen, Postern und anderen Lagerstätten etwas phantastisch, aber sehr gemütlich hergerichtet, das Ganze gleicht etwas einer Herberge, wo die müden Freunde des Hauses sich ausruhen und erholen können. Mit dem Ausruhen war es manchmal nicht weit her, aber ich bin jetzt schon daran gewöhnt, mich über nichts mehr zu wundern.

(Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil in Sämtliche Werke 2, S. 49f)

Das Wohnkollektiv im Eckhaus in der Kaulbachstraße besteht aus Franziska zu Reventlow (Susanna), ihrem Sohn Rolf, Bohdan von Suchocki (Orlonsky) und Franz Hessel. Sie versuchen, neue Formen des Zusammenlebens zu kreieren, wollen den Alltag gemeinsam gestalten, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu entlasten. Zwar verfügt jeder über seinen eigenen individuellen Bereich – Franziska zu Reventlow weiß, dass sie nicht in der Lage ist, „Lebenskommunismus“ zu realisieren –, doch daneben findet ein reges gemeinschaftliches Leben statt, in das auch Freunde und Bekannte einbezogen werden. Franziska zu Reventlow genießt das vertraute unkomplizierte  Zusammensein, braucht aber ebenso sehr Rückzugsmöglichkeit und Distanz. Suchocki respektiert das, deshalb akzeptiert sie ihn als Lebenspartner: „weil er die Ferne hat und hält, d.h. zu mir.“ Eine Zeitlang vermittelt das Eckhaus seinen Bewohnern ein Zuhausegefühl mit Geborgenheit und Schutz. Es entwickelt sich zu einer Art Kommunikationszentrum für die Schwabinger Boheme. Man diskutiert, liest sich gegenseitig eigene Texte vor, isst und trinkt und feiert ausgelassen. Oft ergeben sich die Zusammenkünfte spontan. Natürlich bleiben Beschwerden der Nachbarn über die Lärmbelästigung nicht aus. Als Reaktion darauf pflegt man die gemeinschaftliche Provokation und geht mit den häufigen Besuchen des Polizeikommissars souverän um: „Mutter empfing ihn stets mit entwaffnendem Lächeln und einer Tasse Kaffee“, berichtet Rolf Reventlow amüsiert. 

Aschermittwoch, den 24. Februar

Wir kamen die letzten drei Tage nur flüchtig und besuchsweise heim – ins Eckhaus, denn in dieser Zeit war das Eckhaus unser aller Heimat. Wir wussten längst nicht mehr, wer eigentlich zu uns gehörte und wer ein Fremder war – ob man sich als Freund gegenüberstand oder als Todfeind – und wer sich liebte, hasste oder völlig gleichgültig war.
Und wenn es wirklich das Ziel dieses Stadtteils ist, dass alle Individualität aufhört, jedes Einzelleben sich an eine Allgemeinheit verliert – so konnte es wohl für erreicht gelten.

(Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil in Sämtliche Werke 2, S. 86)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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