Letzter Akt der Selbstinszenierung

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Grabstätte auf dem Münchner Waldfriedhof: Lena Christ, ihre jüngste Tochter, ihr Halbbruder und dessen Ehefrau (Foto: Privatbesitz)

In größter materieller Not versah Lena Christ im Juni 1920 eine unbekannte Zahl von Gemälden mit den Signaturen arrivierter Maler und verkaufte sie zu deren Marktwert. Ein Teil der Bilder stammte aus ihrem Privatbesitz, weitere hatte sie auf dem Trödelmarkt erworben. Sie wusste, dass Bilder renommierter Künstler eine solide Geldanlage darstellten, die besonders in Krisenzeiten bei wohlhabenden Leuten populär war. Es war der Name, der zählte. Nachdem Lena Christs Bildfälschungen entdeckt und angezeigt worden waren, beschloss sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Am 30. Juni 1920 beging sie auf dem Münchner Waldfriedhof Suizid mit Zyankali, das ihr Peter Jerusalem besorgt hatte.

Lena Christ hat sich selbst erfunden und wieder ausgelöscht, ihr Ende inszeniert als Freitod einer großen Tragödin. Jedes Detail – vom Ort des Todes über die Trauerkleider ihrer Töchter bis hin zum genauen zeitlichen Ablauf – hatte sie vorher geplant. In ihrem Testament gibt sie genaue Anweisungen, wie mit ihrem schriftstellerischen Nachlass zu verfahren sei. Die Menschen, die sie sich als Begleiter gewählt hatte, akzeptierten die Rolle, die ihnen die Regisseurin und Protagonistin zugewiesen hatte. Sie halfen ihr, den letzten Akt der Selbstinszenierung – die Selbstvernichtung – zu realisieren. Auf ihrem Grab ist der 31.6.20 als Todesdatum angegeben – ein Tag, den es gar nicht gibt. 


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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