Wassily Kandinsky über München

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Münchner Pferdetrambahn, um 1880 (Stadtarchiv München)

Es war ein scheckiger Schimmel (mit Ockergelb im Körper und hellgelber Mähne) in einem Pferderennspiel, den ich und meine Tante ganz besonders liebten. Hier wurde strenge Reihenfolge gewahrt: Einmal durfte ich diesen Schimmel unter meinen Jockeys haben, einmal die Tante. Die Liebe zu solchen Pferden hat mich bis heute nicht verlassen. Es ist mir eine Freude, solch einen Schimmel in der Stadt München zu sehen: Er kommt jeden Sommer zum Vorschein, wenn die Straßen gesprengt werden. Er weckt die in mir lebende Sonne. Er ist unsterblich, da er in den fünfzehn Jahren, die ich ihn kenne, gar nicht gealtert ist. Es war einer meiner ersten Eindrücke, als ich vor dieser Zeit nach München übersiedelte – und der stärks­te. Ich blieb stehen und verfolgte ihn lange mit den Augen. Und ein halb unbewusstes, aber sonniges Verspre­chen rührte sich im Herzen. Er machte den kleinen Bleischimmel in mir lebendig und knüpfte München an meine Kinderjahre. Dieser scheckige Schimmel machte mich plötzlich in München heimisch.

Wassily Kandinsky, Rückblick, 1931 (Zit. aus: Wassily Kandinsky: Rückblick. Baden-Baden 1955, S. 10)

 

Wassily Kandinsky (1866-1944), russischer Maler; Aufenthalt in München: 1896 bis 1906 und 1909 bis 1914


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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