Jonathan Franzen über München

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In der Diskothek, um 1980 (Stadtarchiv München)

Ich ging nach München, um Deutsche Literatur zu studieren, und an meinem dritten Abend dort, auf einer Party für neue Studenten, lernte ich ein geradliniges, hübsches bayrisches Mädchen kennen, das mir vorschlug, noch etwas trinken zu gehen. Ich sagte, ich sei müde, fände es aber schön, wenn wir uns ein andermal sehen könnten. Ich sah sie nie mehr wieder. Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Studenten in den Münchener Wohnheimen betrug 3:1. Während der folgenden zehn Monate lernte ich keine einzige andere interessante junge Deutsche kennen, die mir auch nur guten Tag sagte. Ich verfluchte mein schreckliches Pech, dass ich meine einzige Chance schon so schnell erhalten hatte. Wäre ich auch nur eine Woche früher in München gewesen, so sagte ich mir, dann hätte ich die Dinge vermutlich anders angegangen und eine tolle Freundin abgekriegt und absolut fließend Deutsch gesprochen. Statt dessen redete ich viel Englisch mit Amerikanerinnen.

Jonathan Franzen, Die Unruhezone, 2007 (Zit. aus: Jonathan Franzen: Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir. Rowohlt, Reinbek 2007, S. 171)

 

Jonathan Franzen (geb. 1959), amerikanischer Schriftsteller; Aufenthalt in München: 1981


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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