Meiningen

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Die Stadtkirche in Meiningen um das Jahr 1800 (mit Marktplatz)

Jean Paul und Meiningen

Nach ihrer Hochzeit Ende Mai 1801 in Berlin reisen Karoline und Johann Paul Friedrich Richter via Weimar nach Meiningen. Dass Jean Paul in der thüringischen Residenzstadt seinen »Portativ-Parnassus« aufschlagen will, liegt wohl an der Sehnsucht nach den »drei B - Bücher, Berge, Bier« sowie nach mehr Ruhe und damit Zeit zum Schreiben.

In Meiningen bezieht das Ehepaar zunächst eine Wohnung im Unteren Markt, die Henriette von Schlabrendorff, Jean Pauls letzte voreheliche Liebschaft, besorgt hat. Doch diese Räumlichkeiten genügen den Ansprüchen nicht - dem Dichter ist es zu dunkel, seiner Frau zu kleinbürgerlich -, sodass die Richters bereits im November 1801 erneut umziehen. Die neue Wohnung liegt in derselben Straße; dort werden der TITAN vollendet und die FLEGELJAHRE begonnen. Heute befindet sich an dem Haus Georgstraße 17a eine Gedenktafel.

Ende Juni 1801 schreibt Jean Paul an Christian Otto: »Meine C. - die Aller Liebe gewinnt, der Männer durch ihre Schönheit, der Weiber durch eine bezaubernde und wahre Güte - zwingt mich durch Glük und Zufriedenheit, wir haben den Ort zum Freunde.« Insbesondere Meiningens Herzog bemüht sich eifrig um des Dichters Gunst: Beinahe täglich wird Jean Paul von Georg I. zum Essen ins Schloss Elisabethenburg geladen; die beiden schätzen einander sehr. Der Herzog wird Taufpate des ersten Kindes des Ehepaars Richter, das im September 1802 in Meiningen zur Welt kommt: Die Tochter erhält den Namen Emma Emanuele (Taufpate Emanuel) Georgine Richter.

Als Jean Paul verkündet, nach Coburg umzuziehen, bietet der Herzog alles in seiner Macht Stehende auf, um ihn zum Bleiben zu bewegen. Doch der Dichter lässt sich nicht umstimmen - wobei die Gründe der Entscheidung im Dunklen bleiben. An Emanuel schreibt Jean Paul: »Ich schiebe freilich alles aufs Bier u.s.w.; daß man hier fast dum ist, will ich ungern sagen, weil ich nicht weis, ob es nicht einen und den andern beleidigt«.

Schloss Elisabethenburg

Ende des 17. Jahrhunderts errichtet Bernhard I., der erste Herzog von Sachsen-Meiningen, das Schloss Elisabethenburg, einen dreiflügeligen Barockbau, an der Stelle der früheren Burg. Den Namen erhält es zu Ehren von Bernhards Ehefrau Elisabeth Eleonore von Braunschweig-Wolfenbüttel. Georg I., übernimmt die Regentschaft im Schloss im Jahr 1782, im Alter von nur 21 Jahren. Er herrscht im Geiste der Aufklärung und engagiert sich in vielfacher Weise für seine Untertanen, denen er sich ähnlich macht, indem er sich bürgerlich schlicht kleidet. Mit einer Spende anlässlich der Geburt seines Sohnes initiiert Georg die Gründung des Meininger Gymnasiums Bernhardinum; während seiner Amtszeit wird die herzogliche Bibliothek zu einer öffentlichen Bibliothek, und auch die Kunstsammlungen und Konzerte werden für die Bürgerschaft zugänglich gemacht. Die Anlage des Englischen Gartens geht ebenfalls auf ihn zurück.

Als das frischgebackene Ehepaar Richter im Sommer 1801 nach Meiningen übersiedelt, wird der Schriftsteller von Georg I. mit offenen Armen empfangen: Jean Paul scheint das perfekte erste Mitglied des anvisierten Musenhofs zu sein. Gleichsam täglich fährt die herzogliche Kutsche bei den Richters im Unteren Markt vor: Georg I. kommt zu Besuch oder fordert zum Gegenbesuch auf. Dass Jean Paul nicht jeder Einladung folgen kann, schon allein seiner Arbeit wegen, ficht den Herzog nicht weiter an. Jean Paul bezeichnet ihn schon bald als »meinen Freund Georg«.

Als Jean Paul beschließt, Meiningen zu verlassen, unternimmt Georg I. nicht wenige Versuche, den Dichter zum Bleiben zu bewegen. Doch Jean Paul hat sich entschieden: Meiningen und auch der Herzog genügen seinen Ansprüchen nicht: Georg I. habe »viel Sin und Kentnis und Güte«, schreibt Jean Paul an Christian Otto, »aber – und hier niemand – keine Poesie und Philosophie«. Im Juni 1803 zieht die Familie Richter nach Coburg weiter. Georg I. stirbt nur wenig später, im Dezember 1803.

Unterer Markt

In der Wohnung am Unteren Markt (heute Georgstraße 17a mit Gedenktafel) gründet das frische gebackene Ehepaar Richter den ersten gemeinsamen Haushalt. Die beiden scheinen zur Ruhe zu kommen und sich an den Gedanken der gemeinsamen Zukunft zu gewöhnen. Als Zeichen des neuen Lebensabschnitts und gleichsam Prolog der Familiengründung kauft sich der Schriftsteller einen Hund; ohne einen solchen Spitz an seiner Seite wird man ihn fortan nie wieder sehen. Auch Karoline richtet sich häuslich und in ihrer Rolle als Dichtersgattin ein, sie unterstützt ihren Mann bei Korrespondenzen und ähnlichen Sekretärsaufgaben. Jean Paul schreibt in der Meininger Wohnung den dritten und vierten »Kardinalroman« TITAN (Leseprobe) weiter, dessen erste zwei Bände 1800 und 1801 erschienen sind. Und er beginnt mit der Niederschrift des Romans FLEGELJAHRE (Leseprobe), dessen Urszene - der Erbschaftsstreit - er offenbar einer Anekdote verdankt, die ihm Herzog Georg weitertratscht.

Bald ist auch das familiäre Glück der Richters perfekt: Im Frühjahr 1802 bemerkt Karoline, dass sie schwanger ist. Das erste Kind des Ehepaars kommt am 20. September 1802 in der Georgstraße zur Welt, angeblich einen Monat zu früh. Die Mutter selbst wünscht sich einen Jungen, »ich aber sagt ihr« - so Jean Paul in einem Brief an Christian Otto, geschrieben unmittelbar nach der Entbindung - »daß mir ein Mädchen lieber wäre: weil die Elternerziehung an einem Knaben (das Universum und die Vergangenheit sind seine Hofmeister) wenig vermöchte, aber an einem Mädchen alles, das an dieser festen, reinen, hellen Mutter nichts werden kann als der zweite Diamant. Nun ist's gut und die Welt wieder offen, und der Himmel und ich haben meine Frau wieder! Mitten in den Wehen heute brachte sie mir doch mein Frühstück von Pflaumenkuchen. Ach wie lernt ich die armen Weiber wieder achten und bedauern.«

Englischer Garten (Jean-Paul-Denkmal)

Ende des 18. Jahrhunderts steht das Verhältnis zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nicht zum Besten. Das bekommt auch die französische Kultur zu spüren, die im Dienste der nationalen Abgrenzung wiederholt als verkünstelt, überfeinert und unnatürlich dargestellt wird. Auch der Englische Garten in Meiningen, den der Herzog Georg I. von Sachsen-Meiningen 1782 nördlich der Altstadt anlegen lässt, soll »der Unnatur französisch zugeschnittener Hecken, Gänge und Bäume die durch Kunst nur unterstützte Natur entgegensetzen«.

Georgs Sohn Bernhard II. Erich Freund tritt bereits im Alter von drei Jahren - unter der Vormundschaft seiner Mutter - die Nachfolge des Vaters an, der am Heiligen Abend 1803 überraschend jung verstirbt; erst 1821 übernimmt Herzog Bernhard tatsächlich die Regierungsgeschäfte, die er bis 1866 innehat. Eine seiner letzten Handlungen ist 1864 der Ankauf einer Jean-Paul-Büste, nachdem der Wunsch nach einem Dichterdenkmal in Meiningen stetig lauter geworden war. Herzog Bernhard erwirbt das Stück - ein Bronzeguss von Johann Stiglmaier nach dem Entwurf von Ludwig Schwanthaler - von Ernst Förster, dem Schwiegersohn des Schriftstellers. Eine »sanft ansteigende, von einer malerischen Baumgruppe umschattete Anhöhe« im Meininger Englischen Garten wird als Standort auserkoren.

Am 17. Juni 1865 - auf den Tag genau 64 Jahre nach Jean Pauls Ankunft in der Stadt - wird die Denkmalerrichtung mit einem Schülerfestzug und dem Auftritt der vier örtlichen Männergesangsvereine gefeiert; auf deren Programm stehen Schillers Gedicht DIE KÜNSTLER, vertont von Mendelssohn, sowie Heinrich August Marschners Gesang LIEDESFREIHEIT. Der Meininger Erzdiakon August Wilhelm Müller hält die Festrede. Als Müller Jean Pauls Gestalt beschreibt, erfolgt ein »dreimaliger Tusch der Militärmusik« - und die Büste wird enthüllt.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik & Katrin Schuster