Schwarzenbach an der Saale

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Ansicht von Schwarzenbach an der Saale um 1840; links der Kirche das Kantoratsgebäude

Kleine Historie

Erstes schriftliches Zeugnis der Ortschaft Schwarzenbach an der Saale ist eine Urkunde aus dem Jahr 1322, die bereits von der großen Bedeutung der Pfarrei - einer Tochtergründung von St. Lorenz in Hof - spricht. Da die natürlichen Verhältnisse eine Saale-Überquerung begünstigen, avanciert Schwarzenbach schnell zum Verkehrsknotenpunkt: Schon im 15. Jahrhundert herrscht reger Verkehr auf der Straße, die Weißenstadt und Wunsiedel mit Städten wie Leipzig, Naumburg und Magdeburg verbindet.  Auch in Schwarzenbach gründen sich Fuhrunternehmen, die neben den anderen Handwerkszweigen - Weber, Schmiede, Kürschner - an Einfluss gewinnen.

Nach dem Niedergang der mehrere Jahrhunderte dominanten Familie Hirschberger erhält Christoph von Rothschütz im Jahr 1599 den Ort als Lehen. Im April 1610 wird Schwarzenbach zum Markt erhoben - jedoch werden die Zukunftshoffnungen schnell enttäuscht, als im Juni desselben Jahres ein Feuer die Kirche und den Pfarrhof, das Rittergut und fast 100 weitere Anwesen in Schutt und Asche legt. In den folgenden Jahrhunderten wird Schwarzenbach als Besitz innerhalb der Familien von Stein und von Schönburg-Waldenburg vererbt und erst 1956 von dem letzten männlichen Erben verkauft.

Unter den etwa 1.600 Einwohnern finden um 1800 sich rund 200 Handwerksmeister, die dem Ort eine bürgerlich-handwerkliche Prägung geben. Diese Untertanen sind durchaus selbstbewusst, nehmen nicht alles hin, was die Gutsherrschaft von ihnen fordert, strengen häufig Klagen gegen ihren Lehens- und Gerichtsherren an und haben damit nicht selten Erfolg. Den Bedürfnissen der Rittergutsverwaltung ist es geschuldet, dass sich »ein Zirkel aufgeklärter Männer« am Ort etablieren kann - dem auch Jean Paul entscheidende Impulse verdankt.

Jean Paul und Schwarzenbach

Im Januar 1776 zieht die Familie Richter nach Schwarzenbach an der Saale, da der Vater als Pastor dorthin berufen wird. Der bald 13-jährige Fritz Richter besucht nun erstmals dauerhaft die Schule. Der Unterricht im Kantorat erweist sich als Gegenteil der väterlichen Lehrstunden in Joditz: Rektor Werner verlangt von seinen Schülern nur Grundkenntnisse des Hebräischen, Lateinischen und Griechischen und lässt sie dann »ohne weiteren Aufenthalt bei der Grammatik« große Literatur übersetzen. Auch fürs Gefühl bleibt Zeit: Von einer Mitschülerin stibitzt sich der junge Richter seinen ersten Kuss.

Zudem nimmt sich ein Kollege des Vaters, der Kaplan Samuel Völkel, des Jungen an, um ihn Geografie und Rhetorik zu lehren. Ersteres fruchtet nicht, wie Jean Paul in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG berichtet; Letzteres dafür umso mehr. Auch die Freundschaft zu dem Rehauer Pfarrer Erhard Friedrich Vogel entsteht in dieser Zeit. Aus den Exzerpten, die Richter in Vogels Bibliothek anfertigt, entsteht sein erstes eigenes Buch. Er lässt die Notizen binden und ein professionelles Titelblatt erstellen: VERSCHIEDENES, AUS DEN NEUESTEN SCHRIFTEN. ERSTER BAND, SCHWARZENBACH AN DER SAAL, 1778.

Nach den Jahren in Hof und Leipzig kehrt Richter für den ersten eigenen Verdienst nach Schwarzenbach zurück: Im Jahr 1790 engagieren ihn befreundete Familien als Hofmeister für ihre Kinder. Vor und nach dem durchweg ungewöhnlichen Unterricht, der die praktische Grundlage seiner Erziehlehre LEVANA bildet, schreibt Richter - und zwar in einem unglaublichen Tempo: 1790/1 entsteht die Erzählung SCHULMEISTERLEIN MARIA WUTZ, 1791/2 der Roman DIE UNSICHTBARE LOGE (Leseprobe), 1792-1794 der Roman HESPERUS (Leseprobe). Von alledem weiß die SELBERLEBENSBESCHREIBUNG nichts, denn sie bricht ab, bevor die Literatur beginnt und sich Johann Paul Friedrich Richter als Autor »Jean Paul« erfindet. 1794 endet seine Stelle als Lehrer, er zieht zur Mutter nach Hof.

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Glauben Sie wohl, meine Zuhörer, daß Paul aus dem ganzen Aufpacken und Ausziehen und Fortziehen und Einziehen nichts im Gedächtnis behalten, keinen Abschied weder der Eltern noch der Kinder, keinen Gegenstand auf einem Wege von zwei Meilen, bloß den schon erwähnten Schneiders-Sohn ausgenommen, welchem er die Rußzeichnungen einiger Könige für seine Geliebte in die Tasche gesteckt? - Aber so ist Kind- und Knabenheit; sie behält Kleinstes, sie vergißt Größtes, man weiß bei beidem selten warum. Abschiede behält ohnehin die immer unten und oben und überall hinauswollende Kindheit weniger als Ankunft; denn ein Kind verläßt zehnmal leichter die langgewohnten Verhältnisse als die kurzgewohnten und erst im Manne erscheint gerade das Umgekehrte der Berechnung. Für Kinder gibt es kaum Abschiede; denn sie kennen keine Vergangenheit, sondern nur eine Gegenwart voll Zukunft.

Schwarzenbach an der Saale hatte freilich viel - einen Pfarrer und einen Kaplan - einen Rektor und einen Kantor - ein Pfarrhaus voll kleiner und zwei großer Stuben - diesem gegenüber zwei große Brücken mit der dazugehörigen Saale - und gleich daneben das Schulhaus so groß (wohl größer) wie das ganze Joditzer Pfarrhaus - und unter den Häusern noch ein Rathaus, nicht einmal gerechnet das lange leere Schloß.

Marcus Boshkow liest aus Jean Pauls SELBERLEBENSBESCHREIBUNG:

 

Pfarrhaus und Kirche

Die Familie Richter verdankt den beruflichen Aufstieg des Vaters der Tatsache, dass der Schwarzenbacher Pastor Barnickel im März 1775 »endlich« stirbt, wie es in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG heißt. »Die Pfarrstelle, welche der Fürst von Reuß und die Frau von Bodenhausen wechselnd besetzten, bekam diesesmal die Gönnerin Richters in die Hand, welche sich lange und unverhohlen auf die Gelegenheit gefreuet, den guten uneigennützigen heitern und verarmenden Pfarrer zu erretten und zu belohnen.«

Die neue Stelle ist nicht nur höher dotiert, sondern geht auch mit einer Verbesserung der Wohnverhältnisse einher. Noch in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG gibt sich Jean Paul beeindruckt von der neuen Fülle: »Schwarzenbach an der Saale hatte freilich viel - einen Pfarrer und einen Kaplan - einen Rektor und einen Kantor - ein Pfarrhaus voll kleiner und zwei großer Stuben - diesem gegenüber zwei große Brücken mit der dazugehörigen Saale - und gleich daneben das Schulhaus so groß (wohl größer) wie das ganze Joditzer Pfarrhaus - und unter den Häusern noch ein Rathaus, nicht einmal gerechnet das lange leere Schloß.«

Der Platzgewinn für die Familie verschafft auch dem jungen Fritz Richter einen Freiraum, den er vor allem mit Lesen füllt - und zwar immer und überall. Sein Lieblingsbuch ist ROBINSON CRUSOE, und das legt er selbst in der Kirche, während einer Predigt des Vaters, nicht aus der Hand. Er sucht sich eine leere Empore und liest - »bäuchlings« - darin. Nachmittags wird er zudem von dem Kollegen des Vaters, dem Kaplan Völkel, unterrichtet (Audio).

Die Freude währt allerdings nur drei Jahre, da Johann Christian Christoph Richter im April 1779 plötzlich verstirbt und seine Witwe mit ihren Söhnen aus dem Pfarrhaus ausziehen muss, um Platz für den Nachfolger zu machen. Zurück bleibt ein Türriegel mit den eingeschnitzten Initialen J.P.F.R., der noch heute im Pfarrhaus zu sehen ist.

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Kurz darauf bat der junge Kaplan Völkel sich vom Vater den Jungen auf tägliche zwei Stunden nach dem Essen aus, um allerlei aus Philosophie und Geographie mir beizubringen. Wodurch ich ihm, den kein besonderes Erziehtalent anfeuerte, bei meiner dörfischen Unbehülflichkeit so wert bis zum Aufopfern seiner Ruhezeit geworden, weiß ich nicht.

In der Philosophie las er oder eigentlich ich ihm vor die Weltweisheit von Gottsched, welche mich bei aller Trockenheit und Leerheit doch wie frisches Wasser erquickte durch die Neuheit. Darauf zeigte er mir auf einer Landkarte - ich glaube von Deutschland - viele Städte und Grenzen; was ich aber davon behalten, weiß ich nicht und such' es bis heute vergeblich in meinem Gedächtnis. Ich getraue mir zu beweisen, daß ich unter allen jetzt lebenden Schriftstellern vielleicht der bin - was freilich stark klingt - welcher von Landkarten - das wenigste versteht. [...]

Desto mehr dank' ich dem guten Kaplane für seine Anleitung zum deutschen Stil, welche in nichts bestand als in einer Anleitung zur sogenannten natürlichen Theologie. Er gab mir nämlich den Beweis ohne Bibel zu führen auf, z. B. daß ein Gott sei oder eine Vorsehung u. s. w. Dazu erhielt ich ein Oktavblättchen, worauf nur mit unausgeschriebnen Sätzen, ja mit einzelnen Worten durch Gedankenstriche auseinandergehalten die Beweise und Andeutungen aus Nösselt und Jerusalem oder andern standen. Diese verzifferten Andeutungen wurden mir erklärt; und aus diesem Blatt entfalteten sich, wie nach Goethens botanischen Glauben, meine Blätter. Mit Wärme fing ich jeden Aufsatz an, mit Lohe hört' ich auf; denn immer kamen in das Ende das Ende der Welt, des Lebens, die Freuden des Himmels und all das Übermaß, das der jungen Rebe in ihrem warmen Frühling entquillt und das erst im Herbste zu etwas Geistigen zeitigt.

Kantorat

Der Schwarzenbacher Rektor Werner ist ein Mann mit ungewöhnlichen didaktischen Methoden, die mindestens einen Schüler nachhaltig beeindrucken. In seiner SELBERLEBENSBESCHREIBUNG beschreibt Jean Paul, der von 1776 bis 1779 von Werner im »Kantorat« genannten Schulhaus unterrichtet wird, den Lehrer als Mensch »voll Feuer und Gefühl, mit einer hinreißenden Naturberedsamkeit voll Fragen und Gleichnisse und Anreden«. Dass der Schriftsteller Jean Paul sich ebenfalls im fantastischen Ausmalen und rhetorischen Hakenschlagen gefällt, mag einen Ursprung in dieser Zeit haben.

Für die Liebe gilt dasselbe: »Wie früher dem Kirchenstuhl gegenüber, so konnt' ich nicht anders als zur erhöhten Schulbank hinauf - denn sie saß ganz oben, die Katharina Bärin - mich verlieben, in ihr niedliches rundes rotes blatternarbiges Gesichtchen mit blitzenden Augen und in ihre artige Hastigkeit, womit sie sprach und davonlief.« Eines Abends stiehlt sich der Junge heimlich davon und platzt in die Wohnung des Mädchens, um ihr unvermittelt einen Kuss auf die Lippen zu drücken.

Eine weitere neue Liebe gilt den Sprachen, dem Lateinischen, dem Griechischen und vor allem dem Hebräischen. Laut SELBERLEBENSBESCHREIBUNG näht sich der junge Richter ein Büchlein, um eine eigene Bibel-Übersetzung anzufertigen. Allein, er ist so sehr mit dem Exzerpieren und dem Kommentieren beschäftigt ist, dass er über das erste Wort nicht hinauskommt. Die literarische Verarbeitung dieser Schreiblust findet sich laut Jean Paul im QUINTUS FIXLEIN: »Was noch von des Quintus Fixlein Treibjagd in einer hebräischen Foliobibel nach größern, kleinern, umgekehrten Buchstaben (im ersten Zettelkasten) geschrieben steht, ist wörtlich mit allen Umständen auf Pauls eignes Leben anzuwenden.«

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Scherz mit dem Rektor

Da die Schraubgenossenschaft wußte, daß er in der Schule die Zeitung las und in seine Schulstubenpredigten jede lebendige Gegenwart aufnahm: so schickte sie ihm von der Erlanger Realzeitung, die er mithielt, ein altes Blatt aus den 70ger Jahren, das die schreckliche Hungernot in Italien, besonders in Neapel, grausend abschilderte. Die Jahrzahl der Zeitung hatten sie mit einem daraufgeflößten Dintenklecks gut genug versiegelt. Sie hörten es nun alle in ihre Stuben gleichsam hinein, wie er vom Fidibus-Blatt entzündet (er kann kaum den Abzug des Kantors erwarten) mit dem Erklären losbrechen und mit welchen Feuerfarben er jetzo - der Erlanger gab nur die Wasserfarben dazu - das hungrige Betteln, Schreien, Niederfallen, Verschlucken auf allen Gassen so nahe vor die Schwarzenbacher Schuljugend rücken werde, daß es unentschieden sein werde, ob sie mit heißeren Tränen heimkommen werden oder mit heißerem Hunger. Und in der Tat in solchen Fällen der Schilderungen glaubt der Mensch kaum mehr, daß es noch etwas zu essen gibt in der Welt. Unter welche Ehrenpforten (oder auf welchen Ehrenbetten) noch abends der gute Herold des Hungers von der Spaßgenossenschaft für sein Rühren und Mahnen gebracht worden, als die Schützengesellschaft die Kinder besehen und vernommen, kann sich jeder denken, ich aber nicht berichten, weil ich erst dunkel und spät etwas erfahren habe. Alter gutmeinender Rektor! schäme oder ärgere dich indes nicht besonders über das Spaß- oder Stoßgevögel, das auf deine Kanzel-Tauben niederfahren will! Die heilige Taube hatte doch mit warmen Flügeln über unsern Herzen geschwebt und sie angebrütet. Für die angewärmte Seele ists einerlei ob sie für eine alte oder für eine junge Hungerzeit mit den Schlägen des Wohlwollens gezittert.

Friedhof (Grab des Vaters)

Am 25. April 1779 stirbt in Schwarzenbach an der Saale unerwartet Johann Christian Christoph Richter. Sein ältester Sohn Fritz wohnt zu diesem Zeitpunkt bereits bei den Großeltern in Hof, da er im Januar die Aufnahmeprüfung des dortigen Gymnasiums bestanden hat und Großvater Kuhn Sinn und Notwendigkeit einer weiteren schulischen Bildung für den Enkel erkennt und fördert.

Rosina Richter steht nun mit leeren Händen und fünf minderjährigen Söhnen da. Es fehlt nicht nur an dem ohnehin kargen Verdienst ihres Mannes - Sozialversicherungen gibt es damals nicht -, sondern auch an einer Wohnung, denn die Familie muss das Pfarrhaus räumen. Auch hier springt Großvater Kuhn ein und unterstützt die Richters fortan finanziell. Jedoch stirbt auch dieser Gönner bereits ein Jahr später, sodass die Familie, die mittlerweile nach Hof gezogen ist, erneut in große Schwierigkeiten gerät.

Das Grab von Johann Christian Christoph Richter ist nicht erhalten; zu besichtigen ist allerdings noch die Grabplatte, auf der sein Lebenslauf von der Geburt über die Heirat und seine verschiedenen Posten bis zum Tod festgehalten ist (Nordseite der Kirche St. Gumbertus). Von der großen Liebe seines Vaters zur Musik, die Jean Paul in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG ausgiebig schildert, ist darauf höchstens zwischen den Zeilen die Rede.

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Mein Vater, in Neustadt 1727 den 16ten Dezember geboren - fast mehr zum Winter des Lebens als gleich mir zu einem Frühling, würd' ich sagen, hätte seine Kraftnatur sich nicht auch in Eisberge gute Häfen einzuschneiden vermocht - konnte das Lyzeum in Wunsiedel, wie Luther die Schule in Eisenach, nur als sogenannter Alumnus oder armer Schüler genießen oder erdulden; denn wenn man 150fl. jährliche Einnahme gehörig unter Vater, Mutter und mehre Schwestern verteilte, so mußte auf ihn selber gerade gar nichts kommen, als höchstens das Alumnus-Brot. Darauf bezog er das Gymnasium poeticum in Regensburg, um nicht nur in einer größern Stadt zu hungern, sondern auch darin statt des Laubes die eigentliche Blüte seines Wesens zu treiben. Und diese war die Tonkunst. In der Kapelle des damaligen Fürsten von Thurn und Taxis, - des bekannten Kenners und Gönners der Musik - konnte er der Heiligen, zu deren Anbetung er geboren war, dienen. Klavier und Generalbaß erhoben ihn zwei Jahrzehende später zu einem geliebten Kirchenkomponisten des Fürstentums Baireuth. An Karfreitagabenden erfreuete er oft sich und uns Kinder mit den Darstellungen der heiligen Allmacht, womit an eben diesen Tagen die Töne in katholischen Kirchen die Seelen hoben und heiligten. Ich muß leider bekennen, daß mir, als ich vor einigen Jahren in Regensburg war, unter allen dortigen Antiken und Vergangenheiten - nicht einmal den Reichstag ausgenommen - das väterliche gedruckte Leben die Wichtigste war; und ich dachte im Thurn und Taxischen Palast und in den engen Gassen, wo ein paar Dickbäuche ein schweres Ausweichen haben, oft an die einklemmenden Wege und engen Pässe seiner Jugendtage. Darauf studierte er statt der Tonkunst in Jena und Erlangen Theologie, vielleicht bloß um in Baireuth, wo sein Sohn alle diese Nachrichten sammelt, als Hauslehrer eine Zeit lange, d. h. bis in sein 32tes Jahr, sich abzuplagen. Denn schon 1760 rang er dem Staate den Posten eines Organisten und Tertius in Wonsiedel ab; und machte sonach unter dem Baireuther Markgrafen mehr und früheres Glück als jener Kandidat in Hannover, wovon ich gelesen, welcher 70 Jahre alt wurde und doch keine andere Stelle in der Kirche bekam als eine darneben im Kirchhofe.

„Hölzels Palais“

In den 1770er Jahren ging er selbst hier zur Schule, 1790 kehrt Johann Paul Friedrich Richter als Lehrer zurück nach Schwarzenbach an der Saale. Allerdings unterrichtet er nicht an der offiziellen Lehranstalt im Kantorat, die er einst besuchte, sondern als »Hofmeister« an einer »Winkelschule«, das heißt: als Privatlehrer einer privat organisierten Schülergruppe. Mehrmals haben ihn verschiedene Familien um die Annahme einer solchen Stelle gebeten, und nun hat er endlich zugesagt. Von dem schlichten Haus, in dem er wohnt und wo auch der Unterricht stattfindet, hat er das gegenüberliegende Schloss (heute das Rathaus) gut im Blick - und tauft also die eigene denkbar karge Behausung ironisch auf den Namen »Hölzels Palais«.

Richters Unterricht knüpft an seine eigenen Erfahrungen als Schüler an, vor allem an die Erinnerung an Rektor Werner, der von den Kindern nur Grundkenntnisse verlangte, um ihnen sodann die großen lateinischen und griechischen Werke zu überantworten. Auch Hofmeister Richter pflegt die ungewöhnlichen Methoden, die vor allem der Anregung der Fantasie dienen und weniger dem Auswendigaufsagen. Seine Schüler sollen frei schreiben und sich dabei gerne an buchstäblichen Ähnlichkeiten orientieren, mit dem Ziel witzige Bonmots und Sentenzen zu erfinden. Über die Ergebnisse führt Richter Protokoll; daraus schöpft er später für seine »Erziehlehre« LEVANA.

»Hölzels Palais« ist einerseits der Ort, an dem Richter seine ersten Romane schreibt, die ihn als »Jean Paul« bekannt machen. Andererseits aber auch der Ort, an dem ihn seine berühmt gewordene Todesvision ereilt. Am 15. November 1790 notiert er in sein Tagebuch: »Wichtigste(r) Abend meines Lebens: denn ich empfand den Gedanken des Todes, daß es schlechterdings kein Unterschied ist ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe, daß alle Plane und alles mir davonschwindet und daß ich die armen Menschen lieben sol, die sobald mit ihrem Bisgen Leben niedersinken - der Gedanke gieng bis zur Gleichgültigkeit an allen Geschäften.«

Rathaus (Gedenkstein)

Im Hof hinter dem Schwarzenbacher Rathaus befindet seit dem 21. März 2002 ein Jean-Paul-Gedenkstein von Wolfgang Stefan und Willi Seiler. Erbaut wird das Rathaus Anfang des 18. Jahrhunderts als Schloss der Fürsten von Schönburg-Waldenburg. Als Jean Paul zum zweiten Mal in Schwarzenbach lebt, von 1790 bis 1794, wohnt und arbeitet er auf der gegenüberliegenden Straßenseite in »Hölzels Palais«. Nur ein paar Schritte trennen ihn von dem Anwesen, doch die soziale Differenz ist nicht zu überbrücken. Hier der arme Pfarrerssohn, der die Stelle als Hofmeister zuallererst aus Geldmangel antritt; dort der Adel, der über das Schicksal jedes einzelnen Dorfbewohners - darunter nicht zuletzt Jean Pauls Vater - entscheidet.

Die Texte, die Jean Paul in diesen Jahren schreibt, spiegeln diese Verhältnisse, teils ganz buchstäblich. In DIE UNSICHTBARE LOGE (1793, Leseprobe) versucht der Scheerauer Fürst erfolglos das unschuldige »Gesellschaftsfräulein« Beata zu verführen, während der Residentin von Bouse dasselbe Unterfangen bei Gustav gelingt: die jungen, zarten Bande zwischen Beata und Gustav sind vorerst zerstört. Im HESPERUS (1795, Leseprobe) wiederum werden die Positionen gar völlig verkehrt: Nach allerlei verwandtschaftlicher Wirrungen stellt sich heraus, dass der bürgerliche Flamin in Wahrheit von adeliger Abstammung ist - und sein bester Freund Viktor nicht der Spross eines Lords ist, sondern der Sohn eines Kaplans. Der Verlust des adeligen Titels bedeutet für Viktor allerdings den Gewinn der Liebe, denn die von beiden Freunden begehrte Klotilde wendet sich ihm zu.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik & Katrin Schuster

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