Joditz

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Joditz, Detail aus einem Aquarell von König, 1788

Kleine Historie

Erstmals urkundlich erwähnt wird Joditz im Jahr 1365, als der Ritter Jan von Berg eine Schenkung bezeugt und besiegelt. Dass schon zuvor an dieser Stelle Menschen an der Furt siedelten, belegen verschiedene Funde, darunter eine frühgeschichtliche Eisenschmelze und eine römische Münze. Auch weisen Spuren darauf hin, dass hier bereits um 1400 Eisenerz abgebaut wird. Im 16. Jahrhundert befinden sich diverse Schächte und Stollen in der Gegend; 1562 werden circa 100 zugewanderte Bergleute gezählt, die in den umliegenden Gruben mit klingenden Namen wie »Goldene Sonne«, »Weißes Lamm«, »Neues Glück« oder »Heilige Dreifaltigkeit« arbeiten. Eine alte Dorflegende berichtet von dem »Stollenzwerg von Engelsüß«, der einem ehrlichen Bergmann zu Reichtum verhilft.

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wechselt Joditz oft die Besitzer, darunter die Familien von Zedtzwitz, von Feilitzsch, von Laineck und von Stein. Erdmann von Stein ist der Neubau der Kirche im Jahr 1704 zu verdanken: Die gotische Kapelle (erbaut 1470) wird abgebrochen und an ihrer Stelle ein größerer barocker Bau errichtet. Die Glocke aus dem Jahr 1512, die der Heiligen Anna, der Schutzpatronin der Bergleute, gewidmet ist, zieht in den neuen Turm ein, wo sie noch heute hängt.

Ein ewiges Sorgenkind ist dagegen das Pfarrhaus: Die Gemeinde ist klein, es fehlt an Geld, sodass jeder Neubau zu spartanisch gerät. Erst 1754, nachdem ein Brand die Behausung vernichtet hat, genügt ein neu errichtetes Haus endlich den Ansprüchen an eine Pastorenwohnung. Kaum zehn Jahre später, 1765, ziehen die Richters dort ein - und deren Sohn, den »Pfarrersfritz«, kennt bald jeder im Dorf. Ungefähr aus dieser Zeit datiert DIE SAGE VON DER SCHLOTTERMÜHLE, in der ein ungläubiger und geldgieriger Müller von Gott durch gleich mehrfachen Blitzeinschlag bestraft wird.

Jean Paul und Joditz

Im Jahr 1765 zieht die Familie Richter von Wunsiedel nach Joditz, wo der Vater eine besser dotierte Stelle antritt. In der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG nennt Jean Paul Joditz seinen »geistigen Geburtsort«, da er hier »das Wichtigste, nämlich die Knabenolympiaden verlebte« (Audio).

Laut SELBERLEBENSBESCHREIBUNG formt sich in Joditz die Persönlichkeit des Schriftstellers. Hier erwacht die unbändige und anhaltende Lust am Lernen, Lesen, Schreiben - und an der Liebe; hier bastelt der kleine Richter seine erste eigene »Etui-Bibliothek von lauter eignen Sedezwerkchen [...], die er aus den bandbreiten Papierabschnitzeln von den Oktavpredigten seines Vaters zusammennähte«; hier erfindet er sein eigenes Alphabet, bestehend aus »Kalenderzeichen - oder geometrischen aus einem alten Buche - oder chemischen - oder neuesten aus seinem Kopfe«. Hinzu kommt die als Epiphanie geschilderte »Geburt meines Selbbewußtseins«, als die Erkenntnis »'ich bin ein Ich' wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb«.

Dass Jean Paul seine frühen Jahre rückblickend womöglich idyllischer zeichnet, als sie waren, passt in eine Epoche, die die Kindheit als Gegenstand der Literatur entdeckt. Niemand weiß das besser als Jean Paul selbst, der seine Joditzer Jahre ausdrücklich »als einen ganzen Idyllenjahrgang vorüberziehen« lässt. Auch Jean Pauls erste Erzählung, SCHULMEISTERLEIN WUTZ, trägt den Untertitel »Eine Art Idylle«: Sie spielt in Joditz und erzählt von einem Büchernarren. Ein weiteres Mal ist von Joditz in dem Roman FLEGELJAHRE (Leseprobe) die Rede, dort allerdings begleitet von einer Fußnote, in der gar eine Dopplung behauptet wird: »Es gibt zwar ein zweites Joditz mit gleicher Gegend - das Kindheitsdorf des gegenwärtigen Verfassers -, es liegt aber nicht in Haßlau, sondern im Vogtland«.

Eine ausnahmsweise nicht von Jean Paul erfundene Legende wusste der Herausgeber Eduard Berend zu berichten: »Noch jetzt erzählt man sich in Joditz, dass die Bauern vor dem lebhaften Pfarrsohn öfters die Türe geschlossen hätten, um seinem allzu reichen Redestrom zu entgehen.«

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen, sondern womöglich in einem Dorfe, höchstens in einem Städtchen. Die Überfülle und die Überreize einer großen Stadt sind für die erregbare schwache Kindseele ein Essen an einem Nachtisch und Trinken gebrannter Wasser und Baden in Glühwein. Das Leben erschöpft sich an ihm in der Knabenzeit und er hat nun nach dem Größten nichts mehr zu wünschen als höchstens das Kleinere, die Dorfschaften. Man gewinnt und errät aber nicht so viel, wenn man aus der Stadt ins Dorf kommt als umgekehrt aus Joditz nach Hof. Denk' ich vollends an das Wichtigste für den Dichter, an das Lieben: so muß er in der Stadt um den warmen Erdgürtel seiner elterlichen Freunde und Bekanntschaften die größern kalten Wende- und Eis-Zonen der ungeliebten Menschen ziehen, welche ihm unbekannt begegnen und für die er sich so wenig liebend entflammen oder erwärmen kann als ein Schiffvolk, das vor einem andern fremden Schiffvolk begegnend vorübersegelt. Aber im Dorfe liebt man das ganze Dorf und kein Säugling wird da begraben, ohne daß jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß; Joditzer haben sich alle ineinander hineingewohnt und hineingewöhnt; - und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens. - Und dann, wenn der Dichter aus seinem Dorfe wandert, bringt er jedem, der ihm begegnet, ein Stückchen Herz mit und er muß weit reisen, eh er endlich damit auf den Straßen und Gassen das ganze Herz ausgegeben hat. -

Allerdings gibt es noch ein größeres Unglück als das, in einer Hauptstadt erzogen zu sein - nämlich das, unterwegs erzogen zu werden als ein vornehmes Kind, das nun jahrelang durch fremde Städte und Menschen fährt und kein Haus kennt als den Kutschenkasten.

Marcus Boshkow liest aus Jean Pauls SELBERLEBENSBESCHREIBUNG:

 

Pfarrhaus und Kirche

Das Dorf Joditz nimmt in Jean Pauls SELBERLEBENSBESCHREIBUNG den meisten Raum ein, da ihm diese Jahre als wichtigste seiner Charakterbildung gelten. Seine Erzählung gliedert er nicht chronologisch, sondern nach Jahreszeiten. Der Joditzer »Idyllenjahrgang« beginnt mit dem Winter, den die Familie Richter vor allem im Pfarrhaus verbringt. Die Sonne geht nun früher unter, was für den jungen »Hans Paul« - wie Jean Paul sich in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG unter anderem nennt - vor allem eines bedeutet: »Der Winter verkürzte und versüßte die Lernstunden.« Auch kommt der Vater zum Arbeiten nun aus seiner Studierstube in die geheizte Wohnstube herunter.

Die dunklen Abende bergen allerdings eine Bedrohung, eine »Wespenstachelscheide oder Vampyrenzunge«, die Jean Paul dem Winter-Abschnitt in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG zuordnet. Um 21 Uhr werden die Kinder ins Bett geschickt; der junge Richter teilt sich eine Kammer mit seinem Vater - und findet keine Ruhe, bis dieser sich zwei Stunden später endlich auch niederlegt. Denn der Junge wird von einer unbändigen »Gespensterfurcht« geplagt, die ihn nicht schlafen lässt. Jedes Geräusch, jede Lichterscheinung ängstigt ihn - glaubt man der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG - beinah zu Tode.

Dass der Vater damit auch noch Schabernack treibt, führt Jean Paul selbst auf dessen Beruf zurück. Die bösen Geister gelten dem Pastor Richter gleichsam als Kehrseite wie Prüfung seines Glaubens, denen er als Mann Gottes aufrecht und tapfer entgegenzustehen habe. Das Kind übernimmt die Verbindung zwischen Kirche und Geisterwelt: Auch am Tage wird es, so erzählt Jean Paul, manchmal von der Gespensterfurcht befallen, etwa wenn es anlässlich eines Begräbnisses die Bibel des Vaters durch die leere Kirche in die Sakristei zu bringen hat. Als prominentester literarischer Reflex auf diese Angst gilt Jean Pauls REDE DES TOTEN CHRISTUS.

[Jean Paul, REDE DES TOTEN CHRISTUS VOM WELTGEBÄUDE HERAB, DASS KEIN GOTT SEI]

Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört' ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. - Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«

Er antwortete: »Es ist keiner.«

Schulhaus

Der Schulweg des jungen Fritz Richter, der mit seiner Familie im Joditzer Pfarrhaus lebt, ist kurz: Die Schule liegt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Lernen gehört, so berichtet es Jean Paul in seiner SELBERLEBENSBESCHREIBUNG, zu den liebsten Tätigkeiten des Heranwachsenden; dafür fällt manchmal sogar das Mittagessen aus. Seinen ersten Lehrer Knieling stellt Jean Paul als von ihm geschätzten Menschen vor. Doch ist das Mitleid kaum zu überhören, wenn er ihn als »lungensüchtigen, magern« Mann beschreibt.

Da auch Jean Paul in seiner Zeit in Schwarzenbach an der Saale als Hofmeister sein Geld verdient, verwundert es nicht, dass Lehrer in seinen Werken oft eine Hauptrolle spielen. In DIE UNSICHTBARE LOGE (Leseprobe) fungiert der Erzähler selbst als Hofmeister des Protagonisten Gustav. Der Anhang der LOGE wiederum widmet sich dem LEBEN DES VERGNÜGTEN SCHULMEISTERLEIN MARIA WUTZ IN AUENTHAL. Dieser Wutz wird häufig - entsprechend der Gleichsetzung des fiktiven »Auenthal« mit dem realen Joditz - als Porträt von Lehrer Knieling verstanden. Ebendas vermerkt die Gedenktafel, die im Jubiläumsjahr 2013 an dem ehemaligen Schulhaus angebracht wird. Unweit davon befindet sich ein Jean-Paul-Gedenkstein mit dem Dichter-Porträt von Heinrich Pfenninger.

Die schöne Zeit bei Knieling endet abrupt. Weil Fritz sich mit einem Mitschüler prügelt, nimmt Johann Christian Christoph Richter seinen Sohn aus der Schule, um ihn »vier Stunden vor- und drei nachmittags« zuhause zu unterrichten. Nun wird stur auswendig gelernt. Der junge Richter beherrscht freilich auch das und bleibt deshalb - im Gegensatz zu seinem Bruder Adam - von den Schlägen des Vaters verschont. Nur einmal, so berichtet es die SELBERLEBENSBESCHREIBUNG, gelingt ihm eine Aussprache nicht. Typisch Jean Paul: Das lateinische Wort, das dem Jungen partout nicht über die Zunge will, lautet »lingua«, zu Deutsch: »Zunge«.

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Damit bezog ich nun - nachdem ich bei meinem Innern Privatissima genug genommen und die tiefern Schulklassen durchgemacht - in einer grüntaftnen Haube, aber schon in Höschen (die Schulmeisterin ersetzte öffentlich dabei meine schwachen Händchen) die hohe Schule, nämlich die der Pfarrwohnung gegenübergelegene Schulmeisterwohnung und sagte gleich jedem auf mit dem Griffel. Wie gewöhnlich gewann ich alles Lebende in der Stube lieb, und den lungensüchtigen magern, aber aufgeweckten Schulmeister zuerst, mit welchem ich alle Wartangst teilte, wenn er hinter seinen zum Fenster hinausgehaltenen Finkenkloben auf einen anfliegenden Stieglitz lauerte, oder wenn er das Zuggarn über die Emmerlinge auf dem Vogelherde draußen im Schnee herüberzuschlagen vorhatte. Aus der grönländischen Winterschwüle der vollen Schulstube erinnre ich mich noch vergnügt der langen ausgestopften Zapfen aus Leinwand, welche in kleinen durch die Holzwand gebohrten Luftlöchern steckten und die man nur herauszuziehen brauchte, um in den offnen Mund die herrlichsten Erfrischungen von Luft aus dem Froste draußen einzunehmen. Jeder neue Schreibbuchstabe vom Schulmeister erquickte mich wie andere ein Gemälde; und um das Aufsagen der Lektion beneidete ich andere, da ich gern wie die Seligkeit des Zusammensingens auch die des Zusammenbuchstabierens genossen hätte.

Jean-Paul-Felsen

Seinem ersten Roman DIE UNSICHTBARE LOGE (1793, Leseprobe) stellt Jean Paul eine Vorrede voran, die während einer Kutschfahrt auf den Fichtelberg geschrieben wird und nichts anderem dienen soll, als den Verfasser vom Blick aus dem Fenster abzuhalten. Denn Jean Paul hat sich vorgenommen, »den großen Zirkus und Paradeplatz der Natur mit allen seinen Strömen und Bergen auf einmal in die geschlossene Seele« aufzunehmen: Die Aussicht will nicht vorher schon erahnt, sondern erst in der Totalen erfasst werden.

Auch Albano de Cesara, Jean Pauls Protagonist des TITAN (1800, Leseprobe), befällt während einer Bootsfahrt »sein alter Durst nach einem einzigen erschütternden Guß aus dem Füllhorn der Natur; er verschloß die Augen, um sie nicht eher zu öffnen als oben auf der höchsten Terrasse der Insel vor der Morgensonne«. Sein Freund Schoppe neckt ihn, indem er all die Sehenswürdigkeiten aufzählt, die Albano verpasst, und die Binde als »Augen-Schmachtriemen« tituliert.

Es verwundert mithin wenig, dass der Felsen über Joditz, der allerdings erst seit größeren Stürmen einen freien Ausblick über das Dorf ermöglicht, »Jean-Paul-Felsen« genannt wird. Die einzige Stelle, die ein Joditzer Panorama zu beschreiben scheint, findet sich in Jean Pauls Roman FLEGELJAHRE (1804, Leseprobe): »Da erblickt´ er Joditz [...] Es kam ihm aber vor, er hab´ es schon längst gesehen, der Strom um das Dorf, der Bach durch dasselbe, der am Flusse steil auffahrende Wald-Berg, die Birken-Einfassung und alles war ihm eine Heimat alter Bilder. Vielleicht hatte einmal der Traumgott vor ihm ein ähnliches Dörfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn durchschweben lassen.«

Allein, das Joditz, das die Figur Walt da erblickt, darf nicht mit dem Joditz verwechselt werden, das man vom Jean-Paul-Felsen aus erblickt - wie Jean Paul selbst in der zugehörigen Fußnote ausdrücklich vermerkt: »Es gibt zwar ein zweites Joditz mit gleicher Gegend - das Kindheitsdorf des gegenwärtigen Verfassers -, es liegt aber nicht in Haßlau [wo der TITAN spielt], sondern im Vogtland«.

Jean-Paul-Museum

Da die Zeit in Joditz dem Schriftsteller Jean Paul als wichtigste Epoche seiner Kindheit und Jugend erscheint, widmet er ihr in seiner SELBERLEBENSBESCHREIBUNG deutlich mehr Seiten als den Jahren in Wunsiedel oder in Schwarzenbach an der Saale. Auch gliedert er den Bericht nicht chronologisch, sondern nach Jahreszeiten: Kinder denken nicht in der Kategorie des Lebensalters, sondern in den Rhythmen der Natur. Der »Idyllenjahrgang« beginnt mit dem Winter, den die Familie vor allem im Pfarrhaus verbringt. Es folgen Frühling und Sommer: »Jetzo fing das Leben in dem, nämlich unter dem Himmel an.« Auch die erste Liebe lässt nicht lange auf sich warten.

Im Sommer gehen der Vater und die Kinder tagsüber oft in den Pfarrgarten, der damals noch außerhalb des Dorfs liegt. Dort zieht die Familie Obst und Gemüse für den eigenen Bedarf, da die finanzielle Situation sich zwar gebessert hat, aber weiterhin nicht rosig ist. Im Gartenhäuschen des Pfarrgartens - von Jean Paul in der SELBERLEBENSBESCHREIBUNG als »Lusthäuschen« bezeichnet - memoriert der Vater seine Sonntagspredigten und machen die Kinder ihre Schulaufgaben.

An der Stelle dieses Gartenhauses wird 1893 ein Weberhäuschen errichtet.  Dort zieht 1988, anlässlich des 235. Geburtstags des Dichters, das private Jean-Paul-Museum ein. In seinen Räumen werden Leben und Werk des Dichters dokumentiert: im unteren Trakt und in der Scheune die Kindheitsjahre im Pfarrhaus, im Obergeschoß das Leben des erfolgreichen Autors mit all seinen Schrullen wie etwa seiner hingebungsvollen Liebe zum Bier. Ausgestellt sind nahezu alle Erstausgaben und viele von seinen Zeitgenossen. Die Handbibliothek enthält über 700 Titel mit weit über 1000 Bänden. Das Museum gibt zudem eine eigene Schriftenreihe heraus.

[Jean Paul, SELBERLEBENSBESCHREIBUNG]

Der schönste Sommervogel indes, ein zarter blauer Schmetterling, welcher den Helden in der schönen Jahrzeit umflatterte, war seine erste Liebe. Es war ein blauaugiges Bauermädchen seines Alters, von schlanker Gestalt, eirundem Gesicht mit einigen Blatternarben, aber mit den tausend Zügen, welche eben wie Zauberkreise das Herz gefangennehmen. Augusta oder Augustina wohnte bei ihrem Bruder Römer, ein feiner Jüngling, als guter Sänger im Chore und als Rechner bekannt. Zu einer Liebeerklärung kam es zwar bei Paul nicht - sie müßte denn meine Vorlesung gedruckt in die Hand bekommen - aber von weitem spielte er doch seinen Roman lebhaft so, daß er in der Kirche von seinem Pfarrstuhle aus sie in ihrem Weiberstuhle ziemlich nahe genug ansah und nicht satt bekam. Und doch war dies nur Anfang - denn wenn sie abends ihre Weidekühe nach Hause trieb, die er am unvergeßlichen Glockengeläute erkannte, so kletterte er auf die Hofmauer, um sie zu sehen und heranzuwinken, und dann wieder herab an den Torweg um durch eine Spalte die Hand hinauszubringen - mehr vom Körper durfte nicht von den Kindern aus dem Hofe - und ihr etwas Eßbares, Zuckermandeln oder sonst etwas Köstliches, das er aus der Stadt gebracht, in die Hand zu geben. Leider trieb ers in manchen Sommern nicht dreimal soweit, sondern er mußte meistens alles Gute, besonders den Gram dazu, in sich fressen. Waren jedoch seine Mandeln einmal nicht auf einen steinigen Acker gefallen, sondern in das Eden seines Auges: so erwuchs freilich aus ihnen ein ganzer blühender, im Kopfe hängender Garten voll Duft und er ging darin wochenlang spazieren. Denn die reine Liebe will nur geben und nur durch Beglücken glücklich werden; und gäb' es eine Ewigkeit fortsteigernder Beglückung, wer wäre seliger als die Liebe? –


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik & Katrin Schuster

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