Carry Brachvogels Vortrag „Hebbel und die moderne Frau“

Seit 1903, nach ihrem Eintritt in den Münchner Verein für Fraueninteressen, wird die Schriftstellerin Carry Brachvogel zu einem wichtigen Sprachrohr der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie schreibt jetzt historische Biographien über einflussreiche Frauen und untersucht, wie diese zu Macht gekommen sind. Mätressen erwecken dabei ebenso ihr Interesse wie Herrscherinnen. 1905 erscheint Marquise de Pompadour, 1909 Madame Mère, 1911 Maria Theresia und 1913 Katharina die Große; doch auch sonst durchleuchtet sie die Frauenwelt in Romanen, Erzählungen und Essays in all ihren Facetten. Unermüdlich untersucht sie die Position der Frau in der Ehe, im öffentlichen Leben, in Kunst, Literatur, Politik und Industrie in Vergangenheit und Gegenwart. Sie präsentiert Frauentypen und analysiert die mit ihnen einhergehenden Werte, Rollenerwartungen und Frauen-Ideale des Mannes. Immer wieder kritisiert sie auch die Scheinheiligkeit und Verlogenheit der Werte, die den Frauen vermittelt wurden und werden.

Carry Brachvogel porträtiert die arbeitende Frau, Schauspielerinnen, Opernsängerinnen ebenso wie Kellnerinnen oder Hutmacherinnen. Auf den hohen Wert der Arbeit als Lebenssinn für die Frau zu verweisen, ist ihr ein hohes Anliegen. 1910 erscheint ihr zweibändiger Roman Der Kampf um den Mann. Verschiedene Wege, auf denen moderne Frauen Glück suchen, werden hier geschildert, Generationen und Weltanschauungen treten einander gegenüber. Das zeitgenössische bürgerliche Münchner Gesellschafts- und Ateliersleben bildet den Hintergrund der Handlung, in der drei Schwestern auf den ersten Blick alle perfekte Partien machen. Tatsächlich erweisen sich diese aber als Reinfall. Im zweiten Band rückt das Ziel Mann dann in den Hintergrund gegenüber einem neuen, erfolgsversprechenderen Lebenssinn: der Arbeit: „Es gibt gar nichts Schöneres, als den ganzen Tag zu arbeiten; wir haben das früher nur nie gewußt.“ (Der Kampf um den Mann. Stuttgart 1910, Bd. 2, S. 85)

1911 hält die Schriftstellerin im Verein für Fraueninteressen den programmatischen Vortrag Hebbel und die moderne Frau. Dieser wird auch veröffentlicht. Er enthält in poetischer Form die geradezu klassische Definition des neuen Typus der modernen, selbstbestimmten Frau, so wie sie auch der Verein vertritt. Carry Brachvogel geht hier der Frage nach, woher die Reduktion der Frau auf das Gefühl, die Liebe und den Mann als alleiniger Lebenssinn eigentlich kommt. Diesem herkömmlichen Frauenbild stellt sie als Gegenbild den Typus der modernen, selbstbestimmten Frau entgegen.

Carry Brachvogel liefert zunächst eine psychologische Analyse der Darstellung der Frau im klassischen Drama. Die Stationen ihres „literarischen Spaziergangs“ sind Lessing (1729-1781), Goethe (1749-1823), Schiller (1759-1805), Kleist (1777-1811) und Hebbel (1813-1863). Eloquent legt sie ihre Ansichten zur Psychologie der Frauencharaktere im klassischen deutschen Drama dar, dies auch mit einem Seitenblick auf die Ehen dieser männlichen Schriftsteller. Anhand verschiedener Frauenfiguren zeigt sie, dass die urklassischen Dichter abgesehen von wenigen Ausnahmen als Lebenszweck der Frau immer nur die Liebe hingestellt hätten. Nachdem Lessing im ausgehenden 18. Jahrhundert aus der französischen Heldentragödie das bürgerliche deutsche Drama schuf, habe mit Lessing das „Gefühl“ auf Deutschlands Bühnen Einzug gehalten. Fortan habe eine „Gefühlschwelgerei“ eingesetzt und die Festlegung der Frau auf die Liebe und das Gefühl stattgefunden:

Lange ehe Goethe es niederschrieb, schluchzte schon die ganze Welt betränten Auges und gehobenen Herzens: „Gefühl ist alles“. Und welch schöneres Gefühl könnte es wohl geben, als die Liebe, und welch edleres Gefühl für dies Gefühl, als die Frau?! Da beginnt denn mit dem klassischen Drama der Reigen jener Frauen, oder vielmehr jener Mädchen zu schreiten, die ganz Liebe, ganz auf Liebe gestellt sind, die Gretchen, Klärchen, Luisen, Kätchen und wie sie noch alle heißen, die verschiedene Namen tragen und doch immer den gleichen Typ darstellen. Liebe erfaßte, verzehrte, verbrannte diese Mädchengestalten, daß nichts von ihnen bleibt als immerfort Liebe. Wenn aber doch einmal in einer Gestalt ein Unverbrennbares, Unlösliches bleiben wollte, dann erschien es nicht wie ein wertvoller, astbestener Kern, sondern wie eine garstige Schlacke, welche die Frau, die nicht restlos in Liebesflammen aufging, vom höchsten Erdenglück, der Mannesliebe, ausschloß. Das ganze Wesen der Frau durfte nur aus einer Quelle fließen, der aus der Liebe. [...] Liebe war das Schicksal, Jungfräulichkeit der höchste Wert, der einzige, der nicht in den Liebesflammen zugrunde gehen durfte, dessen Verlust nur mit dem Tode gebüßt werden konnte.

(Carry Brachvogel: Hebbel und die moderne Frau. Vortrag. Verlag von G.C. Steinicke, München 1912, S. 7f.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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Carry Brachvogel: Hebbel und die moderne Frau. © Privatarchiv Ingvild Richardsen