Ein Jahr nach dem Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus: Ein Kommentar von Guy Katz
Im vergangenen Jahr führte die Redaktion des Literaturportals Bayern mit Guy Katz ein Gespräch über den Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus. Heute, ein Jahr später blickt er anlässlich des 7. Oktobers erneut zurück und nach vorn. Fünf Punkte, so Katz, würden auch heute weiterhin reichen. Wenn man sie denn umsetzt. Ein Kommentar.
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Walter Benjamins Engel der Geschichte blickt zurück und sieht Trümmer. Ein Sturm treibt ihn nach vorn, den wir Fortschritt nennen. Im letzten Jahr hatte ich oft das Gefühl, dieser Sturm weht in die falsche Richtung.
Der Krieg in Gaza ist leiser geworden. Der Hass auf Juden nicht. Er ist bequemer geworden. Er steht nicht mehr nur auf Plakaten. Er sitzt in Gremien, in Kulturbetrieben, in Gruppenchats. Viele jüdische Eltern überlegen weiterhin, ob ihr Kind die Kette mit dem Davidstern sichtbar tragen soll. Das ist für mich der eigentliche Maßstab. Und an ihm gemessen sind wir nicht weiter.
Reichen die fünf Punkte? Inhaltlich ja. Bildung und Begegnung, rechtlicher Schutz, sichtbares jüdisches Leben, Partnerschaften, Monitoring: Daran würde ich heute kein Wort ändern. Was fehlt, ist kein sechster Punkt. Es fehlt die Umsetzung. Deutschland hat kein Erkenntnisproblem. Es hat ein Handlungsproblem.
Und trotzdem hat sich etwas bewegt. Unsere Petition hat das Quorum für den Bundestag deutlich überschritten. Im Bayerischen Landtag standen im Mai alle demokratischen Fraktionen gemeinsam hinter „Antisemitismus? Ohne mich!“. Am 9. November schließen sich in Berlin die demokratischen Fraktionen des Bundestags an. Wir waren an Schulen, wir haben mit Polizistinnen und Polizisten gearbeitet.
Über 500.000 Aufkleber mit der Botschaft „Antisemitismus? Ohne mich!“ haben wir inzwischen verschickt, kostenlos. Zwei davon hängen bei Nachbarn in meinem Haus. Ich habe sie nicht darum gebeten. Solche Momente machen mir Mut. Und jeder kann mitmachen: Die Aufkleber lassen sich unter dachgegenhass.com bestellen. Für die Wohnungstür, das Auto, den Laptop, das Schaufenster. Ein kleines Zeichen, das sagt: Hier ist man nicht allein.
Mut machen mir auch Studierende, die fragen statt brüllen. Und Menschen, die mir auf der Straße zunicken, wenn sie den Davidstern auf meiner Fliegerjacke sehen. Ich führe dieses Jahr Strichliste, freundliche gegen feindselige Reaktionen. Das Ergebnis gibt es zu Rosch ha-Schana.
Am 8. Oktober zeigen wir in der IKG München den Film BIBAS. Er erzählt von einer Mutter und ihren zwei kleinen Söhnen, ermordet, weil sie Juden waren. Mein Wunsch für diesen Abend: dass im Saal nicht nur Juden sitzen.
Mein allergrößter Wunsch ist eigentlich ein bescheidener. Ich wünsche mir, dass jüdisches Leben in Deutschland langweilig wird. Kein Polizeiwagen vor der Synagoge. Kein Sicherheitscheck vor dem Kino. Einfach Alltag.
Mein Appell an die Zivilgesellschaft: Schweigen ist nicht neutral. Wer Antisemitismus hört und nichts sagt, hat sich bereits entschieden. Und an die Kultur, gerade an die literarische: Laden Sie jüdische und israelische Künstlerinnen und Künstler ein. Jetzt erst recht. Ein Boykott ist kein Diskurs. Und lesen Sie jüdische Autorinnen und Autoren. Nicht als Pflichtübung, sondern weil sie etwas zu sagen haben.
Der Engel der Geschichte kann die Trümmer nicht wegräumen. Das können nur wir. Mit unseren eigenen Händen.
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Prof. Dr. Guy Katz ist Professor für Internationales Management an der Hochschule München und Mitinitiator von DACH gegen Hass. Aufkleber der Aktion „Antisemitismus? Ohne mich!“ können kostenlos unter
dachgegenhass.com bestellt werden.
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Im vergangenen Jahr führte die Redaktion des Literaturportals Bayern mit Guy Katz ein Gespräch über den Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus. Heute, ein Jahr später blickt er anlässlich des 7. Oktobers erneut zurück und nach vorn. Fünf Punkte, so Katz, würden auch heute weiterhin reichen. Wenn man sie denn umsetzt. Ein Kommentar.
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Walter Benjamins Engel der Geschichte blickt zurück und sieht Trümmer. Ein Sturm treibt ihn nach vorn, den wir Fortschritt nennen. Im letzten Jahr hatte ich oft das Gefühl, dieser Sturm weht in die falsche Richtung.
Der Krieg in Gaza ist leiser geworden. Der Hass auf Juden nicht. Er ist bequemer geworden. Er steht nicht mehr nur auf Plakaten. Er sitzt in Gremien, in Kulturbetrieben, in Gruppenchats. Viele jüdische Eltern überlegen weiterhin, ob ihr Kind die Kette mit dem Davidstern sichtbar tragen soll. Das ist für mich der eigentliche Maßstab. Und an ihm gemessen sind wir nicht weiter.
Reichen die fünf Punkte? Inhaltlich ja. Bildung und Begegnung, rechtlicher Schutz, sichtbares jüdisches Leben, Partnerschaften, Monitoring: Daran würde ich heute kein Wort ändern. Was fehlt, ist kein sechster Punkt. Es fehlt die Umsetzung. Deutschland hat kein Erkenntnisproblem. Es hat ein Handlungsproblem.
Und trotzdem hat sich etwas bewegt. Unsere Petition hat das Quorum für den Bundestag deutlich überschritten. Im Bayerischen Landtag standen im Mai alle demokratischen Fraktionen gemeinsam hinter „Antisemitismus? Ohne mich!“. Am 9. November schließen sich in Berlin die demokratischen Fraktionen des Bundestags an. Wir waren an Schulen, wir haben mit Polizistinnen und Polizisten gearbeitet.
Über 500.000 Aufkleber mit der Botschaft „Antisemitismus? Ohne mich!“ haben wir inzwischen verschickt, kostenlos. Zwei davon hängen bei Nachbarn in meinem Haus. Ich habe sie nicht darum gebeten. Solche Momente machen mir Mut. Und jeder kann mitmachen: Die Aufkleber lassen sich unter dachgegenhass.com bestellen. Für die Wohnungstür, das Auto, den Laptop, das Schaufenster. Ein kleines Zeichen, das sagt: Hier ist man nicht allein.
Mut machen mir auch Studierende, die fragen statt brüllen. Und Menschen, die mir auf der Straße zunicken, wenn sie den Davidstern auf meiner Fliegerjacke sehen. Ich führe dieses Jahr Strichliste, freundliche gegen feindselige Reaktionen. Das Ergebnis gibt es zu Rosch ha-Schana.
Am 8. Oktober zeigen wir in der IKG München den Film BIBAS. Er erzählt von einer Mutter und ihren zwei kleinen Söhnen, ermordet, weil sie Juden waren. Mein Wunsch für diesen Abend: dass im Saal nicht nur Juden sitzen.
Mein allergrößter Wunsch ist eigentlich ein bescheidener. Ich wünsche mir, dass jüdisches Leben in Deutschland langweilig wird. Kein Polizeiwagen vor der Synagoge. Kein Sicherheitscheck vor dem Kino. Einfach Alltag.
Mein Appell an die Zivilgesellschaft: Schweigen ist nicht neutral. Wer Antisemitismus hört und nichts sagt, hat sich bereits entschieden. Und an die Kultur, gerade an die literarische: Laden Sie jüdische und israelische Künstlerinnen und Künstler ein. Jetzt erst recht. Ein Boykott ist kein Diskurs. Und lesen Sie jüdische Autorinnen und Autoren. Nicht als Pflichtübung, sondern weil sie etwas zu sagen haben.
Der Engel der Geschichte kann die Trümmer nicht wegräumen. Das können nur wir. Mit unseren eigenen Händen.
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Prof. Dr. Guy Katz ist Professor für Internationales Management an der Hochschule München und Mitinitiator von DACH gegen Hass. Aufkleber der Aktion „Antisemitismus? Ohne mich!“ können kostenlos unter
dachgegenhass.com bestellt werden.
