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18.03.2026, 12:22 Uhr
Sophia Klink
Rezensionen

Sophia Klink bespricht Sophia Merwalds Romandebüt „Sperrgut“

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(c) Ullstein Verlag

Schon lange erwartet und 2025 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet, ist im Januar 2026 der Debütroman Sperrgut der jungen Autorin Sophia Merwald bei park x ullstein erschienen. Darin entwirft die Münchnerin eine sprachlich schillernde Utopie zwischen zarter Sehnsucht, Rebellion und weiblichem Aufbegehren. Sophia Klink hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.

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Fantasievolle Welt mit bunten Kontrasten

Dieser Roman beginnt mit einem hexenhaften Chor der Heimatlosen: „Wenn wir gewusst hätten, wir hätten uns ein besseres Versteck gesucht.“ Das Gefühl, von außen und innen bedroht zu sein, grundiert den Text, noch bevor Kristalloma vor die Sonne tritt und die Farben keimen lässt. Mit starken Händen erschafft diese Urmutter, Göttin oder Wahrsagerin die Welt des Romans: Lusthansa, ein Haus im Industriegebiet, umgeben von orangenen Wiesen, das „Spucke in die Höhe treibt“ und unter dessen Decke „der Mond blüht“. Dieses Haus wird zum Zufluchtsort für eine Gruppe Frauen. Doch die Erzählung setzt ein, als jene Bewohnerinnen längst weitergezogen sind.

Manisch-überdrehte Liebesbeziehung

Stevie, die entwurzelte Ich-Erzählerin, findet nach Lusthansa. Zwischen Autobahnen und Astro-TV beginnt Stevies Liebe zu Maj. Zwei junge Frauen, die sich annähern und wieder abstoßen. Maj ist übernatürlich wendig, glitzernd, grenzenlos. Neben Stevie, konturlos wie ein „schlecht abgepauster Spatz“, spielt Maj die Rolle eines Manic Pixie Dream Girls, das Pillen in sich hineinstopft, vor Muckis platzt, von Silotürmen springt und den Adrenalin-Kick sucht. Stevies und Majs Alltag in Lusthansa ist voller verrückter Episoden. In jedem neuen Abschnitt passiert etwas Überraschendes: Rollenspiele mit Tentakel- und Haikostümen, zwinkernde Zikaden, Motteninvasionen. Die scheinbar unbeschwerten Eskapaden bilden einen Kontrapunkt zu einem Schmerz, der hinter allen Bildern steckt, aber nur punktuell auserzählt wird. Auch die Lust der Protagonistin wird farbenreich, aber nie überzogen beschrieben, wenn Stevie Majs Nippel erklimmt: „Der Aufstieg liegt hinter uns. Ein Kater streift um unsere Köpfe. Irgendwo schmilzt ein Gletscher.“ Oder sich Techno mit Sex vermischt: „Im Fluss ist ihr Gesicht. Das stabile Wummern, das meinen Bahnen die Nerven nimmt und mir sagt, wie Bewegen geht.“

Sehnsucht nach Geborgenheit

Als Stevies „elendslebendiger“ Vater nach Lusthansa kommt, scheint die Schutzwirkung des Ortes zusammenzubrechen. Aber es geht auf heiter-skurrile Weise weiter (überhaupt ändert sich die Grundstimmung des Romans kaum, trotz Bedrohungen von außen). Stevies Wunsch nach Nähe wird nun noch stärker spürbar, aber alles ist so eklig und versehrt: Leberwurscht, Zipfel von Essiggurken, brockige Paprikasuppe, ungewaschene Genitalien. Die Unmöglichkeit einer Annäherung wird greifbar, die unüberbrückbare Distanz schmerzlich spürbar an einem Ort, an dem doch so vieles möglich erscheint.

Nie wieder Sperrgut werden

Vater knotet ein Taschentuch an ein Tischbein, Stevie sägt es ab, bevor es zu Sperrgut wird, das mit der Post verschickt wird (alles Schlechte kommt von außen und mit der Post). Das Tischbein wird zum Schwert, zum Schlüssel, bis nur noch der Buchstabe V übrigbleibt. Transformationen bis zu den Rudimenten der Sprache passiert nicht nur an dieser Stelle, wenn die Figuren ihre „Geschichte in Großbuchstaben auf das Land drucken“ bis „die Worte selbst zerborsten unter dem Dach“ liegen. Die Figuren fühlen sich wie Sperrgut, das nirgends hineinpasst. Eine Schuld, die wie ein Elefant im Raum steht, wird immer wieder von außen an Stevie und ihren Vater herangetragen.

Kind sein können

Die Sehnsucht, Kind sein zu können, erklärt auch die vielen Kinderspiele im Roman. Kristalloma fungiert als Mutterersatz, während Stevie ihre eigene Mutter sucht. Alle Männer, vom brabbelnden Bruno bis hin zu Babyschwanz, werden seltsam infantil gezeichnet, während sogar die hundertjährige Kristalloma jugendlich wirkt. Das Ankommen, auch im sogenannten Erwachsensein, wird bis zuletzt verpasst. Der Text pendelt zwischen Selbstauslöschung und Selbstermächtigung, Freiheit und Zerstörung – bis nur noch die Asteroiden „eine Leiter durchs Feuer“ schicken könnten.

Verspielte Sprachverrückungen

Den größten Sog entfaltet dieser Text durch seine Sprache. Semantische Verrückungen führen immer wieder zu unerwarteten Sprachbildern. Störenfried wird zu „Störenfrieda“, die Eltern zu „Elteren“. Unzählige Sätze wie "Ihr Atem wie ein gesunkenes Schiff", "Konjugier mich doch auseinander, es liegt mir nicht" oder "Ein Neugeborenes war ich noch nie" möchte man sich ausschneiden und an die Wand hängen. Zum Ausgleich gibt es auch sprachlich konventionellere Passagen. Diese bringen die lyrischeren Sätze aber umso besser zur Geltung. Dadurch bleibt der Text auch über dreihundert Seiten leicht konsumierbar.

Wildheit ohne Willkür

Surreales durcheinanderzuwirbeln, bringt die Herausforderung mit sich, den Text nicht ins Beliebige abdriften zu lassen. Was ist zwingend nötig, was hätte gekürzt werden können für ein noch konziseres Motivgeflecht? Die Orange, die kotzenden Pferde, das Kummerland – alles scheint metaphorisch aufgeladen zu sein. Anfangs ist man versucht, die Allegorie hinter jedem Bild entschlüsseln zu wollen. Wofür steht Kristalloma, die Autobahn, das Schlummerbier? Der Versuch, den Text als Parabel zu lesen, erscheint bei dieser Bilderflut unmöglich. Jede Formulierung wirft einen neuen Köder aus, bevor sich die Bedeutung wieder entzieht. Das erzeugt ein Gefühl der Überforderung, führt aber zu der Erkenntnis, dass Stevies Versehrtheit und Suche nach der eigenen Form vielleicht genau so erzählt werden muss: superkomplex. Dem Text gelingt dabei die Balance zwischen wilder Offenheit und Fokus auf die Erzählstränge. Jedes Stirnrunzeln – was denn nun als nächstes geschieht, wozu uns das erzählt wird oder ob eine Szene vielleicht einfach ein Darling ist, der nicht gekillt wurde – verschwindet durch das Vertrauen, dass jeder neue Einfall schon zum Gesamtkonzept des Romans beitragen wird.

Ein Roman wie ein Traum

Es macht enormen Spaß, sich auf diesen assoziativen Roman einzulassen. Seine ungebändigte Sprachlust öffnet die Wahrnehmung für das Unausgesprochene. Feinstarbeit, wie bei einem Gedicht, findet hier eine leichtfüßige Langform. Es braucht Texte wie diesen, um sich aufgefangen zu fühlen bei der eigenen Suche nach jenem Möglichkeitsort, „wo wir immer ankommen werden“.


Sophia Merwald: Sperrgut. park x ullstein. 2026, 304 S. ISBN: 978-3988-160-645

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