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Sophia Goudstikker (l.) mit Kindern, Partenkirchen (c) Stadtarchiv München

München, Königinstraße 3a (Goudstikker / Freudenberg)

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Prinz-Carl-Palais mit Blick in die Königinstraße (1905), DE-1992-FS-NL-PETT1-1735 (c) Stadtarchiv München

In der Königinstraße 3a stand einst das gemeinsame Wohnhaus von Sophia Goudstikker und Ika Freudenberg. Heute steht auf dem Gelände das Amerikanische Generalkonsulat.

Ika Freudenberg ist wie Anita Augspurg, Sophia Goudstikker und Emma Merk eine zentrale Gestalt  der modernen Frauenbewegung Bayerns. Die spätere Politikerin und Schriftstellerin wird 1858 in Wiesbaden geboren, wo sie bis 1894 lebt, eine Ausbildung zur Pianistin erfährt und wie so viele andere Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit im 19. Jahrhundert zuerst einmal das typische Leben einer Tochter aus guter Familie durchläuft. Nachdem sie 1892 auf der Generalversammlung des Frauenvereins „Reform“ in Wiesbaden Anita Augspurg und Sophia Goudstikker kennengelernt hat, zieht sie 1894 mit 36 Jahren nach München, entscheidet sich für ein Engagement in der bürgerlichen Frauenbewegung Bayerns. Sie wird Mitglied in der neugegründeten Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frau. Mehrere Jahre wohnt Freudenberg zuerst in der Kaulbachstraße 56.

Als Anita Augspurg 1896 den Vorsitz des Vereins für Fraueninteressen abgibt, um aufgrund ihres Engagements im radikalen Flügel der Frauenbewegung den gemässigten Verein in München nicht zu gefährden, wird Ika Freudenberg zur ersten Vorsitzenden des Vereins gewählt. Bald schreibt sie Aufsätze zu aktuellen Frauenfragen in den Organen der Frauenbewegung wie Die Frau, Centralblatt des Bundes Deutscher Frauenvereine und auch in der liberalen Zeitschrift Fortschritt. Doch sie verfasst auch wichtige kulturpolitische und emanzipatorische Schriften: 1903 Ein Wort an die weibliche Jugend, 1905 Weshalb wendet sich die Frauenbewegung an die Jugend, 1908 Die Frau im öffentlichen Leben sowie 1910 Was die Frauenbewegung erreicht hat.

Unter dem Vorsitz von Ika Freudenberg schließt sich die Gesellschaft für geistige Interessen der Frau 1896 durch den Beitritt zum Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) offiziell der organisierten Frauenbewegung an. Im Bericht über die vierte Generalversammlung 1898 ist zu lesen:

Wir haben gezeigt, dass wir willens sind, die heutigen Frauen-Interessen auf den verschiedensten Gebieten wahrzunehmen und zu vertreten, und zwar in durchaus fortschrittlichen Sinne, im Sinne der großen deutschen Frauenbewegung, der sich ja auch unser Verein, als Mitglied des Bundes deutscher Frauenvereine offiziell angeschlossen hat.

Seit 1898 wird Ika Freudenberg auch Vorstandsmitglied zahlreicher Vereine: des Bundes Deutscher Frauenvereine, des Hauptverbands Bayerischer Frauenvereine, des Vereins Münchner Kellnerinnen, des Vereins für Landkrankenpflege in Bayern, des Zweivereins der Internationalen Föderation, des Vereins für Verbesserung der Arbeiterwohnungen und des Nationalsozialen Vereins.

1899 zieht Ika Freudenberg mit Sophia Goudstikker, die mittlerweile zu ihrer neuen Lebenspartnerin geworden ist, in ein Jugendstilhaus in der Königinstraße 3a.

Aus persönlichen Gründen, aber auch aufgrund einer anderen politischen Überzeugung, verlässt Anita Augspurg 1899 definitiv den Verein für Fraueninteressen und schließt sich dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung an. Von der Gründung des Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht im Jahr 1902 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges gilt ihr Engagement nun hauptsächlich dem Frauenwahlrecht. Mit seiner Einführung 1918 wird die weibliche Bevölkerung Deutschlands erstmals staatsbürgerliche Gleichberechtigung erhalten.

Nachdem der Verein für Fraueninteressen seit 1902 zunächst seine feste Büroadresse in der Jägerstraße 12 hat, in unmittelbarer Nähe des Wittelsbacher Platzes, verlegt der Verein 1904 sein Büro in die Königinstraße 3a/Rückgebäude, also in unmittelbare Nachbarschaft zu Ika Freudenbergs und Sophia Goudstikkers Wohnung. Man mietet in dem Haus zwei Räume, um ein eigenes Sitzungs- und Lesungszimmer zur Verfügung zu haben. Hier ist die Vereinsbibliothek untergebracht, und alle abonnierten Zeitschriften für die Vereinsmitglieder liegen aus. Jeden Nachmittag ist ein Vereinsmitglied anwesend, um Auskünfte zu erteilen.

 


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Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

Sekundärliteratur:

Bäumer, Gertrud (1912): Ika Freudenberg. Ein Gedenkblatt. Separatabdruck aus der Monatsschrift Die Frau, H. 5., 19. Jg., W. Moeser, Berlin.

Bericht über die vierte Generalversammlung (21.1.1898), S. 1f. Verein für Fraueninteressen, München.

Lindemann, Renate (1994): 100 Jahre Verein für Fraueninteressen, S. 3 u. 97.