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„Deutschlands Dichter“: Karikatur im Simplicissimus um 1900. (c) Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv

München, Leopoldstraße 50: Café Benz

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Café Benz um 1930 (c) Archiv Monacensia

Der aus Gengenbach im Schwarzwald stammende Tenor Josef Benz erhielt im Frühjahr 1899 ein Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Er debütierte in der Rolle des Zigeunerbaron und verliebte sich in die Stadt an der Isar. 1900 eröffnete er in der Leopoldstraße 50 die „Benz-Kleinkunstbühne“, auf der er auch nach seinem Rückzug von der Opernbühne noch die großen Arien seiner Karriere vortrug, vor allem jedoch andere Künstler auftreten ließ. Laut Metzlers Kabarett Lexikon gründete „Papa“ Benz, wie er von seinen Gästen und Künstlerkollegen genannt wurde, mit dem Café Benz Deutschlands erste Künstlerkneipe. Unter den zahlreichen Künstlern, die dort auftraten, waren auch Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Eine ihrer Vorstellungen dort hat der große irische Schriftsteller Samuel Beckett Mitte der 1930er-Jahre besucht und in seinem Tagebuch als „really crazy“ bezeichnet.

Liesl Karlstadt und Karl Valentin 1933

In einem ihrer Bühnenalben, in denen sie ihre Laufbahn dokumentierte, hat Liesl Karlstadt einen Text des österreichischen Journalisten und Essayisten Anton Kuh eingeklebt. Im Jahr 1928 schildert er eine Beobachtung, die er in München in einem „Lokal vom Konzertcafétyp“ gemacht hat, dessen Namen er jedoch nicht nennt:

In einer Ecke brütet ein Paar. Der Mann, blass, mit kleinem spärlich rotbehaarten Schädel und verschreckter Clownsnase sitzt vorgebeugt – die Frau, kugelig, hübsch, ein bisschen küchenrot, hat ein Heft vor sich und schreibt. Das heißt: sie kaut gerade nachdenklich am Federhalter.
„Nein, du, erst frag' ich dich: Wo geht's denn zur Ludwigstraße? Und dann sagst du...“
„Na – du irrst dich. Du sagst zu mir: Ich weiß den Weg nicht, und dann sag' ich...“
„Ich weiß schon, wart'...“, sie nimmt die Feder und schreibt: „... Du sagst: Erst müssen S' rechts gehen und dann links, immer gradeaus, dort, wo der Schmetterling fliegt...“

(Anton Kuh, 1928. In: Bühnenalbum Liesl Karlstadt, Nachlass Liesl Karlstadt, Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek München)  

Karl Valentin und Liesl Karlstadt feierten damals mit Stücken wie Raubritter vor München, Theater in der Vorstadt und Der Firmling nicht nur in München, sondern europaweit große Bühnenerfolge. Die Grundlage ihrer Werke bildete fast immer eine Alltagsbeobachtung, „ein Stück Münchner Wirklichkeit“, über das sie auf der Bühne improvisierten und über das sie in Kaffeehäusern diskutierten, bis ein Stück daraus entstanden war. „Die zwei großen Mundart-Kinder in der Münchener Kaffeehausecke – eine Oase im schreibenden, wortmächtigen, verlegenden Deutschland. Hänsel und Gretel, in die Literatur verirrt“ – für Anton Kuh bedeutet es „das seltsamste, genialste Dichtungsverfahren“, das ihm jemals begegnet ist.

Auch die Autoren Elise und Julius Beck traten von Oktober 1902 bis Mai 1903 – offenkundig mit Erfolg – regelmäßig im Café Benz auf. Julius Beck als Rezitator fremder, aber auch eigener Werke wie Der Streit der Instrumente und Elise als Autorin aus ihren beiden niederbayerischen Gedichtbänden. Foto: Harald Beck


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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