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Berg, Ölschlag 9

Das in verschiedenen Texten Grafs erwähnte See-Hotel der Familie Bock wirbt nach dem Tod Ludwig II. 1886 mit einem Prospekt, der bereits den ganzen Ludwig-Kult vorweggreift: „Eine Minute entfernt vom Kgl. Schlosse, Lieblingsaufenthalt des verstorbenen Königs Ludwig II. von Bayern. Kurz nach seiner Krönung landete er hier mit seinem Dampfer ‚Tristan‘ und 22 Jahre später fand er hier sein tragisches Ende.“ In Berg siedelt sich unter der Wirkung des Fremdenverkehrs eine noble Klientel, darunter bayerische Adelsfamilien und Münchner Kaufleute, an. Auch die Einheimischen legen ihre ländlichen Lebensgewohnheiten durch die ständige Berührung mit den Städtern ab. Rund 40 Jahre später, 1923 während der Inflationszeit, ändert sich das Bild. Graf kommt mit dem Zug aus München in Starnberg an, wo er aufs Dampfschiff steigt und über den See fährt (siehe Station 1). Als er am gegenüberliegenden Ostufer in Berg ankommt, bietet sich ihm – trotz der scheinbaren Unberührtheit des Sees im Zuge des Zeitenwandels – eine veränderte Gesellschaft:

Da stand noch immer das klotzige, inzwischen etwas verwitterte „Grand Hotel am See“[2] von Wolfgang Bock. Um die beiden Eheleute, die einst durch ihren kühnen Unternehmungsgeist und ihr sonderbares Gehaben den Angestellten gegenüber soviel Aufsehen und Unmut hervorgerufen hatten, war es still geworden. Während des Krieges war einmal der Verdacht aufgekommen, die Bocks seien Engländer. Einmal nachts wurden ihre Hotelfenster eingeworfen. Die Übeltäter konnten nicht ermittelt werden, aber im Starnberger „Land- und Seeboten“ erschien daraufhin eine polizeiliche Erklärung, die besagte, daß Herr und Frau Bock aus Norddeutschland stammten, sehr gute Patrioten seien und eine erhebliche Summe als „Kriegsanleihe“ gezeichnet hätten. Immerhin, der Stachel blieb, die Bocks wurden nie richtige Berger und jetzt, in der Inflationszeit, da die Bauern reich geworden waren, lieferte ihnen selbst zu den höchsten Preisen niemand Milch, Mehl, Butter, Eier oder Fleisch. Der Herr Bock mußte jeden Tag nach Starnberg oder gar nach München fahren, um das Notwendigste aufzubringen.

(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter. Werkausgabe in 16 Bänden. Hg. von Wilfried F. Schoeller. Bd. 1-13. List Verlag, München/Leipzig 1994, Bd. 5, S. 573)

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[2] Vgl. Süddeutsche Monatshefte (1917), Bd. 14, S. 871: „in Friedenszeiten im Winter Grand Hotel Khartoum, Sudan“. Vgl. auch O. M. Graf: Das Leben meiner Mutter, a.a.O., S. 438.

 


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Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik