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(c) Stadt Sulzbach-Rosenberg

Sulzbach-Rosenberg, Schloss: Knorr-von-Rosenroth-Festspiele

Seit 2007 hat sich die Stadt Sulzbach-Rosenberg in den Kreis der bayerischen Festspielorte eingereiht. Den Schauplatz sommerlicher Musiktheateraufführungen bietet die größte Schlossanlage der Wittelsbacher in Nordbayern. Präsentiert werden dramatische und musikalische Neu- und Wiederentdeckungen, die in die prunkvolle Barockwelt des 17. Jahrhunderts entführen. Unter der künstlerischen Leitung von Michael Ritz lässt ein Ensemble aus professionellen Schauspielern, Sängern und Tänzern, unter Mitwirkung von Laiendarstellern, begleitet von der „Capella Rosa Rossa“, barocke Theatererlebnisse entstehen. Der besondere Akzent dabei: Die Auswahl der Stücke ist nicht beliebig und zufällig. Nicht international will man sein, sondern sich an regionalen Wurzeln orientieren.

Der Sulzbacher Hof des Herzogs Christian August bildet im 17. Jahrhundert ein wissenschaftliches und geistiges Zentrum von überregionaler Bedeutung. Höfische Feste bieten den Anlass für musisch-theatralische Darbietungen, die der repräsentativen Selbstdarstellung des kleinen Fürstentums gelten. Mit dem Hofkanzler und späteren Kanzleidirektor Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689) wirkt hier seit 1668 ein Universalgelehrter, der engen Kontakt zu Geistesgrößen in ganz Europa pflegt. Als Vermittler christlicher und jüdischer Geistestradition fördert Knorr in aufgeklärter Weise den Toleranzgedanken, auch in seinen dramatischen Dichtungen.

Mit der (Ur-)Aufführung seines allegorischen Friedensspiels Die Vermählung des Phoebus und der Pallas schreiben die Festspiele 2007 seine engagierten Anstrengungen um das gegenseitige Verständnis von Kulturen und Religionen fort. Die Handlung, die nach zeitgenössischem Verständnis von antiken Göttergestalten, als Sinnbildern für die Herrschenden, getragen wird, entwickelt eine Friedensutopie: Durch die Hochzeit von Phoebus und Pallas ist das goldene Zeitalter – für alle Untertanen – gesichert, die Welt bleibt von Krieg und Unterdrückung verschont und wird von den „Göttern“ (im übertragenen Sinn: den Herrschaftsträgern im Staat) durch Weisheit und Vernunft regiert. Verfasst hat Knorr sein Stück 1677 als Auftragsarbeit seines Dienstherrn anlässlich der dritten Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit Eleonora Magdalena Theresia, der Tochter des Neuburger Pfalzgrafen Philipp Wilhelm, in Wien.

Phaidra, Gemälde von Alexandre Cabanel

2010 steht das Musikdrama Theseus unter seinen Liebhaberinnen auf dem Programm, ein erotisches Verwirrspiel, das nach einer italienischen Vorlage ins Deutsche übertragen und von dem Nürnberger Komponisten Johann Löhner (1645-1705) vertont wird. Die mythologische Oper stellt 1692 den glanzvollen Höhepunkt der höfischen Lustbarkeiten dar, welche die Vermählung des Erbfolgers Theodor Eustach mit Maria Eleonore von Hessen-Rheinsberg-Rotenburg am Sulzbacher Hof umrahmen. Den Kern der Handlung bildet ein erotisches Verwirrspiel. Thema ist die Liebe, mit allen emotionalen Bedingungen und Folgen: Neid und Eifersucht, Lust und Leidenschaft, Zorn, Trauer und Hass. Am Hof zu Athen, wo Theseus mit Phaedra, der er die Ehe versprochen hat, lebt, versammeln sich seine früheren Geliebten Anassa, Aegla, Periboea, Jopa. Ihre Erzählungen lassen Theseus als treulosen Abenteurer erscheinen, der sich ihrer hartherzig und ohne Skrupel entledigt hat.

Zum Ergötzen des Publikums liefern sich die verlassenen Prinzessinnen einen heftigen Wettstreit um seine neuerliche Gunst, kaum vermag er sich ihres Liebeswerbens zu erwehren, und Phaedra, die von ihrem Bräutigam nicht nur schöne Worte, sondern sein ganzes Herz erwartet, bricht angesichts seiner ständigen Ausflüchte in heftige Liebesklagen aus. Eine Lösung findet Theseus, indem er verspricht, diejenige zu seiner Gemahlin zu nehmen, die ihm den größten Beweis ihrer Liebe gäbe. Als Phaedra ihm daraufhin den gemeinsamen Sohn in die Arme legt, willigt er freudig in die Eheschließung ein. Mit dieser Verbindung ist der Fortbestand der Herrschaft gesichert, womit sich – nach dem dynastischen Verständnis der Zeit – die Weisheit der göttlichen Vorsehung erfüllt hat. Ihr gerecht zu werden, ist Aufgabe des Fürsten.

 

Kulturwerkstatt der Stadt Sulzbach-Rosenberg, Fotos: Thilo Hierstetter

Mit der Inszenierung des barocken Singspiels Die Vermählung Christi mit der Seele finden die Theaterproduktionen im Innenhof des Sulzbacher Herzogschlosses 2015 eine Fortsetzung. Das Stück mit dem geheimnisvollen Titel – Schauplatz ist Mallorca – stammt nun wiederum aus der Feder des Namensgebers der Festspiele als eine Auftragsarbeit für den Coburger Hof, wo es im Januar 1685 zum Geburtstag der Herzogin Marie Elisabeth zur Aufführung kommt. Erzählt wird eine abenteuerliche Geschichte, in der es von Liebestragödien, Selbstmorden, Entführungen und Geistererscheinungen wimmelt. Inmitten der Dramatik des wechselvollen Geschehens aber lässt Knorr ein Gegenbild zu übermäßiger Gefühls- und Gemütsbewegung aufscheinen, das dem (höfischen) Publikum die Kunst vermitteln soll, seine Leidenschaften zu beherrschen, seine wahre Glückseligkeit und „Seelenruhe" zu erlangen. In dem vielschichtigen Verwirrspiel aus Schein und Sein, Wunsch und Wirklichkeit enthüllt sich die philosophische Gedankenwelt einer der faszinierendsten Persönlichkeiten des Barockzeitalters.

Ideen für die nächsten Festspiele im Jahr 2020 gibt es bereits: Mit Wolfgang Amadeus Mozart steht in der Tat ein großer Name auf der Wunschliste – und doch ließe sich durchaus ein regionaler Bezug herstellen: Seine Karnevalsoper Idomeneo, 1781 auf der Münchner Hofbühne uraufgeführt, ist eine Auftragsarbeit für den bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, der bereits 1741 die Regierung im Fürstentum Sulzbach übernommen hat.

Verfasser: Manfred Knedlik

Sekundärliteratur:

Programmheft (2010): Theseus unter seinen Liebhaberinnen. Mit Texten von Michael Ritz, Dieter Müller und Manfred Knedlik. Sulzbach-Rosenberg.

Programmheft (2015): Die Vermählung Christi mit der Seele oder Glück und Liebe auf Mallorca. Mit Texten von Manfred Knedlik und Jörg Meder. Sulzbach-Rosenberg.


Externe Links:

Knorr-von-Rosenroth-Festspiele

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