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Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht. Drama. München, Drei Masken Verlag, 1922. Exemplar des Theaterkritikers Bernhard Diebold (1886-1945). Privatbesitz.

Augustenstraße 89 (Kammerspiele)

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Abb. 13: Augustenstraße 89/91 (Neubau). Foto: Dirk Heißerer.

Die Heßstraße hinauf zur Augustenstraße, Nr. 89 [Abb. 13], der ehemaligen Adresse der Kammerspiele: Lion Feuchtwanger setzt die Uraufführung von Trommeln in der Nacht Ende September 1922 unter der Regie Otto Falckenbergs eben dort durch, wo er selbst als Dramatiker schon länger erfolgreich ist. [Abb. 14] Der Erfolg der Aufführung ist sensationell, die Zeitungen übertreffen sich mit erwartungsvollen Lobeshymnen. Der Berliner Theaterkritiker Herbert Jhering meint, Brecht habe „über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert“[34] und spricht dem Debütanten noch im November 1922 den wichtigen Kleist-Preis zu.

Abb. 14: Münchner Kammerspiele, Augustenstraße 89: Bühne und Zuschauerraum. In: Das Programm. Blätter der Münchener Kammerspiele (München), Nr. 3, September 1915. Bayerische Staatsbibliothek.

Worum geht’s? Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts in Berlin im Januar 1919, die Ermordung Kurt Eisners im Februar 1919 in München und im März die revolutionären Kämpfe im Berliner Zeitungsviertel („Spartakus“-Aufstand) sind der Hintergrund für Brechts „Komödie“ Trommeln in der Nacht (ursprünglicher Titel: Spartakus, vgl. Station 7). [Abb. 15] Thema ist die Rückkehr des vermissten Kriegsheimkehrers Andreas Kragler als „Gespenst“ in die Familie seiner Braut Anna Balicke. Annas Vater ist der lärmige Kriegsgewinnler Balicke, der sich weder von Kragler noch von der drohenden spartakistischen Gefahr in seinem siegreichen Lebensgefühl beirren lässt. Krieg ist Geschäft. Trommeln in der Nacht ist ein Stück der kompletten Desillusionierung aller etwaigen ‚nationalen‘ oder militärischen Ideale. Auch wenn Brecht später den Schluss kritisiert hat – Kragler bekommt sein Mädchen, das vom Nebenbuhler schwanger ist, zurück –, das Stück ist ein mutwillig „Komödie“ genannter Affront, bringt ungelenke Formen des Volkstheaters auf die Bühne und wendet sich erstmals provokant an die Zuschauer mit der vielzitierten Szenenanweisung „Glotzt nicht so romantisch!“[35]

Abb. 15: Münchner Kammerspiele, Augustenstraße 89. Theaterzettel für Trommeln in der Nacht, 1922. Privatbesitz.

Ungeachtet des großen Erfolgs setzt Brecht schon einen Tag nach der Uraufführung sein gerade erst gewonnenes Renommee durch das Experiment der grotesken Kabarett-Revue Die Rote Zibebe auf’s Spiel. In Anlehnung an die Taverne im dritten Akt der Trommeln standen bei dieser Aufführung im Mitternachtstheater der Kammerspiele auf der Bühne einige Kästen mit Vorhängen wie Badekabinen, aus denen auf Zuruf Schauspieler wie Automatenfiguren heraustreten und Verse aufsagen mussten. Das missglückte Experiment, an dem sich auch die Dichter Klabund und Joachim Ringelnatz sowie die Grotesktänzerin Valeska Gert beteiligten, konnte gerade noch durch einen Sketch aufgefangen werden. Karl Valentin und Liesl Karlstadt gaben die Groteske vom „Christbaumbrettl“ und eine halsbrecherische Hochradnummer zum Besten. Die Revue, von der kein Manuskript erhalten ist, wurde erst in jüngster Zeit aufgrund des Theaterzettels und Erinnerungen aus Brechts Umkreis rekonstruiert.[36] An dieser Revue und der damaligen Zusammenarbeit von Brecht mit Valentin lässt sich die Geburt des epischen Theaters aus dem Geist des Jahrmarkts und des Panoptikums sehr gut darstellen, von den Trommeln in der Nacht und der Roten Zibebe geht ein direkter Weg zur Dreigroschenoper

Der Komiker Karl Valentin (1882-1948) war neben Frank Wedekind (Station 4) das zweite große Vorbild des jungen Brecht; Valentin gehörte sogar zu den näheren Bekannten des jungen Dramatikers. In einem Fotoatelier der Münchener Tengstraße drehten Brecht, Valentin und Erich Engelt den grandiosen Stummfilm Mysterien eines Frisiersalons (1922/23).[37] Das berühmte kolorierte Foto der Valentin-Szene „Oktoberfestschaubude“ (Herbst 1922) mit Brecht als Klarinettist, Valentin als Tuba-Spieler und Liesl Karlstadt als Recommandeuse mit Glocke ist Ausdruck dieser frühen Zusammenarbeit des jungen Dramatikers mit dem 16 Jahre älteren Komiker.[38] Zudem lobte Brecht im Programmheft der „Kammerspiele“ Valentin als „eine der eindringlichsten geistigen Figuren der Zeit“, dem großen Charlie Chaplin ebenbürtig.[39] So verwundert es kaum, dass Valentin, ganz gegen seine Gewohnheit, sogar zur Uraufführung der Trommeln in der Nacht in den Kammerspielen erschien. Der „Urmünchner“, so Marianne Zoff, „haßte Theaterbesuche, es sei denn, ‚wenn i selwa spui‘, wie er sagte.“[40] Valentins Reaktion auf das Stück ist berühmt geworden, wie Kurt Horwitz berichtet: „Ja wissen S’ – bei diesen modernen Stücken, da müßt’ am Schluß der Vorstellung einer kommen, der die Leute am Arm packt und ihnen sagt: Sie – es ist Schluß!“[41] 

Das Geschehen in der Augustenstraße hat Marieluise Fleißer (Station 7) in ihren Erinnerungen anschaulich bewahrt. In der Skizze „Aus der Augustenstraße“ (1969) erleben wir den damaligen Theater- und Regiebetrieb um Feuchtwanger, Brecht und Falckenberg hautnah. Wie nebenbei bringt die Fleißer das Theater Brechts auf den Punkt. Anlässlich der Inszenierung des Eduard-Dramas stellt sie fest: „Es war balladenhaftes Theater“, also ein Theater mit Bezug auf den Jahrmarkt, den Bänkelgesang. Es kam Brecht auf die Wirkung an, die damit erzielt werden konnte, unmittelbar, unverstellt. So wie in dem Stück Soldaten in der Schlacht auf das reduziert werden sollten, was sie alle eint. Was machen Soldaten vor einer Schlacht, fragte Brecht herum. „Karl Valentin gab ihm eine spröde und erschöpfende Antwort. Valentin sagte: ‚Die Soldaten vor einer Schlacht haben Angst.‘ Da ließ Brecht die Soldaten ihre Gesichter kalkweiß schminken, daß ihnen die Angst aus dem Gesicht sprang. Mehr brauchte er gar nicht. Er hatte auf einmal die Atmosphäre, die er suchte.“[42]

Abb. 16: Pasing, Peslmüllerstraße 6: Bertolt-Brecht-Gymnasium, Eingangsbereich mit dem Brecht-Gedenkstein (Franz Mikorey, 1974), November 2020. Abb. 17: Südseite mit dem Porträt „Bertolt Brecht“ und der Szene „Leben des Galilei“. Abb. 17a: Porträt „Bertolt Brecht“ (Detail). Abb. 17b: Relief „Leben des Galilei“ (Detail). Fotos: Dirk Heißerer.

„Sie – es ist Schluß!“ Noch nicht ganz. In München-Neuperlach gibt es seit 1971 eine Bert-Brecht-Allee an der Bezirkssportanlage. Und München hat, was nur wenige wissen, sogar ein Brecht-Denkmal, einen veritablen Gedenkstein! Das Denkmal für Brecht steht in München-Pasing an der Peslmüllerstraße 6 vor dem Städtischen Bertolt-Brecht-Gymnasium für Mädchen. [Abb. 16] Der Bildhauer Franz Mikorey (1907-1986) hat 1974 einen großen Gedenkstein (Höhe ca. 3 Meter, Breite 92 cm, Tiefe 87 cm) [Abb. 17] mit einem Reliefporträt Brechts [Abb. 17a]  und Reliefbildern zu drei Stücken ausgestattet, zu Leben des Galilei [Abb. 17b], Mutter Courage und ihre Kinder [Abb. 18a/b] und Herr Puntila und sein Knecht Matti [Abb. 19a/b] ausgestattet. Auf der Rückseite des Steins findet sich die ermunternde Sentenz: „Euer / Freund ist der Wandel / Euer Kampfgefährte/ Der Zwiespalt / Aus dem Nichts müsst / Ihr etwas machen“ aus dem Jahr 1936, die im Original beginnt: „Wenn das bleibt, was ist / Seid ihr verloren.“[43]

Abb. 18a: Westseite mit dem Relief „Mutter Courage und ihre Kinder“. Abb. 18b: Relief „Mutter Courage und ihre Kinder“ (Detail). Abb. 19a: Ostseite mit dem Relief „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Abb. 19b: Relief „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (Detail). Fotos: Dirk Heißerer.
 

 


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[34] Jhering, Herbert: Der Dramatiker Bert Brecht (Berliner Börsen-Courier vom 5.10.1922). In: Schwiedrzik, Wolfgang M. (Hg.): Brechts Trommeln in der Nacht. Frankfurt/M. 1990, S. 274-277, hier S. 275.

[35] Vgl. GBA (wie Anm. 1) 1, S. 176.

[36] Vgl. Heißerer, Dirk: Die rote Zibebe. Auf den Spuren zweier Improvisationen von Bert Brecht und Karl Valentin. Mit einer unbekannten Regienotiz Brechts. In: JUNI-Magazin für Literatur und Kultur (Bielefeld), hg. von Gregor Ackermann und Walter Delabar, H. 49/50 vom Januar 2015, S. 10-92. Der Theaterzettel für die Rote Zibebe aus dem Bestand des Bertolt-Brecht-Archivs der Akademie der Künste, Berlin ist abgebildet ebenda, S. 12.  

[37] Vgl. Kurowski, Ulrich: Die Mysterien eines Frisiersalons (Film-Korrespondenz, 1975). In: Till, Wolfgang (Hg.): Karl Valentin. Volks-Sänger? DADAist? München 1982, S. 300-304 sowie S. 399.

[38] Vgl. Heißerer, Dirk: Die rote Zibebe (Anm. 36), S. 66-72, Abb. S. 68.

[39] Bertolt Brecht: Karl Valentin (1922). In: GBA (Anm. 1) 21, Schriften 1, S. 101f., hier S. 101.

[40] Marianne Zoff-Brecht-Lingen erzählt Willibald Eser über ihre Zeit mit Bert Brecht. In: Banholzer, Paula: So viel wie eine Liebe. Der unbekannte Brecht. Erinnerungen und Gespräche, hg. von Axel Poldner und Willibald Eser. München 1981, S. 153-193, hier S. 171.

[41] Horwitz, Kurt: Erinnerung an Valentin. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 3371, 16. November 1958, Bl. 6f.

[42] Marieluise Fleißer: Aus der Augustenstraße ((1969). In: Dies.: Gesammelte Werke. Zweiter Band. Roman. Erzählende Prosa. Aufsätze, hg. von Günther Rühle. Frankfurt/M. 1972, S. 309-314, hier S. 314.

[43] GBA (vgl. Anm. 1) 14, Gedichte 4, S. 343.

Verfasser: Dr. Dirk Heißerer