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08.06.2015, 14:37 Uhr
Tristan Marquardt
Spektakula

Ausweitung der poetischen Kampfzone. Zur Eröffnung der Reihe „Zwiesprachen“ im Lyrik Kabinett mit Steffen Popp

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César Vallejo in Paris, 1929

In insgesamt zehn Abenden stellen in der neuen Veranstaltungsreihe „Zwiesprachen“ Dichterinnen und Dichter ihre Kolleginnen und Kollegen aus der literarischen Tradition vor. „Zwiesprache“, das zielt auf eine doppelte Vermittlung. Zum einen kommen hier zwei dichterische Werke in einen Dialog. Es geht nicht nur um bloße Einführung, sondern auch um konkrete Auseinandersetzung, wie Holger Pils, Leiter des Lyrik Kabinetts, am Eröffnungsabend sagte. Zum anderen soll ein Mittelweg gefunden werden zwischen dem Ernst des akademischen und der Begeisterung des Liebhaber-Blicks. Das leuchtete beim Auftakt der Reihe, als Steffen Popp über den peruanischen Dichter César Vallejo sprach, unmittelbar ein.

„Neugestärkter Faden, Faden, zweinamiger Faden / wo wirst du reißen, Knoten des Krieges? // Panzere diesen Äquator, Mond.“ So endet Gedicht Nr. 29 aus César Vallejos berühmtestem Gedichtband Trilce, der 1922 erschien, in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason (Rimbaud Verlag 1998). Mit ihm begann der erste „Zwiesprachen“-Abend. Jeder und jedem, der die Gedichte des kookbooks-Autors und Huchel-Preisträgers Steffen Popp kennt, fiel die Verwandtschaft der poetischen Positionen unmittelbar auf. Popp, der den zu Lebzeiten weitgehend unbekannten Vallejo (1892-1938) als den bedeutendsten Dichter Perus einführte, sagte, seine erste Begegnung mit ihm sei „ohne jede Kenntnis entsprechender Hintergründe ausgesprochen glücklich“ verlaufen. Das liege daran, dass Vallejos Gedichte „Anschlüsse für die Gegenwart bieten“.

Diese Anschlüsse findet man vor allem dort, wo Vallejo die spanischsprachige Dichtung „grundlegend verändert“ habe. Das beträfe seine sprachlichen Innovationen ebenso wie „eine bis dahin ungekannte Komplexität der sprachlichen Bilder, bis zur Verdunklung der Sinnbezüge gehende Metaphorik und massive Bildbrüche“. Besonders in Letzterem lässt sich eine entscheidende Gemeinsamkeit der beiden Dichter sehen.

Steffen Popp und Leonardo Paredes Pernía (Foto: Joachim Trapp) (c) Lyrik Kabinett

Das Schlagwort, auf das Steffen Popp César Vallejos Poetik schließlich brachte, war die „Ausweitung der poetischen Kampfzone“, die der Peruaner auf semantischer Ebene leiste. So bekundet er in einem der Gedichte aus Trilce selbst:

Vallejo sagt heute, der Tod schweißt jede
Grenze an jede verlorene Haarfaser aus der Scha-
le eines Stirnbeins, in dem es Algen gibt, Melissen, die
göttliche Mastixbäume auf Wache besingen, und anti-
septische Verse ohne Besitzer.

(Gedicht Nr. 55, zweite Strophe)

Und Popp stellte fest: „Das Bild explodiert, könnte man sagen.“

Im Anschluss an die gut 40-minütige Auseinandersetzung mit Leben und Werk Vallejos folgte eine zweigeteilte Lesung: Erst lasen Popp in Übersetzung und Leonardo Paredes Pernía im Original Vallejo-Gedichte, dann las Popp seine eigenen. Vieles, was er zuvor über das Werk des peruanischen Dichters gesagt hatte, schien einem in diesem Moment auch seine Gedichte noch einmal näher gebracht zu haben.

Links: Steffen Popp im Gespräch mit dem Lyriker Jan Wagner, im Hintergrund Geschäftsführer des Lyrik Kabinetts Dr. Holger Pils (Foto: Joachim Trapp) (c) Lyrik Kabinett

Die nächsten „Zwiesprachen“ finden am kommenden Donnerstag, den 11. Juni, um 20 Uhr statt. Diesmal setzt sich Uljana Wolf mit der koreanisch-amerikanischen Autorin Theresa Hak Kyung Cha auseinander.



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