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05.11.2014, 11:51 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [501]: Rumford und Jean Paul

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Der Blogger weiß, dass er dringend zum Zug muss: zum Logen-Zug. Nein, er wird gerade nicht bestreikt, aber er muss doch – da beißt auch Jean Pauls Lesemaus kein Faden ab – auf eine wunderschöne Ausstellung hinweisen, die just in diesen Tagen dort eröffnet wurde, wo uns der letzte, ziemlich (also wirklich: ziemlich) runde Blog-Eintrag hinflog: in München.

Im Stadtmuseum nämlich wird just eine Ausstellung gezeigt, die Benjamin Thompson, besser bekannt als Graf Rumford, gewidmet ist. Der Blogger hat also schon gewusst, wieso er dieser bemerkenswerten Persönlichkeit, die so viel für die Stadt getan hat, einige Einträge widmete – und der direkt neben unserem Dichter in der Ruhmeshalle hinter der Bavaria seinen gerechten Platz erhielt: als Erfinder des genialen Rumford-Ofens und als Initiator des Englischen Gartens.

Um die Größe Rumfords zu zeigen, genügt nicht allein ein Blick auf seine Reformen, die, in der Vernetzung von ökologischen, sozialen und naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, die reinste Aufklärung und ein Denken repräsentieren, die absolut zukunftsweisend waren. Der Blogger findet folgenden Punkt besonders bemerkenswert:

Den Höhepunkt seiner Macht erlangt Rumford im Jahr 1796. Die französischen und die Habsburger Truppen sind in Bayern eingefallen und finden sich gleichzeitig vor den Toren Münchens ein. Vom Gasteig aus feuern Kanonen, der Rote Turm geht in Flammen auf. Kurfürst Karl Theodor hat Bayern vorzeitig verlassen und Rumford das Oberkommando übergeben. Durch eine diplomatische List bewegt er schließlich beide Armeen zum Abzug. München bleibt unversehrt.

Gleichzeitig ist ein Romanautor damit beschäftigt, sein Projekt der Humanität im Hesperus und im Siebenkäs zu formulieren. Schon die Loge war ein Versuch, in der Darstellung des absolutistischen Unwesens das Unmenschliche – wiewohl latent Komische – einer Gesellschaftsordnung zu zeichnen, gegen die ein Gustav von Falkenberg revoltiert: freilich noch mit untauglichen Mitteln. Benjamin Thompson hätte am Scheerauer Hof keine Chance gehabt; hier gab es keinen Kurfürsten Karl Theodor, der, obwohl umstritten, doch den Grafen walten ließ. Hier gab es nur die Idioten, die unter „Aufklärung“ vielleicht das Durchblättern pornographischer Romane verstanden – und jene mehr oder weniger aufgeklärten Menschen wie Ottomar, Gustav und Fenk, die sich in die Depression, die totale Traurigkeit und die Satire flüchten mussten, um die höfische und bürgerliche Welt der Gegenaufklärung wenigstens unter Schmerzen zu ertragen.

Jean Paul hätte Sir Benjamin Thompson wirklich liebhaben müssen.



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