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10.06.2014, 11:02 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [422]: Gustav Knopf und Amandus der Lokomotivführer

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Augsburger Siebenkäs-Einschub

Der Armenadvokat Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel hatte den ganzen Montag im Dachfenster zugebracht und sich nach seiner Braut umgesehen.

Sie sollte aus Augsburg früh ein wenig vor der Wochenbetstunde ankommen, damit sie etwas Warmes trinken und einmal eintunken könnte, ehe die Betstunde und die Trauung angingen.

Der Schulrat des Orts, der gerade von Augsburg zurückfuhr, hatte versprochen, die Verlobte als Rückfracht mitzunehmen und ihren Kammerwagen oder Mahlschatz hinten auf seinen Koffer zu binden.

Sie war eine geborne Augsburgerin – des verstorbenen lutherischen Ratkopisten Egelkraut einzige Tochter –, wohnte in der Fuggerei in einem geräumigen Hause, ---

--- das vielleicht größer war als mancher Salon...

Nein, das sind, auch wenn's ein bisschen so aussieht, nicht Gustav und sein Freund Amandus. Das sind Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer – zwei berühmten Helden, die schon früh in den entzückenden Filmen der Augsburger Puppenkiste auftauchten. Erfunden wurden die Figuren bekanntlich von Michael Ende. In puncto Fantasie war er ein legitimer Nachfolger Jean Pauls. Wer mehr über ihn erfahren will, kann von Augsburg nach München zugreisen und sich im Bücherschloss der Blutenburg informieren.

Nebenbei: angesichts des Siebenkäs mag man sich fragen, wie eine Ehe zwischen Gustav und Beata wohl aussehen könnte. Der erste deutsche Eheroman beweist, dass es nach dem „happy end“ erst richtig losgeht, das heißt: erst richtig spannend und schwierig wird. Ehepaare wissen das – Gustav und Beata wissen es nicht; sie mögen glauben, dass sie es schon schwer genug haben, aber dass sie es schwer haben, liegt, denkt der Blogger, vor allem an ihrem Weltschmerz – weniger vielleicht an der Welt selbst. Da aber die Welt alles ist, was der Fall ist (wie ein bedeutender Philosoph einmal schrieb), und da dieser Fall immer ein sehr subjektiver ist, kommen wir nicht drum herum: wir müssen feststellen, dass Gustav und Beata vielleicht deshalb nicht zu helfen ist, weil sie so sind, wie sie sind – weil sie die Welt so und nicht anders betrachten können.

Fotos: Frank Piontek, 7.6. 2014



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