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04.06.2014, 15:24 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [419]: „Lachen, Mylord, will ich, und zwar so laut ich kann“

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Laurence Sterne, Gemälde von Joshua Reynolds, 1760

Als wollte Jean Paul die zwei Richtweiser seiner poetischen Kunst – das Pathos und die Komik – auf kurzer Strecke zusammenbinden, zitiert er in einem Absatz zwei Autoren, die für die beiden Pole einstehen: Richardson – und Laurence Sterne:

Dieses Werk, dessen dicke Zeigerstange den Lebensfaden des Greises auf dem schmutzigen Zifferblatte in lauter bunten frohen Bienen-Stunden weggemessen hatte, sollte eine Lorenzo-Dose für ihn sein, ein Amulett, ein Ignatius-Blech gegen Saulische Stunden.

Unsinn! Denn dieser Satz steht im Hesperus, nicht in der Loge! Also nochmal:

Der bloße Anblick eines roten Menschenherzens – dieses Danaidengefäßes der Freude, dieses Behältnisses von so manchem Jammer – macht als eine lebendige Lorenzodose mein eignes weich und schwer; und ich habe oft auf dem anatomischen Theater einem Straßenräuber nicht eher vergeben, als bis uns der Prosektor das Herz und das Gehirn des Inquisiten vorwies.

Nochmal Unsinn! Denn diesen Passus kann man im Siebenkäs entdecken. Dritter Versuch:

Ich weiß recht gut, dass diese Diskretion ein Fehler ist, dem neuere Romane nicht ungeschickt entgegenarbeiten; hat darin ein Romanheld oder Romanschreiber ein Herz bei einer Romanheldin erstanden [...]: so zwingt der Held oder Schreiber (die meistens einer sind) die Heldin, das Herz heraus- und hineinzutun wie der Stockfisch seinen Magen – ja der Held holet selber das Herz aus der verhüllenden Brust und weiset den eroberten Globus über zwanzig Personen, wie der Operateur ein geschnittenes Gewächs – handhabt den Ball wie eine Lorenzodose – führt ihn ab wie einen Stockknopf und versteckt das fremde Herz so wenig wie das eigne.

Na endlich! Der aufmerksame Leser wird nun auch begriffen haben, warum sich der Blogger zweimal vertat: weil es um einen Begriff geht, der erläutert werden muss: die Lorenzodose – womit wir endlich bei Sterne angelangt sind. Sterne war, siehe Tristram Shandy, einer der literarischen Väter Jean Pauls, der ihm beibrachte, wie guter Humor, echte Satire, formale Gewagtheit auszusehen hat. Nun gibt es nicht allein den Roman über den Helden Tristram Shandy, auch Yoricks sentimental journey through France and Italy – hier finden wir jene Lorenzo-Dose, die die gute Barbara Sichtermann und ihr Co-Autor Joachim Scholl in einem Feature des Deutschlandradios[1] erklärt haben:

Der anglikanische Yorick will dem katholischen Bettelmönch Lorenzo zuerst kein Almosen geben. Aber angesichts dessen rührender Schicksalsergebenheit bei der Absage wird er dann doch weich, und am Ende tauschen die beiden zum Zeichen gegenseitiger Toleranz die Schnupftabaksdosen aus.

Zitator: Meine Dose war eine kleine aus Schildpatt und die seinige aus Horn.

Die großartige Angelica Kauffmann malte irgendwann zwischen 1766 und 1781 den Mönch von Calais.

Sprecherin: Für die Fangemeinde des Autors Sterne und der Figur Yorick wurde die Lorenzo-Dose mit Gravur „Pater Lorenzo“ auf dem Deckel und innen mit dem Schriftzug „Yorick“, zu einem Symbol für die Empfindsamkeit á la Sterne. Bis nach Dänemark und Livland sollen die von eifrigen Manufakturen gefertigten Dosen als Geschenkartikel verteilt worden sein.

Sprecher 2: So beliebt wurde die Dose, dass selbst Damen plötzlich Schnupftabak geschenkt bekamen!

Sprecher 1: Noch 1793 wurde der jeglicher Empfindsamkeit abholde, selbst der von Empfindsamkeit bestimmt nicht angekränkelte Georg Christoph Lichtenberg von seinem Verleger mit einer Lorenzo-Dose bedacht, Lichtenberg, Deutschlands humorvollster Aphoristiker und – na klar! – Sterne-Fan war entzückt.

Sprecher 2: Aber nicht nur der Dosen-Kult kündete vom enormen Erfolg der „Empfindsamen Reise“. Es gab massenweise Nachahmungen, die Verleger konnten sich vor Manuskripten, in denen Empfindsamkeiten auf Reisen gingen, kaum retten.

Wer böse sein wollte, konnte allerdings zwischen Sterne und Jean Paul gewaltige Unterschiede entdecken. Heinrich Heine fasste (in seiner gelegentlich doch auch heute noch gültigen Schrift über Die romantische Schule) seine Kritik in ein böses Wort:

Lorenz Sterne zeigt sich dem Publikum ganz entkleidet, er ist ganz nackt; Jean Paul hingegen hat nur Löcher in der Hose.

Ob in diese Löcher eine Lorenzodose hineinpasste? Das ist glücklicherweise nicht die Frage. Übrigens ragt die Lorenzo-Dose noch in Jean Pauls späteres Leben hinein, wenn man das so sagen darf. In seinem Ehrendoktordiplom, das er auf Geheiß von Hegel empfing, können wir nämlich folgende Zeile lesen:

VIRUM QUALEM NON CANDIDIOREM TERRA TULIT

Was heißt:

DEM LAUTERSTEN MANNE, DEN JE DIE ERDE GETRAGEN

Der Lateiner weiß, dass es sich um eine Paraphrase aus dem ersten Band der Satiren des Horaz handelt – und der Sterneianer, dass genau dieser Vers des Horaz auf jener Dose stand, die der Pater Lorenzo dem Yorick gab.

Und noch ein Übrigens, ein bayerisches: Richard Otto Spazier berichtet in seinen Erinnerungen an die letzten Tage des Dichters, dass Jean Paul einmal erzählt wurde, „wie der König von Bayern nicht mehr wie sonst alles sich in München bloß konzentrieren lassen wolle: – der Staat würde dadurch von den Kongestionen geheilt, die er bisher immer nach dem Kopfe gehabt hätte, sagte Jean Paul.“

Die Stelle hatte er aus dem Tristram Shandy.

Sage keiner, dass die Literatur und das sog. Leben nichts miteinander zu tun hätten.

Darauf eine Prise, meine Damen und Herren!

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[1] „Lachen, Mylord, will ich, und zwar so laut ich kann“. Dem englischen Schriftsteller Laurence Sterne zum 300. Geburtstag. Erstsendung 24.11.2013.



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