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14.03.2014, 16:44 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [376]: Weiter Himmel, tiefe Gruben

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Schon im 18. Sektor sprach der Erzähler davon, dass Beata „zu wenig Freude an der – Freude und zu große an traurigen Phantasien“ habe. Es gibt zu weiche Seelen, die sich nie freuen können, ohne zu weinen, und die ein großes Glück, eine große Güte mit einem seufzenden Busen empfangen.

Die Charakterzeichnung Beatas ist durchaus konsequent: im Moment des höchsten Glücks wird es feucht: die Freudentränen strömen und strömen wieder fort, im einsamen Zimmer kann sie sie nicht stillen, „und als der Schlaf kam, lagen ihre Augen schon unter himmlischen Tropfen bedeckt“. Hätte Roy Lichtenstein, der Meister der weinenden girls, 1790 schon gelebt, hätte er in Beata das ideale Modell für seine Arbeiten gefunden – obwohl er sich auf Frauen kaprizierte, die eher aus Verzweiflung weinen. Vermutlich würden Beatas Tränen – und seien es Tränen der Freude – auch noch heftig fließen, würden die unschuldigen Seelen nun zum ersten Mal miteinander schlafen. Der Autor wünscht ihnen vorderhand alles Gute, ein zumindest zeitweiliges Schlendern durch arkadische Landschaften; er scheint zu wissen, dass es ein Traum bleiben wird, in dem Beatas Tränen ihren guten Platz besitzen: „Wollte nur der Himmel, ihr Liebenden, euer lahmer Lebensbeschreiber könnte seine Feder zu einem Blanchards-Flügel machen und euch damit aus den Grubenzimmerungen und Grubenwettern des Hofes in irgendeine freie Pappelinsel tragen, sie sei im Süd- oder im Mittelmeer!“

Hier die freie besonnte Landschaft, dort die Untiefen der Berge. Jean Paul kannte sich auch in den Montanbezirken aus, er muss mindestens ein Buch über Bergwerkskunde gelesen haben, den Agricola oder Zeitgenössisches – und während er in größter Eile den zweiten Teil des Romans schrieb, kam Alexander von Humboldt, über den hier im Sommer noch zu reden sein wird, nach Naila und Bad Steben und Arzberg und Bayreuth und Goldkronach, um die fränkisch-preußische Montanindustrie auf Vordermann zu bringen: auch, um das Grubenwetter zu verbessern. Dem Techniker und Naturwissenschaftler ist das leichter gefallen als dem Dichter – aber Jean Pauls Vergleichungskunst macht es möglich, auch mit Hilfe des unterirdischen montanen Terminus zu begreifen, wie die beiden Liebenden zur oberen Welt stehen.

Sage keiner, das sei wieder so ein „exzentrischer“ Begriff, den der Autor nur angebracht habe, um die Leser mit Wörterklang und „exotischem Wissen“ zu verwirren.



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