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05.04.2013, 10:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [120]: Mann, bist du überhaupt imstande, gerecht zu sein?

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Sie starb auch für Mädchen wie Beata Röper: Olympe de Gouges.

Goethe bezeichnete, in seinem Meister, Wesen wie sie als „schöne Seelen“: Beata, die unglücklich Kränkelnde. Der Doktor weiß: Ein zarter Körper und ein zarter Geist reiben einander auf. Die Tochter des Kommerzienagenten ist schwärmerisch, empfindsam und neigt „ein wenig zur Dichtkunst hin“, worin sie der gesunden Natalie im Siebenkäs ähneln mag. Sie ist vielleicht nicht allzu sehr der Poesie verfallen wie Marietta Zeitmann, die in Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf poetisch begabt, aber (zumindest für eine Kuhschnapplerin) vielleicht auch darin „zu kühn ist“. Dr. Fenk setzt nach der Trias von Schwärmerei, Empfindsamkeit und Dichtkunst nun aber ein „aber“ in die Konstruktion: „aber“ was sie auszeichne, sei ein „Ehrgefühl, eine demütige Selberachtung“, die nicht der Erziehung, sondern dem Schicksal, also der Natur entspränge – und dieses Schicksal sei das gütigste. Selberachtung: Michel Foucault hat einmal in einer bedeutenden Vorlesung von der „Sorge um sich selbst“ gesprochen; vielleicht ist dies gemeint, wenn Fenk jenes „Ehrgefühl“ in ein Bild kleidet: Sie gleiche der Rose, „welche unten, wo man sie nicht bricht, die längsten und härtesten Dornen hat, aber oben, wo man sie genießet, sich nur mit weichen und ungebognen verpanzert“.

Eine empfindsame Seele, fürwahr – unfähig, unmittelbar Freude zu fühlen: vermutlich, weil die Freude sie zerspränge. Ein Mädchen, das zu tief in Edward Youngs Night-thougts hinein geschaut hat, als dass es das Leben genießen könnte, und das sich lieber an die dunklen Tage („die wie Gräber in ihrer Erinnerung liegen“) als an die hellen erinnert. Fenk kritisiert das sehr zart, wenn er einen Aphorismus über die Weiber erfindet: „Eine Frau, wenn sie Schillers Feuerseele hätte, stürbe, wenn sie damit eines seiner Stücke machte, im fünften Akte selber nach.“ Natürlich ist Fenk nicht Jean Paul, nicht einmal „Jean Paul“, er spricht als Figur zu uns, aber er dürfte wieder einmal schwer vom „richtigen“ Autor zu trennen sein, wenn er die Weisheit von sich gibt, „dass der weibliche Leib und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig für geistige Anstrengung sind“.

Jean Paul mag ein Frauenversteher oder -flüsterer gewesen sein – an Stellen wie diesen bemerkt man, wie verhaftet er seiner Zeit und ihrem restriktiven Frauenbild, mit einem Wort: wie unmodern er war, aber Olympe de Gouges, die für ihre Überzeugungen guillotiniert wurde, schrieb gleichzeitig folgende Sätze auch für Frauen wie Beata: „Mann, bist du überhaupt imstande, gerecht zu sein? […] Kannst du mir sagen, wer dir die unumschränkte Macht verliehen hat, die Angehörigen unseres Geschlechts zu unterdrücken? […] Schau auf den Schöpfer in seiner Weisheit, […] betrachte die Geschlechter in der Ordnung der Natur. […] Allein der Mann […] will in diesem Jahrhundert der Aufklärung und des klaren Verstandes in durch nichts mehr zu rechtfertigender Unwissenheit despotisch über ein Geschlecht herrschen, das über alle geistigen Fähigkeiten verfügt. Er nimmt für sich in Anspruch, die Revolution für sich allein zu nutzen und seine Rechte auf Gleichheit einzufordern, um nur so viel zu sagen.“

Die berühmte Kämpferin wurde auch für diese Sätze hingerichtet. Geschrieben hat sie diese Sätze in jenem Jahr, in dem Jean Paul mit seinem Roman begann: in der Vorrede zur Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin.

Aber steckt in Beatas Anderssein, ihrer seelischen Traurigkeit, nicht vielleicht ein Krankheitsbild, das wir würdigen müssen? Porträtiert Jean Paul nicht einen Typus, der der Ausbildung noch fähig ist? Bedarf nicht die Welt immer dieser „schönen Seelen“, auf dass wir alle merken, dass es auch anders geht? Und ist Beatas Sorge um sich selbst nicht etwas sehr Wertvolles, das uns davon überzeugen könnte, dass Selbstachtung und „Ehrgefühl“ – in einer ehrlosen Welt, in der man sein „Ansehen“ (dies der mittelhochdeutsche Sinn von „ere“) nicht mehr langfristig verscherzen kann, weil es unterm Strich unwichtig geworden ist – nicht von gestern sein müssen?

Schwierige Fragen, zugegeben.



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