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09.03.2014, 12:46 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [371]: Gustavs Sterbensvision und Sterbenslust

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1805 veröffentlichte der Herzog August von Coburg-Gotha – ein verschrobener Herr von beträchtlicher „Gigantonomie“ (wie der Dichter schrieb) – den Roman Kyllenion. Ein Jahr in Arkadien. Man findet ihn auch im wundervollen Bayreuther Jean-Paul Museum – außerdem wurde das Frontispiz zum Signum des Buchs über den Jean-Paul-Weg Oberfranken.

Arkadien war schon immer ein Thema Jean Pauls. Auf dem Jean-Paul-Wanderweg Oberfranken haben wir es ebenso untergebracht wie im großen Buch zum Weg. Arkadien – das ist eine Traum-, ja eine Seelenlandschaft, die auf die Unsterblichkeit eben der Seele verweist. Im ersten der beiden letzten unvollendeten Romane, dem Gesprächsroman Selina, gewinnt die Frage nach der Unsterblichkeit noch einmal an Schärfe – wer weiß, wie der Roman ausgegangen wäre, wäre der Dichter vorher nicht gestorben.

Arkadien ist auch in der Loge ein Thema: ein Traumthema, denn Gustav träumt einen typisch jeanpaulschen Traum, der mit den Requisiten seiner Fantasie fleißig gefüllt wurde. Der Träumer sinkt in einer Aue nieder, sieht einen Regenbogen von Sonnen, ja er erblickt einen Brillanten-Gürtel von tausend roten Sonnen. Unten stehen Haine und Alleen von Riesen-Blumen, Rose und Hyazinthe sind dabei, sie werfen farbige Schatten, und Gustav fühlt, dass dies der Abend der Ewigkeit sei. Nun erblickt er den Geist des Amandus, der ihm den Geist der Beata zuführen will – aber sie sind getrennt, sie können ihre Sphären nicht verlassen, Himmel und Erde bleiben vorerst getrennt, der Träumer hört zwar einen Orgelton, der Welten und ihre Särge zerzittern könnte, aber bevor er seinen Körper verlassen kann, um das geliebte Geistwesen umfangen zu können, erwacht er – aber im Wachen träumt er noch und spricht jenen Satz, den wir schon kennen, und der nun verständlich wird: O nimm mich ganz, glückliche Seele, nun hab' ich dich, geliebte Beata, auch ich bin tot.

Wie in der Rede des toten Christus ist es das Erwachen, dass am Ende der Vision steht – nur, dass hier das Gesicht sich derart dicht mit der Wirklichkeit der Erde vermengt, dass Gustavs halluzinatorischer Drang erschütternd klar wird. Dieser junge Mann will offensichtlich sterben, um das Leben zu genießen: ein Leben, das nur im arkadischen Jenseits des Traums und des Todes realisiert werden kann.

Wir wussten das schon – aber es ist noch nicht so klar geworden wie an dieser Stelle, die Jean Paul mit allen Künsten seiner visionären Fantasie gezeichnet hat.



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