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10.02.2014, 11:43 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [344]: Und das Bedürfnis eines zweiten

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Das berühmte Grabmals des achtjährigen Alexander von der Mark, von J. G. Schadow (1789). Quelle: Wikipedia.

O Zartheit des Sterbens! Nein – Zartheit der Empfindungen der Überlebenden.

Dass Gustav trauert, ist klar – aber dass auch die Residentin über ein feines Gefühl verfügt, ist schon weniger erwartbar, aber halt: Hat sich die Residentin nicht bisher, neben ihren kapriziösen Seiten, als durchaus wandelbare Frau von Empfindung erwiesen? Wie anders wäre es zu verstehen, wenn der Erzähler plötzlich zu einer schlichtweg bezaubernden Formel findet, die – gewiss, das gibt es öfters bei diesem Dichter – die unverwechselbare Stimmung verbürgt, die nicht dadurch beschrieben werden kann, dass wir sie als Ergebnis aus einer Mixtur von Rhythmus und Inhalt definieren?

Wie teilnehmend – mit einer Miene, als legte sie leise eine Rose in des Toten Hand – schenkte sie dem letzten das Stückchen Erde zum Ankerplatz!

Denn Gustav bittet sie und Oefel, den toten Freund auf dem Eremitenberg zu Marienhof zu begraben. Die Bitte gibt nun Oefel die Gelegenheit, ganz kühl darüber nachzudenken, dass ein Grabmonument doch bislang dem Berg gefehlt habe, denn wie den englischen Gärten würde er „bloß nachgemachte Vexier-Mausoleen“ besitzen. Man sieht: Oefel hängt zwar mit der Residentin zusammen, ist aber in dieser Hinsicht der Andere: denn er denkt (und fühlt nicht) rein technisch: er erbot sich, einige Verzierungen in einem Geschmacke, dass sie der Hof goutiere, für das Grabmal zu entwerfen.

Da ist mir die gefühlte Rose der Residentin wesentlich lieber.

Auch Gustav spürt dieses Anderssein der Frau von Bouse und zieht daraus seinen Schluss, die man für erste Weisheit halten könnte, wüsste man nicht, dass das Harry & Sally-Problem von jedem Menschen und zu jeder Zeit neu erörtert werden muss – aber schön ist es doch:

Er fühlte hier den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe lebendig; und er gab ihr die erste ganz. Er war froh, den Gegenstand der letzten nicht da zu finden, weil er die Verlegenheit der ersten  Blicke scheuete. Beata lag krank.

Nun könnte der kritische Leser argumentieren, dass ein Gefühl nichts ist und dass der Verstand auch seine Rechte hat – aber mit dieser Unterscheidung würden wir, glaube ich, den Roman mit Kategorien belasten, die ihm nicht angemessen sind. Ebenso gut (oder schlecht) könnten wir auf Gustavs Todessehnsucht schauen. Jean Paul scheint gespürt zu haben, dass Unbeweisbares nur in der Formel des Apodiktischen bewahrt werden kann:

Wer in solchen Stunden nicht die Kahlheit des Lebens und das Bedürfnis eines zweiten so lebendig fühlt, dass das Bedürfnis feste Hoffnung wird: mit diesem streite keiner über das Höchste unsers tiefen Lebens.

Die dramaturgische Frage bleibt nur, was mit einem solchen „Helden“ im Rahmen eines Romans noch praktisch anzufangen ist. Allein die Frage könnte sich nicht nur dem Leser, auch Beata stellen: Wie kann man mit einem derart todesverbundenen Liebhaber zusammenleben, ohne zu vergessen, dass man das Leben genießen kann?



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