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16.03.2013, 09:02 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [104]: Die edle Musengestalt der Königin

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Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia sahen einst in das irdische Helldunkel hernieder und, müde des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist. Sie hörten die heiligen Töne heraufsteigen, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde durchwandelt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sie trauerten, dass ihr Thron so weit abstehe von den Seufzern der Hülflosen.

Der König stirbt bekanntlich, aber was macht die Königin? Sie stickt ein Taschentuch, wie Jean Genet[1] gesagt hätte – und sie bewundert, wie viele Berlinerinnen, in diesem Jahr 1800, da der König sich weigert, dem Dichter eine Pension zu gewähren, den Mann, der seinerseits die Frauen an der Spree bewundert. Ist's der sexuelle Notstand, der die 37jährige männliche Jungfrau beflügelt, wie Günther de Bruyn in seiner Jean-Paul-Biographie meint? Eine Jungfrau, die mit Ende 20 ein Buch schrieb, in dem eine Residentin und ein unschuldiges Mädchen den Jungmann umschwärmen, dessen reinste Gefühle vergessen lassen, dass auch sie jenes Gran an Sexualtrieb besitzen, der das Leben so schön und so kompliziert macht?

Er war ein Langweiler – und ein Reaktionär, der im Schatten der Schönheit und des Charmes seiner Frau stand: Friedrich Wilhelm III., der unserem Dichter keine Pension bewilligte. Auch er wurde in den Mosaiken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche verewigt (links). Rechts: Die Königin schaut zu, wie ihr Mann ihrem Sohn, dem zehnjährigen Prinz Wilhelm, den Offizierssäbel überreicht. Vielleicht würde sie gerade lieber einen Roman lesen; es muss ja keiner von Jean Paul sein (sie mochte auch Seichtes). Ein echt preußisches Meisterwerk von Adolf Brütt (1906) in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. (Fotos: Frank Piontek, 5.3. 2013)

Schluss mit den Trivialitäten! – mag sich auch der Dichter des Titan gedacht haben, der in Berlin an seinem monumentalen Bildungsroman weiterarbeitet, den er nicht einer, sondern gleich mehreren Frauen widmet. Jean Paul liebt die Weiber mehrfach, aber eine begeistert ihn doch besonders: so, wie sie ein ganzes Volk, zu ihrer Zeit und noch lange lange danach[2], begeistert hat. Er trifft sie in Berlin, oder genauer: in der unmittelbaren Umgebung, in Sanssouci, sie, die Königin, eine andere reine, zumal eine völlig andere als jene andere Königin, der ich kürzlich im anderen Schloss, in Versailles begegnete, eine gekrönte Aphrodite, deren Sprache und Umgang eben so reizend ist als ihre edle Musengestalt[3], eine herrliche Königin[4], der er Briefe wie folgende schreibt:

Möge das Schicksal Ihnen bleiben, was Sie andern sind, und die Seele immer beglücken, welche immer beglückt.[5]

Am 10. März 1801 verstieg er sich gar zu einem echt poetischen Geburtstagswunsch, in dem faktisch alle aufgehoben sind, welche heute der schönen und edeln Königin Glück wünschen werden: alle – die guten – die Künstler, welche durch Raphael an die Unsterblichkeit der Schönheit gewöhnt, sie auch dieser wünschen müssen – die Unglücklichen, denen Sie die Tränen nahm – die Glücklichsten, nämlich Ihre Geliebtesten. Er selbst, sagt der Gratulant, gehöre in die erste, dritte und vierte Klasse. Schon vorher hat er sie so geliebt, dass er sie an die Spitze der Widmung seines ersten Titanbandes setzt, den er den vier schönen und edlen Schwestern auf dem Thron geweiht, welch Letztere ich auf dem Denkmal des von der Königin geschätzten Freiherren von Stein sehe, das sich zwischen Martin-Gropius-Bau und Landtag befindet.

Eigentlich unkommentierbar: das Doppelbildnis der Schwestern Luise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz, gemeißelt von Schadow, popularisiert auch durch die Postkarte (der Dichter hätte sie dutzendweis gekauft und an seine Freunde geschickt). Rechts: Die Königin gab mir einen ehelichen Hausrat – ein silbernes Tee- und Kaffeeservice. Ich wollte, ich könnte ihr daraus einschenken (an Caroline Herder, 12.1.1801).Wir können uns vorstellen, wie nervös die derart reich Beschenkte im Jahre 1805 gewesen wäre, hätten sich Frau Königin und Herr König tatsächlich bei Caroline und Jean Paul Friedrich Richter zum Thee und zum Caffee angemeldet.

Ich begegne ihr überhaupt oft in diesen Tagen: in der der Vorhalle Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ebenso wie auf den Postkartenständern, die Schadows herrliche Doppelskulptur abbilden: Luise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz, 1797 in Marmor gemeisselt: eine 21-Jährige und eine 19-Jährige, in ewig junger Schönheit der Mit- und Nachwelt überliefert. Jean Paul muss 1800 etwas von dieser Schönheit erfahren haben; kein Wunder, dass die Widmung an die Schwestern und die Briefe an die Königin so emphatisch ausfielen. Wie geschmeichelt muss sich der Dichter gefühlt haben, als er der Königin zum ersten Mal entgegen trat – und wie begeistert muss die junge Frau auf dem Thron gewesen sein, da sie dem älteren Verlobten, der er in Berlin wurde, ein Hochzeitsservice schenkte, das schon in wenigen Tagen wieder besichtigt werden kann: in der surreal rekonstruierten Wohn- und Arbeitsstube des Bayreuther Autors, die gerade im neuen Jean-Paul-Museum gebaut wird.

Von Berlin nach Bayreuth sind, so betrachtet, die Wege sehr kurz. Er hat sie übrigens später hier wiedergesehen: im Jahre 1805, als sie und der König im Neuen Schloss quartierten und ein Lustfest im Hofgarten veranstaltet wurde. Zwar hatte er eigens ein Festspiel für die Königin gedichtet, das auf der Luxburg – nachmals Luisenburg genannt – aufgeführt wurde, aber eine Pension war trotzdem nicht drin. Was Wunder, daß er sich ernsthaft überlegte, Bayreuth zu verlassen, um nach München zu gehen?

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[1] Im Balkon, der vor 30 Jahren eine unvergessliche, von Hans Neuenfels inszenierte Aufführung im Schiller-Theater erfuhr. Ich sehe noch den alten Bernhard Minetti auf den Tisch steigen, das Lob der Königin singend. Nicht, dass man damals an Luise die Einzige gedacht hätte, aber die Erinnerung ist zu stark, als dass sie nicht auch auf Jean Pauls Königin gelegt werden könnte. Nebenbei: Königin Karoline war im Jahre 1800 noch nicht seine Regentin – denn Bayreuth, d.h.: das ehemalige Markgrafentum, kam erst einige Jahre später zum erst zu gründenden Königreich Bayern. Noch war es, unter Hardenberg, gut preußisch... Vielleicht ist dies der Grund, warum sich der Blogger hier so wohl fühlt, zumal ihn die unter Markgraf Friedrich II. erstellte Achse und die relativ regelmäßigen Häuser der Friedrichstraße, in der Jean Paul 12 Jahre leben und in der er sterben sollte, an eine der strahlenförmigen Achsen der Mitte seiner Heimatstadt erinnern.

[2] Noch meine geliebte Großmutter mütterlicherseits erhielt im Jahre 1894 ihren zweiten Vornamen nach dem ersten Vornamen der preußischen Königin.

[3] An Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 14. Juni 1800.

[4] Am 29. Juni 1800 an Christian Otto.

[5] Am 1. Dezember 1800.



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