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06.02.2014, 12:52 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [341]: Dreieinige Liebe am Sterbebett

Nur ein Großer des späten 18. Jahrhunderts fehlt in dieser 400 Seiten umfassenden Arbeit über die Schöne Seele. Dreimal darf der Leser raten, wer gemeint ist.

Der Tod mag alle gleich machen, aber vor dem Tode gibt es – zumindest für unsere kleine Gesellschaft dreier Verschworener – noch eine rührende Szene: Gustav übergibt seinen liebenden Geist in Gustavs und Beatas Hände. Das Mädchen „bebt“, während Gustav ihr bekennt, dass er sie geliebt habe – hat sie es wirklich nicht gewusst? Ja, ihr zwei schönen Seelen, ihr findet niemand, der euch gleichen, der euere Liebe verdienen kann, ihr seid allein. Nein, ich werde jetzt nicht an Goethes Wort von der „schönen Seele“ erinnern, nur daran, dass Beata schon einmal als eine solche Seele bezeichnet wurde. Vor einer schönen Seele – auch Gustav ist und hat eine – darf man sein Herz ausschütten, darf man seine Eifersuchtsgefühle endlich ad acta legen – ich möchte nicht annehmen, dass es nur der Tod ist, der Amandus diesen Verzicht oktroyiert, denn auch er hat Anteil an dieser Schönheit, jetzt, endlich – denn wäre er sonst Gustavs bester und, sehen wir einmal von den Tieren und vom „lieben Gott“ ab, einziger Freund gewesen?

So wird er zum Katalysator auch für Beata und ihre Gefühle, denn er weiß nicht, dass Gustav und die junge Dame sich ja schon sehr tief in die Augen und damit in die Seelen geschaut haben: O Beata, auch Gustav liebet dich und sagt es nicht. Doch, er hat es gesagt, auch wenn er dafür nicht sprechen musste, Sprechen taugt manchmal furchtbar wenig, verhindert die Verständigung, führt zu Missverständnissen, wirft tödliche Vorurteile auf und verkompliziert das Leben, aber Amandus will, dass Beata zu ihm, dem Geliebten, spricht, dass sie ihm sagt: ja, sie liebe ihn, Gustav, damit würde sie ihn, Amandus, gleichfalls glücklich machen. Kann man das glauben? Ja, man muss es glauben, der Tod macht alles gleich, wer in sein Auge schaut, mag sich zuletzt über sich selbst zu erheben, vielleicht ist das so, vielleicht ist´s auch nur eine schöne Utopie, dieses Zusichselberfinden, indem man dem Freund nun alles, alles gönnt, selbst das Liebste. Der Romancier konnte nicht wissen, wie man stirbt, er konnte nur beobachten, wie Andere sterben, die Freunde, die Familie, wie es ist, an einem Bett oder Grab zu stehen, wie es ist, Überlebender zu sein, auch Überlebender der Gefühle jener Anderen. Der Rest war Fantasie, Wunschtraum, Emphase des Schreibers am nächtlichen Schreibtisch, den Blick aufs Papier, nicht auf den Vollmond gerichtet. Zu schön, um wahr zu sein?

Wer von einer derartigen Freundschaft träumt, die sich auf dem Sterbebett noch aufrafft, um die Versäumnisse des einstmals Lebenden vergessen zu machen, kann nicht irren.



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