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04.12.2013, 14:09 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [293]: Der böse Bube der Reformationsgeschichte

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Was will überhaupt irgendein Denkmal? Unmöglich Unsterblichkeit geben – denn jedes setzt eine voraus –, und nicht der Thronhimmel trägt den Atlas, sondern der Riese den Himmel. Sind die Taten nicht durch Mund oder Schrift in die Welt übergegangen: so ist die Ehrensäule nur ihre eigne; und der goldne Name oben müßte wie der zufällige Bleifedername unten wirken, den die vorüberlaufende Kleinheit daranschreibt.

Ingolstadt hat nicht allein die Fleißer und den Balde und zwei drei andere Schriftsteller, die das Literaturportal Bayern als Ingolstädter Autoren listet. Es hat auch den Dr. Johannes Eck, den scharfen, vielleicht den schärfsten Gegner des Doktor Luther aufzuweisen.

Er hängt im Münster, in einer der Kapellen im herrlichen spätgotischen Bau, in der Kirche Herzog Ludwigs des Gebarteten. Dort wurde er begraben, dort findet man, im Boden der Kreuzkapelle eingelassen, seinen Grabstein – und das bronzene Epitaph. Der Mann war nicht nur, seit 1510, Professor an der Ingolstädter Universität, auch Münsterpfarrer, deshalb hat man ihn hier 1543 zur Ruhe gebettet.

Johannes Eck, ein schwieriger Typ. Vielleicht war er auch einfach: einfach in seinem Beharren auf den „wahren Glauben“, einfach in der Anwendung polemisch-skrupelloser Mittel – aber polemisch, denkt der Blogger, war auch sein Kontrahent, an dessen Verbannung er wesentlich beteiligt war. In der großen Reformationssaustellung Martin Luther und die Reformation in Deutschland habe ich im „Lutherjahr“ das erste Mal von ihm gehört: damals in Bayern, genauer: in Franken, im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg, eine Ausstellung, deren Plakat jahrelang in Grafenau hing. Der Ingolstädter Theologieprofessor Johann Eck war der gelehrte und kämpferische Verteidiger der alten Kirche bei der Leipziger Disputation[1], lese ich im Katalog unter der Nummer 212.

So kann man es auch sagen... Er war es, mit dem Luther 1519 in Leipzig disputierte, und er war es, der ihn, was lebensgefährlich war (für Luther, nicht für Eck) als „Heiden und Zöllner“ denunzierte. Er war es auch, der in Rom an der Bannandrohungsbulle gegen Luther arbeitete und zusammen mit den Kurienkardinälen 41 Luthersätze verwarf: als irrig, häretisch, ärgerniserregend, für fromme Ohren anstößig und für einfache Gemüter verführerisch. Der Rest der Kirchengeschichte ist bekannt. Allein zu Ecks Ehre muss man auch anführen, dass der Mann später zu Kompromissen mit den Dissidenten bereit war. Trotzdem bleibt sein Bild in der Historie eindeutig: Eck ist eindeutig der böse Bube der frühen Reformationsgeschichte.

Und was hat dieser Herr mit Jean Paul und der Unsichtbaren Loge zu schaffen (abgesehen davon, dass er als schreibender Theolog, und sei er auch ein „Kontroverstheolog“ gewesen, in das Literaturportal Bayern gehört?[2] Mehr als man denkt. Jean Paul hat, als Pfarrerssohn und nomineller Protestant, den Luther maßlos verehrt. Es gibt eine entzückende Schrift von ihm, die dieses Verhältnis beleuchtet: Wünsche für Luthers Denkmal von Musurus[3]. Wir haben im Bayreuther Jean-Paul-Museum die wichtigen Sätze zur Frage, was denn ein Denkmal überhaupt solle, im Eingangsraum platziert – Sätze, die auch den „großen Mann“, den alten herrlichen Luther betreffen, den Jean Paul als Höllenstürmer, vormaligen Himmelstürmer, Seelentriumphator und Donnermensch zu rühmen weiß. Luther, ein Heldenleben. Die Tatsache, dass manch Besucher bei ihm, dem dick gewordenen Jean Paul mit seinen „Quetschbacken“, an Luther denken musste, ist weniger wichtig als die Beobachtung, dass es Luthers Gegner war, der den Protestantismus verhindern wollte, welcher noch für Gustavs Religion und Religiosität verantwortlich ist. Dass Gustav wie Jedermann zum Abendmahl schreiten kann ist bekanntlich eine Errungenschaft der Reformatoren, die den Ritus fürs Volk öffneten. Es war ein Theologe wie Eck, der den erneuerten Glauben und die, die an ihn glaubten, buchstäblich vernichten wollte. In seiner Gestalt, noch im Ingolstädter Epitaph, tritt uns das Gegenbild dieses Glaubens entgegen – eines Glaubens, der noch für Jean Pauls unmittelbare Verbindung zum „Allschöpfer“ und Himmel verantwortlich gemacht werden kann. In Gustavs Erzieher wird diese Unmittelbarkeit zur handelnden und lehrenden Figur. Der Genius ist Herrnhuter, kein Jesuit.

Bilder: Frank Piontek, 27.11. 2013

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[1] Die Kuratoren haben damals jeder genauen Objektbeschreibung – ausnahmslos jedem Objekt – einen kurzen, fett gedruckten Satz als Charakterisierung vorangestellt – eine vorbildliche Technik der Didaktik, findet heute noch der Blogger. 212 zeigt den Dr. im Bildnis, das Peter Weinher d. Ä. (nicht d. J., bitteschön) um 1572 hergestellt hat. Einziges erhaltenes zeitgenössisches Bildnis sei eine auf 1529 datierte Bildnismedaille in der Staatlichen Münzsammlung München, hieß es damals. In Ingolstadt, ganz oben in Oberbayern, sehe ich das Bild auf einem schönen Altar: dem Kreuzigungsaltar in der Jacobuskapelle, der 1522 gemalt wurde. Damals war Eck 36 Jahre alt – und noch nicht so verfettet wie der Mann auf dem posthumen Epitaph.

[2] Man kann sich eben seine Gegner nicht aussuchen.

[3] Man findet ihn unter den Werkchen in Doktor Katzenbergers Badereise.



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