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01.10.2013, 14:01 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [240]: Die erhebenden Niederungen des Sexuallebens

Wir bleiben im mythologischen Gemüsebereich, denn vor seinem Fenster draußen stand die schöne und fast kokette Natur von Paris-Äpfel umhangen und mitten in ihr eine Spaziergängerin, die die Äpfel alle verdiente. Wer kann es sein als – Beata? Die Paris-Äpfel sind uns schon einmal, vor kurzer Zeit, begegnet, was soll ein junger Mann wie Gustav angesichts dieser Äpfel, die mit Goethes Äpfelchen so eng zusammenhängen:

Faust (mit der Jungen tanzend):

            Einst hatt ich einen schönen Traum
            Da sah ich einen Apfelbaum,
            Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
            Sie reizten mich, ich stieg hinan.

Die Schöne:

            Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
            Und schon vom Paradiese her.
            Von Freuden fühl ich mich bewegt,
            Dass auch mein Garten solche trägt.

Woraufhin Mephisto assoziativ derb wird:

Mephistopheles (mit der Alten):

            Einst hatt ich einen wüsten Traum
            Da sah ich einen gespaltnen Baum,
            Der hatt ein ungeheures Loch;
            So groß es war, gefiel mir's doch.

Was also, sag' ich, soll Gustav da anderes machen als schauen – und zugleich hinschauen? Wie soll er anders agieren als gespalten? Sein Erfinder hat ihm die Last der Moral aufgedrückt, nun wendet sich das Subjekt gegen diesen Erfinder, indem es zu den Äpfeln sich hinsehnt. Ungesehen sehen – es ist, genau betrachtet, das Prinzip des Voyeurs, aber wir wollen nicht übertreiben. Young Gustav versucht sich nur zu orientieren; sein Morgenstern heißt nun einmal Beata, die ihm im blühenden Bild der Frucht erscheint, die ihm im Garten, nicht im Palais entgegen kommt. Die Metapher, die der Dichter erfindet, ist poetisch genug, um den Kern zu enthüllen:

Eine herabgewehte Rose, die er einmal in der dunkelsten Nacht unter ihrem Fenster aufhob, war eine Ordenrose für ihn, ihr welker Honigkelch war das Potpourri seiner schönsten Träume und seines Freudenflors.

Hat Jean Paul da gewusst, was er da geschrieben hat? Er musste es nicht wissen; es genügte, dass er es erfand. Richard Wagner hat dieses traumsichere Erfinden wahrer Bilder 70 Jahre später folgendermaßen ausgedrückt:

Das grad' ist Dichters Werk,
dass er sein Träumen deut' und merk'.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
all' Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
[1]

So träumte Gustav sich eine Beata herbei – samt Honigkelch und Freudenflor –, so wie sich Jean Paul und „Jean Paul“ in die köstlichen, zumindest poetisch erhebenden „Niederungen“ des Sexuallebens begaben. Vor der Übermacht der Natur versagte Jean Pauls Feder durchaus nicht, im Gegenteil, das Naturbild entbindet schließlich einen philosophischen Schluss: so legest du, hohes Schicksal, für den ewigen Menschen seinen Himmel oft unter ein falbes Rosenblatt, oft auf den Blütenkelch eines Vergißmeinnichts, oft in ein Stück Land von 305 000 Quadrat-Meilen. Der ewige Mensch – es ist wieder der hohe Mensch, der sich von der Erde in einen Himmel träumt, dessen irdische Erscheinungsform ihn manchmal zu einem kleinen Voyeur macht.

Noch zu Lebzeiten Goethes, nämlich 1829, zeichnete der bekannte Illustrator Johann Heinrich Ramberg, der für seinen verniedlichenden Stil bekannt war, seine Version der Walpurgisnacht. Erst jüngst erschien ein Buch über ihn: Literatur – Bilder. Johann Heinrich Ramberg als Buchillustrator der Goethezeit. Drastischer ging es 60 Jahre später zu, als Franz Simm, sichtlich beeinflusst vom Ringstraßenkünstler Hans Makart, eine Goethe-Ausgabe mit Bildern versah. Simm wohnte zu dieser Zeit übrigens in der jener Stadt, in der dieser Blog ins Netz gestellt wird. Das Haus existiert noch, es steht in Schwabing, in der Maria-Josepha-Straße, Numero 5.

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[1] Es ist kein Zufall, dass Walter von Stolzing in seinem allegorischen Traum von einem Paradiesbaum träumt, der zugleich die Paradiesäpfel wie den Dichterlorbeer möglich macht.



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