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05.08.2013, 13:08 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [219]: Immer wieder der Tod

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Hölzels Palais in Schwarzenbach an der Saale. Hinter diesen Fenstern wurde die Todesvision vom 15. November 1790 erlebt. (Foto: Frank Piontek, März 2010)

Der Tod – es ist nun immer wieder der Tod, der ins Leben und die Literatur, bis in die Definition der „hohen Menschen“ hineinspielt. Reflektiert Jean Paul hier den wichtigsten Abend seines Lebens, also den 15. November 1790[1], als er seinen eigenen Tod visionierte und offensichtlich erstmals mit aller Härte „empfand, dass es einen Tod gebe“? Damals schrieb er:

Ich empfand den Gedanken des Todes; dass es schlechterdings kein Unterschied ist, ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe, dass alle Plane und alles mir davonschwindet, und dass ich die armen Menschen lieben soll, die sobald mit ihrem bißgen Leben niedersinken.

Er habe, heißt es öfters, aus diesem Bewusstsein heraus seine Schreib-Art umgestellt und sich „ernsteren“ Stoffen zugewandt. Vorbei die Zeit der bloßen Satiren. Cum grano salis stimmt das; er bleibt ein Humorist, aber an Stellen wie dem Ottomar-Brief merkt man, dass der sog. Ernst des Lebens, der ein Bewusstsein vom Ernst des Todes einschließt, in seine Texte und sein Denken Einzug gehalten hat. Will Ottomar auch nicht willentlich sterben, so ist ihm die Sehnsucht des Sterbens nicht unnatürlich:

Ich sehnte mich nach nichts Großem mehr als nach dem Tode und vorher nach dem Herbst des Lebens und Alters, wo der Mensch, wenn die Jugend-Vögel verstummen, wenn über der Erde Nebel und fliegender Faden-Sommer liegt, wenn der Himmel ausgeheitert, aber nicht brennend über allem steht, sich entschlafend auf die welken Blätter legt.

Nun steht, das darf nicht vergessen werden, dieser Wunsch allerdings im Konjunktiv: nur für den Fall, dass er, Ottomar, etwas vergleichbar Großes wie Luther vollbringen würde. Da er es aber nicht tat und die Möglichkeit dieses Großseins nur sehr gering ist, bleibt der Todeswunsch rein hypothetisch – aber schon die Tatsache, dass von ihm die Rede ist, bezeichnet die Nähe des Depressiven zum erwünschten Jenseits. Im Hinblick auf die Vision aber, die Jean Paul im Vorjahr erlebt und im Tagebuch festgehalten hatte, gewinnt Ottomars dunkles, mehr oder weniger deutliches Raunen eine andere Färbung: denn da es gleichgültig ist, ob er heute, morgen oder übermorgen im Weltmeer verschwindet, wäre sein Tod eine quantité négligeable.

Tragik? Jean Paul gelingt es denn doch nicht, den Weltschmerz aus Ottomars Ansinnen herauszuholen, da der Weltreisende konstatiert, dass man auf der Erde „weiter nichts Gutes tun kann als in ihr liegen“.

Der Schwarzmaler kommentiert das Schreiben denn auch mit Begriffen, die die Lässigkeit des Schwarzenbacher Visionärs konterkarieren. Er bemerkt, „dass heute der erste Mensch in dieser Geschichte auf einem Berg begraben worden ist. Wenn ich nach vier oder fünf Sektoren von seinem abendrötlichen Tode rede: so werden schon die Züge seiner Gestalt bleicher und zerrissen sein, sowohl im Sarge als im Herzen der Freunde!“

Und die Folge, die Jean Paul am 15. November aus seiner Todesvision zog? „Daß ich die armen Menschen lieben soll, die sobald mit ihrem bißgen Leben niedersinken“? Der Romancier widerlegt die Absicht des Menschen Jean Paul. Im Werk bleibt er noch, das Pathos der „hohen Menschen“ abgezogen, – und glücklicherweise – der Satiriker der menschlichen Abartigkeiten. Er wird es bleiben bis zu seinem letzten Romanfragment, dem Komet. So vermengen sich die Theorie des Tagebuchs und die Praxis des Romanschreibens auf vielfältige Weise.

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[1] Ich vergesse den 15. November nie. Ich wünsche jedem Menschen einen 15. November.



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