Info
15.07.2013, 09:33 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
images/lpbblogs/logenlogo_164.jpg
Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [201]: Fürst Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg und ein Kommentar zum Kommentar

Der Fürst Kaunitz zog ihn einmal (wenns wahr ist) zu einem Souper und Ball, wo es so zahlreich und brillant zuging, daß der Greis gar nicht wußte, daß Oefel bei ihm gespeiset und getanzt.

Wir bleiben in Wien, der Kaiserstadt, der Stadt der Kaiserin. S'giiiibt nur a Käääiserstadt, s'giiibt nur a Wiiiien – „Ganz wie's im Liedl heißt“[1]. Was nun wieder wie eine latent sinnlose Assoziation des Wienologen und -philen Dr. Piontek anmutet, erweist sich bei genauerer Recherche als geradezu unheimliche Anspielung, denn:

S' gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien!, so heißt die  Polka, die Johann Strauss 1864 zur Uraufführung brachte[2]. Jean Paul war da schon lange tot, aber Straussens Meisterstück hängt direkt zusammen mit einem Walzerduett in einem Singspiel des Wiener Lustspieldichters Adolf Bäuerle: in Aline, das er zusammen mit dem Komponisten Wenzel Müller schrieb – auch er ist ein bekannter Name der Wiener Theatergeschichte schon der späten Mozartzeit –, finden wir das Lied Was macht denn der Prater. Sein Refrain aber lautet: Ja nur ein' Kaiserstadt, ja nur a Wien. Die Sache wäre für uns nicht weiter bemerkenswert, hätte Aline nicht im Oktober 1822 das Bühnenlicht (in der Leopoldstadt) erblickt.

1822? Genau – in diesem Jahr schrieb Jean Paul seine Entschuldigung, die er dem Roman voranstellte. Da war nun der Fürst Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg schon lange unter der Erde: der große Mann, der als Staatskanzler Maria Theresias in die europäische Geschichte einging. Er war nicht weniger als 42 Jahre der Superminister im Amt, bis er am 19. August 1792 resignierte. Jean Paul saß inzwischen im zweiten Jahr an seinem Roman – als er die Kaunitzstelle schrieb, die ganz kurz vor der Hälfte des Romans steht, hatte der Minister noch nicht das Amt verlassen, denn der Dichter beendete die Niederschrift bereits am 29. Februar 1792. Hätte er sie später beendet, hätte der Blogger schreiben können: „Mag sein, dass Jean Paul aus der Zeitung erfahren hatte, wer da in Wien zurückgetreten war – und dass er diese tagespolitische Information flugs zu einer satirischen Bemerkung zuspitzte.“ Auch möglich, dass die bevorstehende Abdankung Kaunitz' irgendwo diskutiert wurde. Kleine Beckmesserei: Kaunitz sei, lese ich im Kommentar, bei Erscheinen des Buchs noch im Amt gewesen.

Man soll sich einfach nicht auf Kommentare verlassen – jedenfalls nicht immer.

Kaunitz war übrigens ein kluger Bursche, der von Leopold II. zu Unrecht zurückgesetzt wurde. Seine Meinung, dass Preußen kein erstrangiger militärischer Gegner mehr sei und dass die revolutionären Franzosen umso mehr erstarkten, je mehr man sie angreife, haben sich als richtig erwiesen. Wir wissen ja, wie die österreichischen Abenteuer in Frankreich verliefen.

Wenn Oefel also stolz darauf ist, bei Kaunitz gastiert zu haben – dann hatte er völlig Recht.

-----

[1] Nur für Kenner: H.: D. R.

[2] Übrigens in Pawlovsk bei St. Petersburg, wo Johann Strauss mehrere Sommer die Olgas und Nikolais beglückte.

Verwandte Inhalte