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Gedichte aus „Gebrochene Koans“

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Die Schriftstellerin und Malerin Emma Andijewska in ihrer Wohnung (2008). Zwei der von Andijewska gezeichneten Bilder hängen an der Wand hinter ihr: "In der Badewanne" (links) und "Die beiden mit einem Tablett voller Früchte" (rechts).

Emma Andijewska wurde 1931 im heutigen Donezk, UdSSR, geboren. Die ukrainische Schriftstellerin und Malerin lebt seit 1943 vorwiegend in Deutschland, zurzeit in München. Die vorliegenden Koans entstammen ihrem 27. Lyrikband, der 2011 in Kijiw veröffentlicht wurde. Generell zeichnet sich ihre Lyrik durch formale Hermetik und Traumlogik aus, andererseits ziehen sich aufgeladene, emblematische Motive durch ihr Werk, die universalistische bzw. globalen Bildlichkeit und ukrainischen Kultur verbinden. „Koan“ bezeichnet einen paradoxalen Denkspruch eines Meisters des Zen-Buddhismus für seinen Schüler zur nichtrationalen Erkenntnis der Wirklichkeit. Wenn es dem Schüler gelingt, den Sinn des Gleichnisses jenseits der Vernunft zu entschlüsseln, erlangt er die Erleuchtung.

*

FREIE VERSE

 

Grüne Hütchen in der Luft.

Der Fluss eilt auf Krücken.

Und nur der Quell,

Mit dem Knie klopfend,

Singt ein Lied von der Freiheit.

 

***

 

Wo bist du, Barmherzigkeit?

Brunnen leuchten

Für Lebende und Tote –

Auf der Antenne singt eine Drossel.

Und hinter dem Horizont –

Unendliche Wüste

Erwartet eine weitere Karawane.

 

***

 

Die Schere schneidet das Blatt,

Land unter Wasser.

Wem schlägt die Stunde?

 

***

 

Dem Kreis fehlen Fenster.

Aber der Kern

Wird auch Tür

In dem Moment,

In dem das Innere

Sich befreit

Vom Gewicht.

 

***

 

Das Sein spricht

Am schlichtesten:

In der Sprache des Feuers, die am schwersten ist

Zu durchdringen.

 

***

 

Alles ist so einfach,

Dass es schwer ist.

Lachen. Apfel.

Ungebrochene Kette

Des Vorbeiziehens.

Nur das Scheinen

In allen Zellen.

 

***

 

Im Spalt zwischen Kopfsteinpflaster

Blüht roter Mohn.

Die Wirklichkeit hat

Eine ausgesprochen klare Artikulation,

Wenn auch nicht immer

Eine donnernde Stimme.

 

***

 

Tiefe Nacht.

Ein Fenster leuchtet.

Ein Ozean, der sich verwandelt

Zu Asche?

Oder ein einsames Herz,

Das schmerzt

Für die ganze Welt?

 

***

 

Einen Retter!

Schneller, noch schneller!

Und rundum – rot, schwarz, –

Rot.

 

***

 

Regen. Am Ufer –

Ein einsamer Reiher.

Und immer noch werden Gefangenen

Ihre Hände abgehackt.

 

***

 

Er war ein gewöhnlicher Mensch.

Und auf einmal ist oben unten

Und die ganze Welt steht Kopf.

Was ist nur mit dem Opa passiert?

Seien wir nachsichtig.

Auch ein betagter Mensch

Hat das Recht,

Sich zu verlieben.

 

***

 

Den Sand rieseln lassen

Aus einer Handfläche in die andere.

Wie jedes Sandkorn strahlt,

Das sich ans Bein schmiegt,

Flehend:

Nimm auch mich

An die Hand.

 

***

 

Brunnen,

Die bei Berührung verschwinden.

Jetzt ist so unendlich

Wie verbrannte Erde –

Im Rücken der Nomaden.

 

***

 

Leeres Glas.

Im Tabakrauch

Kommen und setzen sich

Umrisse des erträumten Lebens,

Entsandte der Finsternis

laufen hindurch,

Mit Sturmleitern.

 

***

 

„Nur ein bisschen ausweinen

Und alles wird gut.“

„Weh, weinen – hat

Die Kraft eines Taifuns!“

„Noch eine Flut!“

„Die Menschheit hat Schlimmeres gesehen.“

„Meine helle Welt, du bist nicht ganz!“

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Belauscht niemals

Die Gespräche

Zwischen Enzianen.

 

***

 

Farbe sprießt

Teelöffelweise,

Da wo der Regen vorbeikam

Und Hüte, Kappen und Hauben

Fortwehte.

Aber der Mensch nur in Gedanken

Über die Erfindung des Elixiers

Für ewiges Leben.

 

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Irina Bondas.