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06.02.2024, 10:01 Uhr
Andrea Heuser
Gespräche

Hate Speech, deutsch-jüdischer Mythos und mehr: Ein Gespräch mit Rolf-Bernhard Essig

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© Gudrun Schury

Im Anschluss an die Veranstaltung Jüdisches Bamberg – Stimmen aus den Jahrhunderten, über die das Literaturportal berichtete, führte die Redaktion Gespräche mit den Beteiligten dieser Lesung. Der Autor und Literaturkritiker Rolf-Bernhard Essig sprach mit uns u.a. über jiddische Lieblingswörter, literarische Vorbilder, seinen Weg zum Schreiben, die fehlende Disput-Kultur in Deutschland und den Mythos des deutsch-jüdischen Gesprächs.     

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LITERATURPORTAL: Lieber Herr Dr. Essig, bei der Veranstaltung „Jüdisches Bamberg – Stimmen aus den Jahrhunderten“ haben Sie Ihrem Publikum die jiddischen Worte in ihrer Etymologie, ihrer Bedeutung und Geschichte so wunderbar unterhaltsam, sagen wir mal, übersetzt. Besonders schön war ja die Ableitung des Wortes „schmusen“ von „Schmus“. Und daher lautet jetzt auch die Einstiegsfrage: Was ist denn Ihr Lieblingswort im Jiddischen?    

ROLF-BERNHARD ESSIG: Also, mein Lieblingswort aus dem Jiddischen ist „meschugge“. Als mein Großvater bei S. Fischer seine Bücher veröffentlichen wollte, da schrieb der damalige Lektor Moritz Heimann 1905 an den jüdischen Verleger Bruno Cassierer: Für S. Fischer sei Hermann Essig nichts, aber für Cassierer „meschugge genug“.

LPB: Ihr Großvater, der Schriftsteller Hermann Essig, war heute zumindest auch gedanklich im Namen "Essig" präsent. Nun haben Sie, sein Enkel, sich ja ebenfalls der Literatur zugewandt. Hat er Sie inspiriert? Wie stehen Sie zu ihm?

ESSIG: Mein Großvater hat einen großen Einfluss dadurch gehabt, dass sein Name auf den Buchrücken stand. Als Kind fand ich das faszinierend und dachte: Das möchte ich auch mal erleben. Es kam dann ein bisschen anders. Ich studierte und merkte: richtig belletristisch schreiben ist sehr schwierig und ich bring nur Mist zusammen. Ich kam zum Glück später darauf, dass Übung den Meister macht. Ja, und dann lernte ich meine Frau kennen, Gudrun Schury, die viel besser schreibt als ich, und die brachte mich dazu, dann auch bei einem Buch über Karl-May die Hälfte zu übernehmen und das schleuste mich dann ins Schreiben ein. 
Inspiriert hat mein Großvater mich in der Tat durch seine sehr eigenwillige Sprache – er bekam zweimal den Kleist-Preis, wenn auch beides mal geteilt. Martin Walser sagte einmal, die Essig-Sätze hätten ihn verhext. 

LPB: Und er war ein fleißiger Autor, der unablässig weitermachte, schrieb. Jakob van Hoddis sagte einmal im Zusammenhang mit Essigs Roman „Die Glückskuh“ über ihn: Hermann Essig liebe die Frauen viel zu sehr, um sie zu idealisieren. Das ist ein sehr schönen Satz … 

ESSIG: (lacht) Ja, im Gegensatz zu Strindberg sagte Jakob van Hoddis, würde er, Essig, die Frauen als die bewussteren Tiere bezeichnen und beschreiben. Hermann Essig war jedenfalls ein sehr unverschämter Schreiber, was dazu führte, dass er oft verboten wurde. Aber diese drastische, derbe Art Menschen zu beschreiben, die zeichnet ihn aus. 

LPB: Jetzt aber zurück zu Ihnen und Ihrer Arbeit: Gibt es denn etwas in Ihrem kreativen Tätigkeitsfeld, was Sie wiederum zu sehr lieben, um es zu idealisieren?

ESSIG: Idealisieren ist für mich eines der Register an der Orgel der Sprache. Warum sollte ich mir verbieten, dieses Register zu verwenden? Ähnlich wie das Pathos, das sehr in Misskredit geraten ist, finde ich, dass die Idylle oder das Idealisieren, das Stilisieren mit zur Literatur dazu gehören. Natürlich, bei Romanen, die eine Transparenz auf das biographische Ich haben, da sollte man nicht idealisieren.

LPB: Stimmt … Nun sind Sie ja heute mit Franz Tröger zusammen aufgetreten und haben auch gesungen. Was bedeutet die Mündlichkeit für Sie? Oder anders: welche Mittel hat die Mündlichkeit, die der Schriftlichkeit, der geschriebenen Literatur vielleicht fehlen?

ESSIG: Hm. Für mich sind das keine Gegensätze. Es gibt Schriftlichkeit, die unerhört mündlich ist. Felicitas Hoppe schreibt zum Beispiel so, als riefe sie es einem zu. Gleichzeitig ist es hochliterarisch und schriftlich. Für mich gehört es auch also wieder zu der Wahl der Mittel. Was möchte ich denn jetzt erreichen? In dem aktuellen Buch über Märchen ist mir zum Beispiel klar, dass Märchen danach verlangen, auch erzählt zu werden. Und dieses Erzählen ist mir sehr lieb. Und auch in meinem Programm „Der Humor der Weltreligionen“ ist das Erzählen eine der besten Methoden, um diesen Humor, diese Zwischentöne nahezubringen. 
Im Bamberg gab es ja den Autor Hans Wollschläger, der sagte: er vermisse die Partitur für die Sprache, die geschrieben wird. 

LPB: Ja, das ist sehr schön gesagt: eine Partitur der Sprache … Aber auch die Aufführungssituation an sich ist ja ein Aspekt. Gibt es trotz des fixierten Programms Momente, die Sie da bewusst dem Publikum anpassen? So nach dem Motto: das dehne ich jetzt mal aus, das streiche ich lieber? Gibt es solche Momente auf der Bühne für Sie?

ESSIG: Es kommt auf die Rolle an. Das Aptum ist entscheidend. Heute war ich Teil einer Gruppe von Menschen, die ja zusammen etwas aufführten. Wenn ich alleine auftrete oder mit Franz Tröger, ist das natürlich etwas ganz anderes. Dann gibt es zwar eine set list, aber dann bin ich natürlich freier. Es ist immer gut, wenn man sehr gut vorbereitet ist, alles zu vergessen und vor allem auf das Publikum einzugehen. Wenn die Stimmung sich ändert, dann muss sich auch die Darbietung verändern, manchmal angepasst werden. 
Zum Beispiel: Franz Tröger und ich haben einen Schlager geschrieben. Bei dem einen Publikum kam das sofort ganz toll an und sie haben gelacht, weil sie es nur als Parodie verstanden haben. Kurz darauf waren wir an einem anderen Ort mit demselben Schlager und am Ende war es hier fast wie in Schillers Ballade „Die Bürgschaft“: Da blieb kein Auge tränenleer, weil sie die Tiefe des Gefühls darin sahen und keinerlei Parodie. Und das ist die Aufgabe des Künstlers: sein Ohr immer am Publikum zu haben. Und gleichzeitig aber, wenn‘s geht, sich selbst reflektiert zuzuhören.

(c) Literaturportal Bayern

LPB: Weil Sie gerade von der Aufgabe des Künstlers sprechen: Jetzt war ja der thematische Anlass der Veranstaltung ein ganz besonderer. Und vor dem Hintergrund, den wir jetzt gerade haben, nach den Terror-Anschlägen der Hamas, hat so eine Veranstaltung zu jüdischen Stimmen ja auch einen ganz besonderen Echo-Raum. Wie ist das in diesem Zusammenhang mit der Kunst, der Aufgabe des Künstlers? Kann Kunst etwas dazu beitragen, zur besseren Kommunikation in schwierigen Zeiten oder sollte sie sich da raushalten? Wie sehen Sie das?

ESSIG: Immerhin tun wir vergleichsweise wenig Schaden anrichten. Das ist nicht so wenig …

LPB: … ja, weil ja permanent Schaden passiert …

ESSIG: Ich bin ganz sicher, dass es unsere Aufgabe ist, als Künstler, aber auch als Menschen, als Wissenschaftler, der ich ja auch bin, dass wir ein Gespräch in Gang halten. Und dieses Gespräch ist seit einiger Zeit massiv gestört. 
Beispiel Truffaut: In der privaten Auseinandersetzung war es ihm ganz wichtig, den Anderen als Künstler zu achten und Argumente in einer fast polemischen, aber eher streitbaren Weise des Disputes auszutauschen. Das hört man immer wieder, dass in Frankreich der politische Diskurs häufig zum Disput wird, ohne dass die Leute nachher beleidigt sind und nicht mehr miteinander sprechen können.

LPB: Anders als hierzulande … 

ESSIG: Ja. In Frankreich ist diese „Disput-Kultur“ eben lebendig geblieben. Klar ist sie gefährdet, wie überall. Aber ich finde das so wichtig. Zum Beispiel jemand nicht einfach nur als rechts zu bezeichnen, wenn ich doch meine, er ist Faschist. 
Das rechte Spektrum gehört einfach zur demokratischen Kultur dazu. Ich finde das verteidigenswert. Nicht dieses Pauschale, was den 68ern unterlaufen ist und vielen anderen auch: den Gegner zu entmenschlichen, zu „vertieren“, ihn zum Hassobjekt zu machen. Und das ist dann natürlich unsere Aufgabe als Künstler und Intellektuelle: dass wir versuchen, die Kanäle offen zu halten um einen Austausch zu ermöglichen. Um auch dem Gegner immer auf Augenhöhe zu begegnen. 

LPB: Interessant hier in diesem Zusammenhang, das Wort „Gegner“. – Würden Sie sagen, dass ein Gespräch unter Gegnern denn möglich ist?

ESSIG: Definitiv. Gegner sind ja etwas Gutes. Arno Schmidt zitierte mal den schönen englischen Satz: „I love a good hater.“ Wir haben verlernt, kraftvoll miteinander zu sprechen.  

LPB: Das ist ja auch eines der Themen, zu denen Sie arbeiten …

ESSIG: Ja, eine Ausstellung von mir heißt: „Potzblitz. Vom Fluch des Pharaos bis zur Hate Speech.“ Darin versuche ich natürlich, die negativen Aspekte zu beleuchten. Aber eben auch eine Lanze für eine kraftvolle Sprache zu brechen. Denn das kann, wie Karl Krauss beispielsweise oder Alfred Kerr das für damalige Zeiten so schön zeigten, das kann ein großer Genuss sein. Da ist ja Sprachmacht dahinter. Johann Fischart könnte man da genauso nennen … Es gibt eine schöne Tradition, wenngleich nicht so reich und ausgeprägt wie im Französischen oder Englischen, auch der deutschen Polemik. Das ist etwas ganz Wichtiges. Und Gegner gehören für mich dazu. Wie ein deutsches Sprichwort so schön sagt: „Zwei harte Steine mahlen selten reine.“

LPB: Beim „Gegner“ steckt ja zumindest assoziativ das Wort „gegen/gegenüber“ drin. Kann der Gegner also auch ein Gegenüber sein? 

ESSIG: Ja. In einer Disput-Kultur wäre das so …

LPB: … und von dieser Tradition haben wir uns stark abgeschnitten. Die Satire in Deutschland, ihre Träger haben oft das Problem missverstanden zu werden.

ESSIG: Hm. Ja. Wobei ich sagen muss, ein bisschen Memmenhaftigkeit ist dabei. Wenn ich verboten werde – Gut, das geht an meinen Geldbeutel, dagegen sollte ich vorgehen. Oder wenn ich mich einer Hasskampagne ausgesetzt sehe, die bis zur Tätlichkeit geht oder ins Berufsverbot führt. Das ist völlig klar, dass das existentiell ist und man dagegen vorgehen muss. Wenn mich aber eine Welle von Widerspruch trifft, dann sollte ich mir klar sein: ich war wohl wirkungsvoll. Recht wahllos und ohne gute Begründung Veranstaltungen abzusagen, wie es immer wieder geschieht, ohne Mut, Widerspruch auszuhalten, halte ich für übertrieben ängstlich. Ich glaube, mit offenem Visier zu kämpfen wäre effektiver.

Übrigens – und in jeder Sprache gibt es Militarismen – die verbale Auseinandersetzung, die darf viel härter sein als viele denken. Und man muss dann nicht gleich nach dem Kadi rufen, sondern erst mal versuchen in einem ja auch harten Auseinandersetzungskampf zu sagen: Wer bist du denn überhaupt, dass du so auftrittst mit diesen Ansichten? Sind wir nicht in einer Gesellschaft, in der das zu sagen erlaubt sein muss? Und ich tue das. Oft sind die medial geführten Gespräche leider nur so unterkomplex.

Ich habe zum Beispiel in einer Ausstellungseröffnung das Wort „Neger“ verwendet; in einer ganz klaren Einbindung natürlich. Darauf wurde mir bedeutet, das entspräche nicht der Kultur des Hauses, selbst wenn es in einer metasprachlichen Weise zitiert würde. Ich müsste „das N-Wort“ sagen. Als würde nicht im Kopf genau deswegen dann ein Wort erscheinen. Und das führt ja eben dann zu sehr seltsamen, teilweise skurrilen Dingen. So wird das „Schwarzfahren“ inzwischen von einigen Verkehrsbetrieben nicht mehr erwähnt in den Vorschriften, weil es eine rassistische Bezeichnung sei. Aber was ist denn dann mit „schwarzen Zahlen“? 

LPB: Und dem „schwarzen Schaf“?

Aber gut. – Kommen wir zum Schluss: Gershom Scholem hat gesagt, das deutsch-jüdische Gespräch – wo wir gerade über Gegner, Gegenüber und Dispute gesprochen haben – dieses Gespräch sei ein Mythos. Weil zu einem Gespräch zwei gehören, die einander zuhören und erwidern. 
Jetzt haben wir heute über das jüdische Bamberg, jüdische Stimmen in Bamberg gesprochen. Juden und Nichtjuden kamen auf der Bühne zu einem Gespräch zusammen. Das ist heute. Hat sich da etwas entwickelt? Oder würden Sie sagen: Scholem hatte recht. So ein Gespräch gibt es nicht?

ESSIG: Gershom Scholem ist ja einer, der sehr klug war. – Und wenn er schreibt, das deutsch-jüdische Gespräch ist ein Mythos, dann tut er das mit Fleiß. Wer darin nur sieht, das sei eine Lüge, der versteht den Mythos nicht. 
Mythos ist ja ein außerordentlich reicher Begriff. Er meint Geschichte, Erzählung, den göttlichen Raum, in dem eine Tradition entsteht. Und natürlich wollte er damit klarmachen, dass hier etwa stilisiert wird. Aber sicher hätte er es existent wissen wollen. 

Ein Gespräch zum Beispiel wie zwischen Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing war natürlich kein Gespräch zwischen Gleichberechtigten. Innerhalb von Preußen und seinem seltsamen Klassensystem, in das die Juden eingeteilt wurden, war Mendelssohn nur ein Jude „dritter Klasse“. Deswegen konnte es schon nicht gleichberechtigt sein. Und wenn dann noch Lavater ihm in einem polemischen Brief zum Übertritt ins Christentum rät, dann ist das natürlich ganz und gar nicht gleichberechtigt. 
Oder wenn Franz Kafka mit christlichen Kollegen, die das Jüdische überhaupt nicht richtig kannten, sprach, dann ist das natürlich nicht wirklich von gleich zu gleich. Wobei man sagen muss, dass in der Selbstbezeichnung der Juden als dem auserwählten Volk auch eine Abgrenzung den anderen gegenüber liegt. Es ist da ein gewisser Stolz, der der Religion inhärent ist. Es gibt da ein sehr gutes Buch von Arthur Hertzberg: „Wer ist Jude?“   
Also: ja, es ist ein Mythos. Aber ein Mythos kann ja gerade wegen seiner Möglichkeitsform etwas bedeuten. Worauf wir hinarbeiten könnten.

LPB: Dass es eben kein Mythos bleibt …

ESSIG: Ja, und was ist mit gleichwertigen Freundschaften? Diese Idee: Ich möchte mich mit dem Judentum etwas mehr beschäftigen, als dass ich weiß, was Hanukkah ist, ist ja auch anstrengend. Wer kann denn bitte schön hebräisch? Oder wer kann Jiddisch? Obwohl das ja Sprachen sind, die auch bis zum Nobelpreis geführt haben. Diese Art von Gleichberechtigung wurde bis heute nicht erreicht.

LPB: Also, wir können sicherlich sagen: dies hier war ein Gespräch. Vielen Dank dafür!

ESSIG: Ich danke Ihnen.