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04.10.2012, 12:36 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [7]: Über Weltleute, Holländer, Fürsten, Buchbinder etc.

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Mit solchen Aphorismen kann man(n) leben, auch wenn's um den Tod geht: „Ich fürchte mich vor nichts mehr als vor dem Tode, nur aber nicht vor meinem eignen, sondern vor dem Tode der Geliebten.“ Ein Höfer Jean-Paul-Gedenken der schönen Art, die uns, nebenbei, auch an den großen Tierliebhaber Jean Paul erinnert. (c) Frank Piontek

Und so geht es polemisch weiter: gegen die oberflächlichen „Weltleute“ (die schwer ironisch abgeurteilt werden, als sei er, der Autor, selber so ein Weltmann, aber er beharrt darauf, dass die „Tugend“ etwas ist, was dem Schriftsteller keinesfalls mangeln dürfe), die geschäftstüchtigen „Holländer“ (mit denen Jean Paul die Deutschen meint), die „Fürsten“ (die über der Lektüre seines Romans einschlafen werden), die säumigen „Buchbinder“ (die dem Leser das Lesevergnügen verzögern), das „Einbein“ (den Autor des Vorredners), über, besser: gegen das zu schreiben sich für sich selbst natürlich nicht lohnt, gegen die „Höfer“, die Einwohner einer „betagten und bejahrten Stadt“, die dem Einbein diesen „anti-epischen“ Namen gaben. Jean Paul ein „Einbein“? Ein Mann mit einem kurzen linken Bein? Vergleicht er sich da nicht dem satirischen Teufel, dessen Papiere er auswahlweise zum Druck gegeben hatte? Die Vorrede atmet den Geist der „satirischen Essigfabrik“: bis hin zum Schlaf, den er den Hofern wünscht, die ihn, so meint er das wohl, sowieso nur verschlafen würden.

Er hat, zusammengenommen, acht Jahre in der Saalestadt gewohnt, hielt aber kaum etwas von diesem illiteraten Volk. Zur Strafe haben sie ihm vor ein paar Jahren einen, genau genommen: einen ganzen und einen bruchstückhaften Wanderweg und ein Café, auch Schaufenstersprüche gewidmet, es gibt auch ältere Gedenktafeln; nur im Vogtländischen Museum schaut es noch etwas düster aus mit dem Jean-Paul-Gedenken (ein Zwischenstöcklein für ein knappes Jahrzehnt eines weltberühmten Schriftstellers!). Mal schauen, was das Jean-Paul-Jahr für und von den Höfern bringt. Es wäre schön, wenn man ihn dann nicht zwischen den Stockwerken suchen müsste – aber vielleicht gehört er ja dahin. Vielleicht ist dies der ehrlichste Platz für einen Mann, der hier, wie er bekannte, das Meiste gelitten und das Beste geschrieben habe. Schließlich war er nie „einer von ihnen“, man muß nichts und niemanden zwanghaft eingemeinden.