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03.05.2013, 14:11 Uhr
Evelyn Reiter
Spektakula

Lesung zu Jean Paul an der Bayerischen Staatsbibliothek mit Gunnar Och und Christoph Grube

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Publikum im Fürstensaal der Bayerischen Staatsbibliothek. (© Literaturportal Bayern)

Die Bayerische Staatsbibliothek existiert seit über 450 Jahren: Als im Jahr 1843 das Gebäude der Bibliothek fertig gebaut wird, ist zugleich ein großer Teil des Projekts einer Prachtstraße vom Odeonsplatz bis zum Siegestor vollendet. Der Gesamtbestand der Bibliothek beläuft sich heute auf knapp 10 Millionen Bände, wobei jedes in Bayern gedruckte Werk in zwei Ausfertigungen an die Bayerische Staatsbibliothek abgegeben werden muss. Die Aufrechterhaltung dieses riesigen Wissenschaftsbetriebs bedarf eines enormen Verwaltungsaufwands und vieler Mitarbeiter.

Das, was hier systematisch und im großen Rahmen betrieben wird, kann man sich auch um ein Vielfaches kleiner vorstellen, als eine Sammlung von persönlich notierten, wissenswerten Dingen. Einer der größten bayerischen Dichter pflegte ein solches Sammelsurium von Exzerpten aus verschiedensten Büchern und zehrte Zeit seines Lebens für sein literarisches Werk daraus – Jean Paul, für manche versponnen, für andere ein Faszinosum, erschrieb sich von Kindesbeinen an eine eigene Bibliothek mit zahllosen Heften.

An diesem Mittwoch versammelte sich ein interessiertes Publikum zu Ehren Jean Pauls im Fürstensaal der Staatsbibliothek. Die Einführung zur Lesung „Jean Paul – Weltverlachung und entgrenzte Liebe: eine Hommage zum 250. Geburtstag des Dichters“ gab der Leiter der Abteilung für Bestandsaufbau und Erschließung 3, Klaus Kempf. Er wies auf Jean Pauls späte Liebe zu München hin und stellte die geladenen Gäste vor: Gunnar Och, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und Christoph Grube, Sprecher und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Augsburg.

Die Veranstaltung entwickelte sich in einem wechselnden Turnus: während Gunnar Och aus der Biografie Jean Pauls kommentierte, las Christoph Grube Passagen aus Jean Pauls Werk. Och fing logischerweise zunächst mit der Geburt an. Aber nicht mit der Geburt Jean Pauls, sondern mit der Geburt Goethes. Würdevoll schildert dieser in Dichtung und Wahrheit seinen ersten „Auftritt“ in die Welt, beschreibt die Konstellation der Planeten in jenem Augenblick und malt ein Bild von kosmischer Größe. Jean Pauls Rückblick auf seine Geburt in der Selberlebensbeschreibung parodiert dagegen Goethes Pathos.

BA/ES-Abteilungsleiter Klaus Kempf (links) führt die Teilnehmer der Veranstaltung ein: Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Gunnar Och (Mitte) und Sprecher Christoph Grube (rechts). (© Literaturportal Bayern)

Für Och ist Jean Pauls Ton aber nicht nur Parodie, sondern auch Hinweis auf die verschiedene Abstammung beider Dichter. Ein Beispiel für Jean Pauls Lebensumstände bietet die Beschreibung seines Großvaters in der Selberlebensbeschreibung, eines Rektors, der nur von Bier, Brot und in frömmster Zufriedenheit leben konnte. Jean Pauls Vater wiederum erlangte eine Pfarrstelle und nahm die Ausbildung des Sohnes selbst in die Hand:

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Seine Beobachtungen des Lebens in der Provinz und seines Großvaters und Vaters führten zur Entstehung jener Werke wie Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal, Leben des Quintus Fixlein und Der Jubelsenior. Als Jean Paul das Gymnasium in Hof besuchte, starb sein Vater, was die Familie in große materielle Bedrängnis stürzte. Kurz darauf begann Jean Paul zu schreiben. Das erste größere Werk, ein Briefroman, ist eine Nachahmung von Goethes Die Leiden des jungen Werther und noch weit von dem speziellen Blick und der Sprache entfernt, die später sein Werk prägen sollten.

Im weiteren Verlauf der Lesung wies Och darauf hin, dass Jean Paul sich in seinen späteren Jahren bewusst dazu entschied, sein Leben im familiären Kreis in der Provinz einzurichten. Im schönen, aber kleinen Bayreuth lebte er mit seiner Ehefrau, Karoline Richter, und den vier gemeinsamen Kindern. Auf die Besucher, die zum Dichter und dessen Familie kamen, wie z.B. den Schriftsteller August Lewald, wirkte er befremdlich.

Nach zwei erschütternden Verlusten, dem Tod seines Sohnes Max und dem des Freundes Heinrich Voß, arbeitete Jean Paul dann an Selina oder über die Unsterblichkeit. Das Werk blieb – nach dem Tod des Autors im Alter von 62 Jahren – jedoch unvollendet. Gunnar Och schlug den Bogen zurück zu Jean Pauls Studienzeit in Leipzig und ging der Frage nach, warum Jean Paul ein so erfolgreicher Schriftsteller seiner Zeit werden konnte. Er führte dies auf Jean Pauls unbändigen Drang zur Selbstbehauptung und auf dessen außergewöhnliches Selbstbewusstsein zurück, das gerade in den Studienjahren nicht zu brechen war:

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Wechselnder Turnus: Prof. Dr. Gunnar Och und Christoph Grube während der Lesung. (© Literaturportal Bayern)

In dieser Zeit war Jean Paul auch literarisch tätig und wählte ein Genre, dem er viele Jahre lang treu geblieben ist: die Satire. Hier ergoss sich seine allgemeine Verachtung für die Gesellschaft, hier prangerte er Missstände wie die Zensur oder den Soldatenhandel an, mit dem Ziel einer „gesellschaftlichen Therapie“. Erschwert wird deren Verständnis durch eine vielfache Verschlüsselung, einen „gequälten Witz“, wie Och es nannte. Kein Wunder also, dass Jean Pauls erstes großes veröffentlichtes Werk, die satirischen Skizzen Grönländische Prozesse, keinen Erfolg hat verzeichnen können. Umso erstaunlicher, dass er zu dieser Zeit die Vorstellung hegte, als freier Schriftsteller leben zu wollen. Erst 1789 erschien eine weitere große Satiresammlung, die Auswahl aus des Teufels Papieren, in der neben Jean Pauls satirischem Ton auch erste empfindsame Einflüsse herauszuhören sind.

Nach zehn Jahren verschob sich der Akzent schließlich in Jean Pauls Werk. Er schrieb zwar weiterhin mit satirischem Unterton, doch dominierten jetzt Empfindsamkeit und Gefühl. Der Grund dafür ist in dem innerhalb weniger Jahre erlittenen Verlust seines Bruders und zwei seiner engsten Freunde zu suchen. Am 15. November des Jahres 1790 notierte Jean Paul in sein Tagebuch, er habe den Tod gespürt. Am nächsten Tag tröstete ihn der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Seine Suche nach Antworten auf Glaubensfragen kam an ein Ende, und er löste sich von der Vorstellung eines mechanistischen Weltbildes. Aus diesem Dilemma heraus entstand die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei:

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Mit dem Roman Hesperus hatte Jean Paul einen außergewöhnlichen Erfolg, wobei die Verkaufszahlen des Romans mit denen der Leiden des jungen Werthers konkurrierten. Im Roman Flegeljahre sah Gunnar Och dann einen besonderen Selbstausdruck Jean Pauls. Die darin vorkommenden Zwillinge Walt und Vult könnten unterschiedlicher nicht sein: Walt ist die empfindsame, fantasievolle, Vult die satirische, nach Freiheit strebende Figur. Bis zum Ende des Romans kommt es zu keiner Annäherung; Walt bleibt seiner Weltblindheit, Vult seinem Welthass verhaftet. Doch in beiden Positionen könne der Leser Jean Paul wiedererkennen.

Dementsprechend gegensätzlich wurde die Lesung mit einer weinenden Figur und einem lachenden Publikum beendet, mit der Testamentsvollstreckung des Herrn Van der Kabel aus Jean Pauls Flegeljahre.

 

Die Lesung ist als Hörbuch erschienen. Wenn Sie diese CD bestellen möchten, schreiben Sie bitte eine Mail an mail[AT]christophgrube.de mit dem Stichwort „Jean Paul CD“ oder verwenden Sie einen der unten angegebenen externen Links.