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10.04.2013, 12:01 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [124]: Es kostet Zeit, Jean Paul zu begreifen

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Über ein Himmels-Augenpaar vergess' ich alle benachbarte Reize und alle benachbarte Fehler und den ganzen Benda, wie er ist.

Lieber Leser, ich weiß, du bist furchtbar ungeduldig, du würdest gern wissen, wie es weitergeht mit Gustav und mit Beata, du würdest auch gern mit mir den langen, langen 18. Sektor verlassen – aber es geht nicht. Es ist unmöglich: schneller geht es einfach nicht, denn die köstlichen, spitzen Steine, an denen der Blogger sich stößt, werden nicht weniger, ja: er hat noch das Gefühl, viel zu schnell voranzuschreiten, um nur ja in irgendeiner definierbaren Zeit mit dem Roman, dem unvollendeten, an ein vollendetes Ende zu gelangen – aber es klappt nicht. Schnelle Lektüre wäre der Tod des Unternehmens. Schnelles Dahingleiten über die Tiefen und Untiefen der Textur wäre ein Verbrechen gegenüber dem Texturer. Rasches Lesen, noch dazu stundenlanges, würde so viel ungeahnt, unbegriffen, ungelesen in strengstem Sinne, hinter sich lassen – und man soll den Autor doch verstehen. Ich weiß ansonsten nicht, wie das gehen soll: einen Text von Jean Paul zum ersten Mal lesen und ihn, die Sätze nicht wiederholend, die Formulierungen nicht geduldig durchkauend, begreifen. Wie viel Vergnügen muss man sich – ohne Not – selber rauben, wenn man ihn durcheilt, um ihn so schnell zu lesen, wie er wohl geschrieben wurde – denn ich stelle mir den Dichter in seiner Klause vor, wie er mit vergleichsweise großer Geschwindigkeit die Feder über das Papier führt, weil sein prall gefülltes Hirn ihn zum Schreiben provoziert, weil die Worte nach draußen müssen, weil er – in einem schier unbegreiflichen Akt, den man, denke ich, als einen genialen bezeichnen muss – nicht anders kann als Worte auf Worte, Metaphern auf Metaphern häufen. Fragen wir doch mal die Schnellleser nach einem Jahr – sollte es sie geben: Werden Sie den Roman noch einmal lesen? Was werden Sie noch wissen? Können Sie sich an die Erwähnung Bendas erinnern? Nein, nicht? Dabei ist auch das wichtig, wo vielleicht nichts unwichtig ist, wo alles, alles eine gute, unauflösbare Einheit bildet, die aus dem angeblich missglückten Erzählungsgewusel eine kompakte Einheit „an sich“ unvereinbarer Details, Anspielungen und Abschweifungen macht. Versuchen wir nur, die Probe aufs Exempel zu machen: Schneiden wir ein bisschen aus der Textur heraus, entfernen wir einige Mosaiksteinchen aus dem Mosaikgemälde: das Bild wird zum Fragment, das wir unmöglich ergänzen können, da die Buntheit des Gesprenkelten, die Varietät des Gemalten, der Ton des Eingefärbten nicht mehr rekonstruierbar ist. Für „Jean Paul“ und Jean Paul selbst war es dies schließlich auch nicht. Er machte sich ja – darin minderen Autoren wie Heimito „dem Schrecklichen“ unvergleichbar – bei diesem Roman keine Grundstruktur zurecht, zeichnete nicht pro forma auf, wie die Geschichte genau zu verlaufen habe, bevor er sie erzählte. Dies eben ist der Spaß an der Geschichte, die uns den Erzähler und Autor so nah bringt: als lebte er hier, als spräche er zu mir, die Gedanken und die Erzählung beim Reden entwickelnd, hier, in diesem Raum, neben dieser Schreibmaschine, in meinem Lesesessel, in dem ich nicht lang, aber bewusst sitzen sollte, in dem ich mir, gegen allen Geschwindigkeitswahn, die Muße gönne, über drei Zeilen ein paar Minuten nachzudenken. Was sind schon ein paar Minuten gegenüber der Ewigkeit? Und also folgt daraus: Lest ihn langsam. Nehmt ihn wahr. Versucht ihn en detail zu begreifen – in aller Langsamkeit. Auch die Schnecke kommt an ihr Ziel – und sie hat sehr, sehr viel Landschaft gesehen, mehr als das Raubtier, das mit 120 km/h durch die Gegend prescht.

Wir sind also noch nicht am absoluten Ende des 18. Sektors angelangt, auch wenn wir nach 18 Seiten gern den nächsten aufschlagen würden. Es war die Rede von den scheerauischen Molukken, Dr. Fenk und „Jean Paul“ haben uns erklärt, wieso die Abschweifung auf Herrn Röper keine war, auch nicht der breite Hinweis auf den Legationsrat Oefel. Der Freund des Erzählers wird, in seinem öffentlichen Zeitungsartikel, der eine eigene Art von Publizität offenbart, auch in Bezug auf den Freund persönlich. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit hat auch in Scheerau Platz gegriffen, denn der Hofmeister, der die junge Beata unterrichtet, gerät plötzlich in den Mittelpunkt einer empfindsamen Erzählung. Er wünscht sich, dass er, der Freund, „Beatens Finger heute an unrechte Finger mehr als auf die rechten Tasten drückte“.

Die Formel bleibt unklar: wieso ist hier die Rede von „unrechten“ Fingern? Da doch die „rechten“ Finger die des Freundes wären, der da gerade neben Beata auf der Klavierbank sitzt oder hinter ihr steht? Da doch „Jean Paul“ in seine Schülerin verliebt ist? Meint Fenk einfach, dass die unrechten Finger die linken seien – so wie die unlinken die rechten sind? Die Stelle bleibt seltsam; klar aber ist, dass „Jean Paul“ dann sagen würde: „Ohn' ein schönes Auge geb' ich für alles Schöne nicht einen Deut, geschweige mich, aber über ein Himmels-Augenpaar vergess' ich alle benachbarte Reize und alle benachbarte Fehler und den ganzen Bach und Benda, wie er ist, und meine Mordanten und die falschen Quinten und weit mehr.“

Bach war ein Meister der musikalischen Empfindsamkeit, wir sind ihm schon mehrmals begegnet. Benda: das ist Georg Anton Benda. Theoretisch könnte auch sein Bruder Franz Benda gemeint sein, der schöne Violinkonzerte schrieb und traditionell zwischen dem musikalischen Spätbarock und der sogenannten Klassik eingeschachtelt wird (in Jean Pauls letzter Wohnstadt hat sich vor wenigen Jahren die Deutsch-Tschechische Gesellschaft an diesen bemerkenswerten Musiker erinnert). Nein, Dr. Fenk spielt auf Georg Anton an, dessen Melodramen auch heute noch bekannt sind. In Bayreuth war vor nicht allzu langer Zeit, im Gefolge der Nürnberger Gluck-Opernfestspiele, seine berühmte Medea zu erleben. Martina Gedeck agierte in einem der bedeutendsten Melodramen der Musikgeschichte, in Georg/Jirí Anton/Antonin Bendas Medea, das auch Mozart zu eigenen bedeutenden Melodramen inspirierte. Die Geschichte der „unglücklichen Medea“, der Kindermörderin und vergeblich verzweifelt liebenden Frau, der Verstoßenen und Hassenden, diese Geschichte ist aktuell; man muss nur die Zeitung aufschlagen, um gelegentlich modernen Medeen zu begegnen. Die Sprache des Melodramas ist es nicht, aber Friedrich Wilhelm Gotters Text trägt die vertieften seelischen Bewegungen bruchlos in die Gegenwart. Die Kombination aus Ton und Wort hatte tatsächlich immer noch „herrlichste wirckung“, wie Mozart schrieb. So saß sie dort, versunken in ihrem Schmerz, raffte sich – und ihr schönes schwarzgoldenes Gewand – auf, erinnerte sich an vergangene Leiden und brütete zukünftige Untaten der Verzweiflung aus. So rauschte sie ab, die Tötung der Kinder erfolgte im Off, so kehrte sie, böse triumphierend, nun vor allem in zart durchsichtigem Gold gewandet, wieder. Noch das Grausen kennt bei Benda süßeste, schönste Töne – und der Zuschauer dachte, ganz im Stil des 18. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Empfindsamkeit: „Oh, wie ist sie schön, und wie schön ist noch ihr Leiden“, ein Leiden, das noch unmittelbar packte, bannte und konzentrierte.

Im 51. Sektor wird Jean Paul auf Benda und auf die Medea zurückkommen, wenn er bemerkt, dass „bisher so viele poetische Flickwerke (z.B. die Medea) der Anlass zu musikalischen Meisterwerken waren“. Um die Stelle zu begreifen, müsste man sich also das Melodram ins Haus holen, es gibt ja genug Aufnahmen. Die bloße Lesung des Namens reicht einfach nicht aus, um zu begreifen, was genau Dr. Fenk da gerade meint: wenn „Jean Paul“ sogar die Melodramen Bendas und die Musik des großen Bach vergisst, wenn er in Beatas Augen schaut, muss der Augen-Blick äußerst überwältigend sein. Natürlich „versteht“ man auch so, was gemeint ist, die sogenannte Liebe ist eben eine Himmelsmacht, die zuweilen alles andere, selbst das Schönste, bedeutungslos macht – aber wer niemals Bach oder Benda gehört hat, begreift an dieser Stelle nicht wirklich, was Jean Paul meint.

Wie auch? Es kostet ja Zeit, Jean Paul zu begreifen – und ihm, aus der Distanz von über zwei Jahrhunderten, gerecht zu werden. Die Melodramen Bendas könnten ein gutes Mittel sein, ihm nahe zu kommen, aber, wie gesagt: im Hopplahopp geht so etwas nicht. Glücklicherweise.



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