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21.02.2013, 13:14 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [92]: Und immer noch treibt der Dichter durch Paris und darüber hinweg

Giannozzo/Jean schwebte auch über Paris: heute noch in der Metro Bastille, die an jenes Ereignis erinnert, das der Dichter auch in der Unsichtbaren Loge reflektierte. (Fotos: Frank Piontek, 12.2. 2013)

Voilà: ich begegne ihm auch in Paris – dem Luftschiffer Giannozzo, der ja nichts anders ist als ein italienisierter Jean. „Jeder Minister, jeder Generalissimus in Rom oder Paris hat Haare über dem Augenknochen, an deren einem Länder über den Abgrund hängen“, schreibt der Luftschiffer in sein Log- und Tagebuch, seine cahiers, seine feuilletons du air. Auch Giannozzo war einmal in Paris; er weiß, wie es da zuging. Zusammen mit „Bruder Graul“, der uns über den armen Abgestürzten Bericht erstattet, hat er dort „chemische Nächte“ veranstaltet (während andere ihre revolutionären Granaten bauten).

Ich sehe ihn also auch in Paris: da schwebt er an der Bastille in seinem Luftschiff über die Erde. Das heißt: ich sehe ihn auf der schönen langen Kachelwand, die die Metrostation Bastille ziert, und ich erblicke ihn in einem Führer durch die Tuilerien. Die Graphik zeigt den aerostatischen Globus der Herren Jacques Alexandre Céesar Charles und Nicolas Louis Robert, der am 1. Dezember 1783 den Garten überflog und schließlich bei L'Isle Adam niederging. Der bekannte Monsieur Blanchard stieg erst im folgenden Jahr von Paris aus in die Lüfte. Die Montgolfière hatte allerdings schon am 19. September 1783 ihre Premiere (in Versailles) erlebt. Sie schweben beide durch den Bahnhof der Bastille: revolutionäre Gefährte, die unsere Ansicht von der Erde verändert haben (obwohl Leute wie Jean Paul – falls es das gibt: wie der Dichter – auch ohne Luftansichten die Welt aus einer gesunden Distanz betrachten konnten).

Ist der Held der unsichtbaren Loge ein Revolutionär? Jean Paul und die Französische Revolution: darüber hat Wolfgang Harich ein dickes Buch (Jean Pauls Revolutionsdichtung) geschrieben. Er kommt zu dem Schluss, dass Gustav einen sittlichen Reifeprozess durchläuft, an dessen Ende die Parteinahme für die französischen Ereignisse steht. Günther de Bruyn, dessen immer noch empfehlenswerte, nun in einer überarbeiteten Neuauflage neugedruckte Biographie zwei Revolutions-Kapitel enthält, merkt an, dass die Gestalten der Unsichtbaren Loge und des Hesperus „die Revolution vorzubereiten bereit sind“: weil sie über nachrevolutionäre Zeiten nachdenken, in denen „man nicht bloß, wie jetzt, keine Bettler, sondern auch keine Reichen dulden wird“. In Paris sind sie für diese Überzeugungen durch die Straßen und in die Paläste gegangen, sich sehe sie auf den Kacheln, die den 14. Juli und die weltweite Freiheitsbewegung verewigen, die sich bis in die markgräfliche Provinz durchgesprochen und -geschrieben hat.

 

Kleiner revolutionärer Anhang

Die Revolution und die Musik – sie hat auch bei Beethoven ihren langfristigen Niederschlag gefunden. Gestern abend ging's mir wieder auf: als Martin Rasch in der Hochschule für evangelische Kirchenmusik Beethovens drei letzte Sonaten op. 109, 110 und 111 spielte. Beethoven entwarf mit seinen 32 Sonaten wahre Theaterstücke: mit schnell wechselnden Figuren und Charaktere, mit Rezitativen und Arien, überraschenden Auftritten und Szenen. Selbst dort, wo er, wie in op. 111, die Sonatenhauptsatzform bestätigt, haben wir es mit einer Musik der Subjektivität, des hemmungslosen Idealismus zu tun, wie er auch die Romane Jean Pauls auszeichnet. Diese Musik besteht aus Brüchen, aus lyrischer Emphase und grotesken Einwürfen, aus unerwarteten Winkelzügen und Inseln der Schönheit. Könnte man Musik mit Literatur vergleichen, so müsste man sagen: Jean Paul war der Beethoven seiner Zeit.

Beethoven schrieb die Löwenmusik (um ein Wort Dieter Kühns zu zitieren) seiner letzten Sonaten in den Jahren 1821 und 1822 – also just in den beiden Jahren, in denen sich der Dichter wieder dem frühen Roman zuwandte, um ihm eine Vorrede und eine Entschuldigung voranzustellen. Ich sehe den alten Beethoven, den Ferdinand Waldmüller[1] 1822 malte. Ich sehe den jungen Beethoven, den Joseph Neesen 1786 in einem Scherenschnitt auf die Nachwelt brachte, 5 Jahre, bevor Jean Paul seine erste Zeile zum Roman zu Papier brachte. Prägend für diese Epoche aber war noch ein Älterer, den Jean Paul bereits in der Loge erwähnt hat: Carl Philipp Emanuel Bach. Beethoven erinnerte sich vielleicht noch spät an dessen Fantasien aus der Sammlung Für Kenner und Liebhaber: ein Musik der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, die mit irregulären Rhythmen und Takten arbeitet, die den Hörer permanent überrascht – so wie der Dichter, bis heute, den Leser mit Einfällen, disharmonischen Impromptus, Einschüben und Episoden erfreut.

Ein revolutionärer Zeitgenosse des revolutionären Dichters: Beethoven 1786 (bevor Jean Paul den Roman schrieb) und 1822 (als er wieder über ihn nachdachte).



[1] Der wie stets prachtvolle Waldmüller!



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